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Dieser Trip durch Kurdistan, unmittelbar nach Ende des Golfkrieges, barg jedoch nicht nur einzigartige Landschaftserlebnisse und Begegnungen mit gastfreundlichen Menschen, sondern auch so manche Gefahr für die alleinreisende Radlerin. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Außerdem reist sie mit offenen Augen, sie schildert den allgegenwärtigen Müll, die verrauchten Zimmer ebenso wie die erstaunliche Herzlichkeit, mit der ihr die meisten begegnen. Und natürlich die Diskussionen mit Kurden, ihre Wut über ein Regime, das willkürlich verhaftet, schon auf der Strasse kurdisch zu sprechen, reicht als Grund aus. Sie verschweigt aber auch nicht, wie der kurdische Nationalismus oft zu den krudesten Verschwörungstheorien führt, sie nimmt keine Partei, sie schildert, was sie hört, sieht und erlebt.
Natürlich sollte der Leser im Kopf behalten, dass das Buch 1993 geschrieben wurde, auf dem Höhepunkt der PKK-Guerilla. Erst jetzt wurde es ins Deutsche übersetzt. Und kaum ein Land ändert sich so schnell wie die Türkei.
Wer sich für Geschichte interessiert, stößt schnell auf deren dunklen Seiten, überall, erst recht in diesem Gebiet, das so oft Ziel von Eroberungen war. Die Massaker an Armeniern im ersten Weltkrieg sind in der Türkei immer noch tabu, obwohl sie von der osmanischen Regierung, nicht von der Republik begangen worden waren. Trotzdem dürfen sie in der Türkei nicht diskutiert werden und werden einfach geleugnet.
Als sie bei einer Familie zum Essen eingeladen ist, wird ihr Kreuz, das sie um den Hals trägt, zufällig entdeckt und die Mutter der Gastgebers sagt: Sie hätte es nicht für möglich gehalten, sich je mit einer Christin an einen Tisch zu setzen. Worauf eine hitzige Diskussion ausbricht, mit unerwartetem Ergebnis:
„Dann begann Varas Urgroßmutter, eine runzlige alte Frau, zu sprechen und alles wurde still. Nach einer Weile übersetzte mir Osman, worüber sie sprach. Offensichtlich hatte der Vorfall bei ihr Erinnerungen an das Massaker an den Armeniern geweckt, dessen Zeugin sie als kleines Mädchen in ihrem Dorf etwas weiter im Süden geworden war. Sie erzählte, wie die Imams durch die Straßen gingen und die Kurden drängten: «Tötet die Christen, tötet die Ungläubigen!». Drei kleine Armenierjungen hätten vor dem Gemetzel Zuflucht im Haus ihrer Eltern gesucht, und die Frauen hatten versucht, sie zu beschützen. Sie erinnerte sich, wie ihre Mutter flehte: «Die nicht, die nicht!», doch die Männer hätten sie trotzdem nach draußen gezerrt. Die Straßen seien voller Schreie gewesen, überall schlugen Flammen hoch."
Viele Reiseberichte sind so spannend wie die Urlaubsdias der Nachbarn. Doch Selbys Buch gehört nicht dazu. Anfänglich beginnt es auch etwas trocken, doch bald erlebt der Leser das Land mit, die Begegnungen mit Türken und Kurden, die Ruinen, die Geschichte, von der Selby fasziniert ist und die sie dem Leser auch immer wieder nahe bringen kann. So schlägt das Buch den Leser mit seiner Mischung aus Reisebericht und erlebter Geschichte, Alltäglichem und Unglaublichem bald in Bann und ich habe es in einem Zuge ausgelesen.
(c) Hans Peter Roentgen
in der türkei trifft sie einerseits auf überaus großzügige gastfreundschaft und liebenswürdige menschen, wie auch auf abweisung und gefährliche situationen, wie ständige steinwürfe und riesige hunde, die gezielt auf sie als ausländerin gehetzt werden. beides oft dicht nebeneinander.
es macht immer den reiz ihrer erzählungen aus, daß sie gute und schlechte erlebnisse miteinander verwebt und verbindet und keinen frust aufkommen läßt - weder bei sich selbst, noch beim leser, der ihre reise nachvollzieht.
besonders interessant und für nachahmer und türkei-interessierte wertvoll: die vielen hinweise auf die "kleinen" und weniger bekannten sehenswürdigkeiten, wie wertvolle alte armenische kirchen oder klöster oder kleine, oft uralte, städtchen mit festungsanlagen oder (leider) inzwischen verfallenen palästen.
besonders zum nachdenken anregend: die schilderungen des lebens der kurden und ihr verhalten gegenüber fremden und untereinander - ein beispiel gefällig: die PKK-funktionäre verbieten den kindern der ländlichen bevölkerung in anatolien den schulbesuch, weil sich sich von einer völlig ungebildeten bevölkerung loyale unterstützung erhoffen. daß sie damit dieser gesamten generation jegliches soziales fortkommen und die hoffnung auf ein zipfelchen besseres leben von vornherein nehmen, ist ihnen dabei vollkommen gleichgültig. entsprechend sind dann auch einige bekanntschaften und gespräche, besonders mit intelligenten jungen leuten, die b.selby während ihrer reise macht. wer mehr einblick nehmen will in kurdisches leben - einmal anders als in zeitungen und fernsehen immer wieder gezeigt - der sollte dieses buch lesen.
dazwischen: kurze exkurse in die vergangenheit - z.b. den genozid an der christlichen armenischen bevölkerung, den ursprünglich hier lebenden griechen, der hier einst durchgezogenen persern, den seldschuken, ... - allen, die hier einst hier lebten.
insgesamt ein runder und lesenswerter bericht, den man guten gewissens weiterempfehlen kann.
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