Es gibt sie also doch, diese Begegnungen mit etwas verloren geglaubtem. Nach zwei kurzweiligen Tagen und 218 gelesenen Buchseiten lege ich sehr entspannt und zufrieden Aprilwetter" zur Seite, den aktuellen Roman des deutschen Schriftstellers Thommie Bayer. Jawohl, da ist ihm wieder einer gelungen, dem guten Thommie.
Der ein Multitalent ist. Im Jahre 1953 geboren studierte er freie Malerei, feierte Erfolge als Musiker (Der letzte Cowboy", Ich hole dir keine Sterne vom Himmel"), schrieb Songs und Texte für das Kabarett und Freunde und schließlich seit 1984 auch Romane, Prosa und Gedichte.
Mit dem Erstling Eine Überdosis Liebe" hatte mich Bayer sogleich für sich bzw. seine Art des Schreibens eingenommen. Das sollte über viele Jahre so bleiben, bis ich erste Probleme mit einem gewissen Stilwandel bekam. Das Aquarium" (2002) wurde mir schon zu schwerfällig, nach dem Lesen von Der Singvogel" hatte ich eine dermaßen schlechte Laune, dass ich das Buch am liebsten sofort zum Altpapier gegeben hätte (habe ich nicht).
***
Und nun also Aprilwetter".
Daniel und Benno sind zwei erfolgreiche Musiker, die als Duo mit ihren akustischen Gitarren auf Tour gehen, CD's produzieren und ihr Publikum zu begeistern verstehen. Tanner und Krantz" sind ein nahezu symbiotisch miteinander verbundenes Paar, die zusammen wohnen und leben, musizieren und im Grunde nichts anderes wollen als eben dies zu tun.
Bis Daniel von einem Tag zum anderen durchdreht. Vollgepumpt mit Drogen und besessen vom Verfolgungswahn zerlegt er die gemeinsame Wohnung. Benno bleibt nichts anderes übrig, als ihn ins Krankenhaus zu bringen. In die Obhut von Ärzten, Pflegern und Christine. Auch sie ist Pflegekraft und kümmert sich um die beiden.
Von diesem Zeitpunkt an entwickelt sich eine Geschichte, die ein wenig an den Spielfilm Jules et Jim" von Francois Truffaut erinnert. Aus dem Duo wird ein unzertrennliches Trio, Christine zieht bei den beiden ein, man mag sich, freut sich an der Dreisamkeit und natürlich sind beide Männer in Christine verliebt. Aber keiner will den anderen verletzen und sich offen zu seiner Liebe bekennen.
Während eines gemeinsamen Urlaubs in Frankreich bricht für Benno und Daniel die Welt zusammen. Sie finden Christine abends am Strand in den Armen einer flüchtigen Bekanntschaft und wissen, was das bedeutet. Oder glauben es zumindest.
Daniel heult sich die Seele aus dem Leib, Benno packt seine Sachen und fährt heim.
So weit die Vorgeschichte.
Denn Benno hält nun nichts mehr. Von heute auf morgen verlässt er Deutschland und verbringt die kommenden zwölf Jahre in den USA, lebt mehr schlecht als recht von Tantiemen und als dem Alkohol gut zusprechender Musiker in Countrybands.
Bis eines Tages Daniel auftaucht und ihm das Angebot macht, in Deutschland ein Cafè zu übernehmen. Benno sieht darin die Chance, dem Alkohol und seinem Schicksal als Barmusiker zu entrinnen und sagt sofort zu.
Daniel lebt mittlerweile und seit Jahren mit Christine zusammen und wird mit ihr zwei Etagen über dem Cafè eine Wohnung beziehen. Und Benno ist - natürlich - noch immer in Christine verliebt. Kann das funktionieren oder bricht wieder das Gefühlschaos aus? Alles weitere wird an dieser Stelle nicht verraten.
***
Das Lesen dieses Buches macht einfach Freude. Bayer schreibt anschaulich ohne Ausschweifungen, mit viel Gefühl für das Detail und in diesem Fall mit profunder Kenntnis der musikalischen Rahmenbedingungen, die das Leben von Thanner und Krantz" und insbesondere von Benno, der die eigentliche Hauptperson ist, beeinflussen.
Die Schilderung der Dreiecksbeziehung als Mittelpunkt des Romans ist ebenso gelungen und schlüssig, wie die weiteren Erzählstränge, z. B. der Verlauf der zwölf Jahre, die Benno in den USA verbringt.
Es gibt keine Unterteilung in Kapitel, stattdessen unterschiedlich lange einzelne Abschnitte bzw. Episoden von einer bis zu drei Seiten Länge. Als Leser ist man dabei durchaus gefordert, die Aufmerksamkeit nicht zu verlieren, da Bayer mehrere Zeitebenen miteinander verwebt: die Phase des psychischen Zusammenbruchs Daniels und des Kennenlernens von Christine, die Urlaubsreise der drei nach Frankreich, die Zeit Bennos in den USA und die Gegenwart mit Benno als Wirt des Cafès.
Hört sich kompliziert an, ist es aber nicht. Der Schluss des Romanes ist nicht unbedingt absehbar, jedenfalls nicht in der gewählten Form, ich finde ihn aber gelungen.
Keine große, aber durchaus lesenswerte Literatur.