Wie in allen Romanen des Autorenpaares Lorentz ist auch dieser gut und flüssig durchgearbeitet, die Situationen sind logisch herbeigeführt (mit einigen kleinen Ausnahmen) und die Handlung ist gut und folgerichtig durchgezogen. Bereits auf den ersten Seiten wird der Leser in die Geschichte hineingezogen. Allerdings wirft gerade der erste Dialog weder auf Fridolin noch auf Lore ein gutes Licht, besonders Fridolin kommt hier schlecht weg, die erste Szene fand ich nicht so gelungen. Die Stärke der Autoren ist es unzweifelhaft, eine abenteuerliche, dem Trivialen manchmal recht nahekommende Geschichte in einer für das Autorenpaar ungewöhnlichen und zunächst etwas gewöhnungsbedürftigen Zeitepoche, dem Ende des 19. Jahrhunderts, zu erzählen. Die Geschichte Lores steht hier eindeutig vor der Ausgestaltung des historischen Hintergrundes, auch wenn wir in diesem Band sehr viel über den Enkel des Kaisers, den späteren Kaiser Wilhelm II, erfahren. Im Mittelpunkt des Buches steht das Geschenk für Wilhelm, den Enkel des derzeitigen Kaisers, und in diesem Zusammenhang gelingt es den Autoren auch, die bewegte Zeit der Attentate auf gekrönte Häupter lebendig werden zu lassen. In diesem Zuge lernen wir auch den späteren Kaiser Wilhelm und den noch mächtigen Reichskanzler Bismarck persönlich kennen, beide sind von den Autoren sehr lebendig gezeichnet. Aber auch in diesem Roman schrecken die Autoren vor der Verwendung trivialer Elemente nicht zurück, aufgrund des Handlungszeitraumes erinnert mich dieses Buch immer noch sehr an die Romane von Karl May. Die Autoren fabulieren vor der Staffage des historischen Hintergrundes munter drauflos, wichtig ist vor allem die flüssige und einigermaßen logische Durchziehung der fiktiven Geschichte, was auch in diesem Buch für eine interessante, nie langweilig werdende Handlung mit einigen Kriminalelementen sorgt. Ein Kriminalroman ist es jedoch nicht, obwohl die Morde aufgeklärt werden, steht dieser Handlungsstrang nicht im Fokus des Romans. Genau diese Handlungsstränge sind es, die das Buch in das Fahrwasser der (eher unbekannteren) Bücher von Karl May, die zur selben Zeit in Deutschland spielen, bringt (z. B. Der Peitschenmüller"). Selbst vom Stil her sind einige Ähnlichkeiten unübersehbar.
In diesem Roman gelingt es dem Ehepaar Lorentz schon sehr viel besser als im ersten Band, dramaturgische Schwächen und Ungereimtheiten zu vermeiden. Die Handlung plätschert leicht und flüssig dahin und führt immer wieder zu Spannungshöhepunkten, dies ist dann wieder ein Roman, wie man ihn eben von Iny Lorentz gewöhnt ist. Fridolin als aufstrebender Bankeigner gewährt uns so manchen Einblick in das Bankwesen der damaligen Zeit, am Beispiel des hoch verschuldeten Landrats von Stenik wird deutlich, wie die Banken dieser Zeit verlorenem Geld aus Protektion noch weiteres Geld hinterherwerfen. An diesem Verhalten dürfte sich bis heute nicht viel geändert haben. Auch die Familie Trepkow, die nach dem Motto Vornehm geht die Welt zugrunde" lebt und lieber hungert, ehe sie (außer Caroline) eine ehrliche Arbeit annimmt, wirft, ähnlich derjenigen, die Wilhelm eine teure Jacht zum Geschenk machen wollen, ohne einen Pfennig Geld zu besitzen, ein bezeichnendes Licht auf die höhergestellte" Schicht dieser Zeit. Die Autoren zeichnen jedoch auch ein schonungsloses Bild des späteren Kaiser Wilhelms, hier ist mit dem herrschenden Nationalismus und Militarismus bereits spürbar, dass Deutschland nach dessen Machtübernahme mit forschem Stechschritt auf den ersten Weltkrieg zumarschieren wird. Bereits zu diesem Zeitpunkt zählt die Uniform schon mehr als der darin steckende Mensch. Der Ausflug Lores in die Bergwelt der Schweiz vermittelt uns darüber hinaus einige Einblicke in den Tourismus und die Bergrettung der damaligen Zeit und sorgt darüber hinaus zum Ende des Romans hin für einige ausgesprochen spannende Momente. Kleine unlogische Sequenzen sind wieder einmal enthalten, so suchen sich beispielsweise die Grünfelders einen verheirateten Mann als potentiellen Schwiegersohn aus, dies wird zwar von den Autoren durchaus mit vielen eventuell sogar glaubhaften Erklärungen bedacht, wirkt insgesamt jedoch doch etwas an den Haaren herbeigezogen. Von Schusswaffen scheinen die Autoren auch nicht allzu viel zu verstehen, wer einen entsicherten Colt in einer Handtasche transportiert, dürfte relativ lebensmüde sein.
Wieder einmal ist bei diesem Buch im Klappentext keine Jahreszahl genannt, so dass man sich mittels der Bemerkung auf der zweiten Seite über vergangene 5 Jahre die genaue Jahreszahl errechnen muss. Prompt hat man sich dann um ein Jahr vertan, da das Buch Dezembersturm" im Jahr 1875 beginnt, aber erst im Jahr 1876 endet. Auf Seite 30 wird dann jedoch endlich die genaue Jahreszahl genannt, der Roman beginnt im April 1881. Ich halte dies für keine elegante Lösung. Auch in diesem Roman steht die Geschichte von Lore und Fridolin im Vordergrund, bis auf die genannten Auftritte Wilhelms und Bismarcks bleibt der historische Hintergrund weitestgehend verschwommen und nur in einigen Dialogen wird auf nötige Hintergrundinformationen Bezug genommen.
Wie in vielen Romanen I. Lorentz' können die meisten männlichen Charaktere den weiblichen Protagonisten nicht das Wasser reichen. Fridolin von Trettin kommt in diesem Roman gleich von der ersten Seite an sehr schlecht weg und muss zum Ende hin die Überlegenheit Lores eingestehen, allerdings ist gerade bei ihm eine Entwicklung zum Besseren auszumachen. Zum ersten Band hin hat er sich doch sehr verändert und ist kaum wiederzuerkennen. Seine Veränderung wird zwar einigermaßen logisch begründet, so ist er ein aufstrebender Miteigner einer Bank und er tut wirklich alles, um seine nach außen hin sehr konservativen, insgeheim aber den zwielichtigen Verlockungen nicht abgeneigten Geschäftspartnern zu gefallen. Aber die alten Feinde schlafen nicht und so nimmt das Verhängnis seinen Lauf und allen Bemühungen zum Trotz wird Fridolin bei den ersten Schwierigkeiten von seinen neuen Freunden fallen gelassen. Dieses Buch stützt sich nicht so sehr auf einen Schurken von Format, viele unglaubliche Verwicklungen und Zufälle stehen hier im Vordergrund. Als Lore ihren Fridolin wegen eines dummen Gerüchts und falschen Augenscheins verlässt, kommt sie mir als inzwischen gereifte und sehr selbständige Person doch sehr weltfremd vor. Fridolin und Lore erinnern mich doch sehr an Marie und Michel nach längerer Ehezeit in der Tochter der Wanderhure", ähnlich wie Marie wirkt auch Lore in manchen Situationen recht zickig. Nur Nati ist immer noch die alte und wird auch durch ein Schweizer Internat nicht von ihrer Widerspenstigkeit und Aufmüpfigkeit geläutert. Auf diesem Wege sorgt sie weiterhin für einige amüsante Szenen und Schmunzler.
Die dramatische Rettung Lores und die Versöhnung des Ehepaares ist in diesem Buch sehr viel besser gelungen als die Liebesgeschichte im ersten Band. Das Ende ist deshalb spannender und läuft auch ordentlich aus. Der zweite Band bietet eine erhebliche Steigerung in der Flüssigkeit und in der Spannung und ist trotz einiger kleiner Schwächen sehr unterhaltsam und liest sich flott weg. Der dritte Band ist ähnlich unterhaltsam und schon aus diesem Grunde lohnt sich das Dranbleiben. Der zweite Teil ist auch ohne den ersten Band durchaus verständlich, aber der dritte Band nimmt doch sehr viel Bezug auf den zweiten Teil, deshalb sollte man Aprilgewitter" unbedingt gelesen haben, ehe man zum Juliregen" übergeht.
Aus allen diesen Gründen ist das Buch unbedingt empfehlenswert!