Wenn man „Antike" liest und dabei von Literatur die Rede ist, denkt man zunächst nicht an Liebesgedichte, sondern an Texte, mit denen Lateinlehrer ihre Schüler grausam quälen können: Caesars Gallischer Krieg, Ciceros Reden gegen Catilina oder Senecas Moralische Briefe. In dem vorliegenden, schon äußerlich sehr einladenden Buch - es ist mit erotischen Szenen antiker Maler illustriert - wird uns das Altertum von einer ganz anderen Seite gezeigt: Verliebte Männer (und auch zweimal Frauen) gewähren uns in 100 Gedichten aus der Zeit von 600 vor bis 100 nach Christus intime Einblicke in ihre Gefühle für junge Frauen oder Männer. Wem so etwas bisher vielleicht doch einmal in die Hände geraten ist, konnte in der Regel keinen rechten Zugang finden, da klassische Poesie in komplizierten Versmaßen abgefaßt ist und diese früher stets in die entsprechenden deutschen Versmaße umgesetzt wurden. Das machte die Texte sehr schwer zugänglich. Holzberg dagegen bemüht sich um größtmögliche Verständlichkeit, indem er denkbar wörtlich, dabei aber in die Sprache unserer Zeit überträgt und zugleich durch leichtes Rhythmisieren der deutschen Sätze einen gewissen Klang von der Musikalität des Originalklangs vermittelt. Wörtlich - das bedeutet auch, daß dieser Übersetzer sich im Gegensatz zu seinen Vorgängern nicht scheut, Anzüglichkeiten, ja Obszönitäten der griechischen und lateinischen Texte wortgetreu wiederzugeben. Wir werden in eine Welt geführt, in der beim bekannten „Spiel" zwischen Mann und Frau zweifellos etwas andere Regeln herrschen als in unserer Zeit. So wird zum Beispiel nicht so klar wie heute zwischen romantischer Liebe und purem Sex getrennt, sondern beides erscheint auf eine teils exotisch, teils vertraut wirkende Weise miteinander vermischt. Aber jeder moderne Leser fühlt sich schon nach dem Lesen der ersten Verse dieser Gedichtsammlung in den Bann von Frau Venus gezogen und kann die Empfindungen der zu ihm sprechenden Liebesdichter- und Liebesdichterinnen ohne weiteres nachvollziehen. Da Sagen des klassischen Altertums über verliebte Götter und Helden, auf die in den Gedichten gelegentlich angespielt wird, in einem alphabetischen Register am Ende des Bandes ausführlich erklärt werden, ist ein unbeschwerter Lesegenuß garantiert. Man darf dem Herausgeber des Bandes, der die von ihm vorlegten 100 Gedichte sehr geschickt ausgewählt hat, ebenso applaudieren wie der Liebesgöttin, welcher der bekannte römische Dichter Ovid in einem auf Seite 112-117 abgedruckten Gedicht begeistert zuklatscht. Reiner Grißhammer