Gerhard Polt liebt Anekdoten. Das selbst Erlebte anderer Leute ist ihm genauso wichtig wie ihre Meinung, die gern auch verschroben-spießig sein darf. Für mich persönlich zeichnet sich beim Polt des neuen Jahrtausends ein neuer Trend ab: War Polts Darstellung des Spießers in der Vergangenheit meist wie durch einen Zerrspiegel kritisch gebrochen, so bleibt in seinen neueren Werken die Distanz zwischen Künstler und Kunstfigur häufiger auf der Strecke. Diese Tendenz mag man etwas bedauern. Zumal Polt mit seinen nicht abreißen wollenden Kommentaren auf den Nationalsozialismus gerne mit dem Feuer spielt.
Auch APOKALYPSEN (2008) enthält eine zwielichtige Anspielung auf die "gute alte Zeit". In "Duzi Duzi" erfahren wir von einer regen Münchner Biertischdiskussion zwischen Hitler und Ludendorff über die Dolchstoßlegende. Weil der spätere "Führer" ihretwegen im Cafè Annas Lokalverbot erhalten habe, hätte die greise Erzählerin, zur Zeit der Begebenheit ein Säugling, dem Hitler im nachhinein "die Prinzregententorte ja bezahlt", denn: "Man kann über den Hitler viel sagen - aber ein Zechpreller war er nicht".
Ein Glück, dass die meisten der Anekdoten auf APOKALYPSEN ohne Politik auskommen. Polt plaudert aus dem Nähkästchen, vorzugsweise aus der Kindheit. Natürlich derb. Vom Berti" erfahren wir, dass dieser den anderen im Hirnkastl weit voraus" war: "Wenn man zum Berti is' und hat gsagt: ,Du Berti, soach' amoll in d'Hosn', nor hat der in die Hosn gebrunzt. Ja Moment: Aber er hat ein Fünferl dafür verlangt." Geschäftssinn will früh geübt sein: "Nur solche Leute kommen bei der Allianzversicherung hinauf." Trotz seiner gewohnt zynischen Einwürfe wirken Polts Erzählungen weniger kritisch als kurios. Zwar wird man in Spinat" erneut in die dunklen Nachkriegsjahre versetzt: "Eine Kindheit hab' ich ja gar keine ghabt". Obwohl Züchtigungen an der Tagesordnung waren, haben diese nicht mehr traumatische Spuren hinterlassen als die dürftige Diät jener Tage. Blumenkohl und - eben - Spinat. Das verleiht dem ganzen einen reichlich komischen Anstrich.
Polts anekdotische Erzählweise ist angelehnt an seine Kindheitserinnerungen (HUNDSKRÜPPEL), erinnert stilistisch aber auch an die miniaturhaften Sketche und Porträts seiner Anfangszeit (DER ERWIN, LEBERKÄS' HAWAII, D'ANNI HAT GSAGT). Bei allem Respekt vor Polts Erzählkunst reißen einen nicht alle Stücke vom Hocker ("Der Regenwurm"). Im Kuriositätenkabinett der APOKALYPSEN strahlen andere Stücke heller: "Dieser Mozart" ist die herrlich absurde Geschichte eines Metzgers namens Schikaneder, der behauptet, als Nachfahre des Zauberflöten-Librettisten im Besitz eines Schuldscheines von - eben - W. A. Mozart zu sein: "Die Symphonie hat er nie geschrieben (...). Meine Lebensplanung wäre eine ganz andere gewesen": teuere Fliesen in der Metzgerei, ein Bugatti statt eines Porsche. Als ironischer Sprachkünstler glänzt Polt immer noch: Vom "Apokalyptiker" etwa erfährt man, dass er in seiner Jugend "nicht so equipped wie heute" war.
So kurzweilig es sein mag, Polt beim Erzählen zuzuhören - am Wertvollsten ist er immer noch in seinem angestammten Fach. Als bekannte Figur aus Polts Bühnenkabinett kommt der hochnäsige Spießer ("Mehr oder weniger") ebenso zum Zuge wie der Konservator ("Das CSU-Museum"). Das Schlusswort ("Der Apokalyptiker") gebührt Polts ureigenster Maske: dem Polterer. Nomen est omen.
Freilich: Nicht alle Lacher auf dem Album sind taufrisch. Polt weiß zwar, wie gut seine recycelten Pointen vergangener Tage bei vielen Fans ankommen. Von einer Neuauflage des Weißwurst grillenden Dr. Brezner wird man hier verschont. Zu viel ist allerdings in Wort und Tat an vergangene Glanznummern angelehnt - insbesondere an Polts `97er Meisterwerk DER STANDORT DEUTSCHLAND.
Was den APOKALPYSEN weitgehend fehlt, wird auf der Schlussgeraden zum Glück noch nachgeholt: Gegenwartsbezug. "Der Apokalyptiker" besticht mit einer hochkarätigen Schimpftirade: über abgehobene Politik, nichtexistente Privacy ("wo ist denn meine Privatheit? alles durchlöchert!") und Bankenpleiten. Auch "Das CSU-Museum" hält, was der Titel verspricht: Es ist Polts größte Ansammlung von Pointen seit langem. Sämtliche Parteigrößen bekommen ihr Fett ab - vom "Ochsensepp" über FJS und den Verkehrssünder Wiesheu ("mehr Promille, als der Haider jemals hatte") bis zu Stoiber, Beckstein und Huber. Das CSU-Museum, bayrisches Pseudo-Pendant zu Louvre und British Museum, ist ein Lachkabinett erster Güte.
Fazit: APOKALPYSEN ist ein Album in "elder-Statesman-Manier". Gerhard Polt muss nichts mehr beweisen und hat sich schwerpunktmäßig aufs Anekdotenerzählen verlegt. Bezieht er bisweilen Stellung zu aktuellen Problemen, so tut er das immer noch mit einer erstaunlichen Autorität. APOKALPYSEN ist kein Meisterwerk; ein würdiges Alterswerk ist es allemal.