Inzwischen ist er zu einem richtigen Schriftsteller geworden. Denn seit einigen Jahren ist er tot. Von ihm stammt der Ausspruch: "Ich bin kein Schriftsteller. Ich bin ein Humorist. Erst wenn man stirbt, wird man ein Schriftsteller." - Also wurde er nach eigener Definition frühestens Anfang 2005 zum Schriftsteller. Er war damals 80 Jahre alt.
Vorher war er nicht nur nicht Schriftsteller. Er war auch ein großer Satiriker, außerdem Filmemacher (z.B. "Der Blaumilchkanal", Israel 1969) und Theaterregisseur (z.B. "Es war die Lerche", 1974). Ephraim Kishon war über Jahrzehnte Dauergast bei den verschiedensten Talkshows unseres Landes. "Was ist Humor?", fragte er einmal und gab gleich die Antwort mit: "Ungefähr fünfmal am Tag höre ich diese Frage (...). Und ich antworte: Ich hab' keine Ahnung und ich lebe davon." - Und selbstverständlich lebte er davon nicht schlecht. Seine größten Bucherfolge waren "Drehn Sie sich um, Frau Lot!" (1962) [hier, nur wenige Klicks entfernt, von mir ebenfalls rezensiert] und "Arche Noah, Touristenklasse" (1963). Über vierzig Millionen Bücher soll Kishon verkauft haben, schrieb Josef Joffe in der ZEIT, "davon die überwältigende Mehrheit in Deutschland (32 Millionen)." Für dieses massenpsychologischen Phänomen findet Joffe zwei Erklärungen. "Die eine ist, dass sich Kishon über Dinge lustig machte, die den Deutschen in den ersten Nachkriegsjahrzehnten höchst vertraut waren: Bürokratie und Beamte, Verteilung von Knappheit, insbesondere von Wohnraum, die Arroganz und Sturköppigkeit all jener, die Macht über den 'kleinen Mann' hatten." Und dann ein hoch interessanter Satz, der einem manches - ich erinnere an das Israel-Bild der 70er Jahre - ins Gedächtnis zurückruft: "Vergessen wir nicht, dass Israel bis in die achtziger Jahre hinein ein zentraleuropäisches Gebilde sozialistischer Prägung war, eine demokratische Staatswirtschaft." - Die zweite Erklärung für das Phänomen Kishon sieht Joffe in den tieferen Schichten der Kollektivseele unseres Landes. "Endlich durfte man wieder über die Juden lachen, und um so herzhafter, als diese Juden nicht nur menschlich, allzu menschlich, sondern auch heldenhaft waren. Diese israelischen Juden mit ihren komischen Namen wie Nebenzahl, Feinholz oder Manfred Toscanini waren wie du und ich und zugleich Panzerfahrer und Piloten, die anders als die Deutschen ihre Kriege andauernd gewannen."
Knapp siebzig Geschichten gibt uns der Autor in "Ein Apfel ist an allem schuld" aus dem Jahre 1994: Kishons "Gebrauchsanweisung für die Zehn Gebote". So heißt das Buch auch im Untertitel. Die Erzählungen repräsentieren die volle Lustigkeit aus dem, was Moses seinerzeit am Sinai stellvertretend für alle Menschen in Empfang nahm.
Und dabei begann alles so harmlos. Mit einem "Geständnis des Apfelwurms an der Polizeistation Himmelspforte im Jahre 3013 v. Chr." ... "ICH, DER UNTERZEICHNENDE, gebe hiermit zu Protokoll, dass ich in jenem Apfel saß, den die Schlange Frau Adam angeblich empfohlen haben soll." Der Apfel der Erbsünde. Die teuflische Schlange der Verführung. Und mit dabei ein Apfelwurm. Sicherlich hatte er kleine Füße und Beinchen. Denn das tierische Kriechen wurde erst kurze Zeit später erfunden: bekanntermaßen als Strafe für die Schlange wegen eben dieser vorgenannten Verführung Evas und Adams zur Apfelverköstigung.
Der Apfelwurm plädiert auf Freispruch. Selbstverständlich nicht für die Schlange. Auch nicht für Eva und Adam. "Ich plädiere auf Freispruch für den Apfel, der nach offizieller Anklage an der größten Katastrophe der Menschheit für schuldig befunden wurde." Der Apfelwurm wendet sich damit direkt gegen seinen Schöpfer selbst. Gott!? Nein, nicht Gott. Der Apfelwurm wendet sich mit seinem Plädoyer gegen Ephraim Kishon. Denn den Vorwurf, der Apfel sei an allem schuld, wurde so dezidiert noch von keinem anderen erhoben, wie von dem israelischen Satiriker.
Zunächst war es nur ein einziges Verbot Gottes, eine paradiesische Untersagung frugaler Gelüste, das ausgesprochen im Garten Eden seiner Einhaltung pochte. Nach dem Verstoß gegen es, stand eine Schuldfrage im Raume. Juristische Verstrickungen gleich zu Beginn der Geschichte der Menschheit. Und nicht mal die Schuldigen lassen sich eindeutig ausmachen: siehe Kishon, der den Apfel favorisiert, doch dankenswerterweise auch dem Apfelwurm zu dessen Verteidigung das Wort erteilt.
Ein Verbot, ein einziges Verbot!? Das ist eindeutig zu wenig. Wenige Generationen später - es fiel in die Zuständigkeit des Wanderführers Moses - fand mit weiteren Ver- und Geboten bereits eine Verzehnfachung des juristischen Unterbaus der göttlichen Gesetzgebung statt. [Die exponentielle Vermehrung von Vorschriften, Artikeln und Anweisungen - von Hammurabi über das römische Recht, von Napoleon bis zum BGB (vom exemplarisch hier zu nennenden unübersichtlichen deutschen Steuerrecht der Gegenwart, vielleicht auch ähnlich kompliziert das israelische, ganz zu schweigen) - nahm damals ihren Anfang.]
"In meiner Funktion als umweltfreundlicher Wurm residierte ich zur fraglichen Zeit in besagter Frucht. Ich versichere an Eides Statt, dass ich keinen bemerkenswerten Unterschied zwischen der sogenannten Frucht der Erkenntnis und allen vergleichbaren Obstsorten feststellen konnte, die ich während meines Aufenthalts im Paradies gekostet habe. Es handelte sich zweifellos um einen Apfel wie jeder andere ..."
Mit "Auf Moses' Spuren" legt Ephraim Kishon denn auch gleich richtig los. Ich zitierte hier nur die lustigsten der Kapitelüberschriften, anhand derer Kishon durch die einzelnen der Zehn Gebote Gottes fegt: "Götter auf sechs Zylindern oder Gaudi bei Audi" (1. Gebot: Du sollst nicht andere Götter haben neben mir), "Ein brillanter Gesprächspartner oder Wenn der Hausdiener zweimal spuckt" (2. Gebot: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnütz gebrauchen).
Zurück zum Apfelwurm. Ihm - komischerweise - wurde Gnade und Milde zuteil. "Nach meiner Einschätzung diente die Frucht der höchsten Stelle lediglich als Alibi, um die beiden herumlungernden Nudisten aus dem Garten Eden legal ausweisen zu können. Festzuhalten bleibt, dass hingegen meine Aufenthaltsgenehmigung für das Paradies verlängert wurde, obwohl auch ich von der Frucht der Erkenntnis gekostet hatte. / Gezeichnet: Apfelwurm"
Zurück zu den Geboten. Es folgt das Kapitel "Die unerträgliche Schwierigkeit des Freitags". Und weiter in der Aufzählung der Gebote: "Der Tag, an dem der Hase Eier legte" (3. Gebot: Du sollst den Feiertag heiligen).
Gebote. Die "Verordnung eines Höhern", wie Johann Georg Krünitz in seiner "Oeconomischen Encyclopädie" (18./19. Jahrhundert) - insbesondere auch im Hinblick auf jene alttestamentarischen zehn an Zahl - sie so trefflich bezeichnete. Kishon gibt uns weitere Kapitel, so u.a. "Sabine oder Heirate deine Mutter" (4. Gebot: Du sollst Deinen Vater und Deine Mutter ehren) und "Nichts als die Wahrheit oder Adolf im Salzkammergut" (5. Gebot: Du sollst nicht töten).
Halbzeit bei den Geboten. Genau genommen haben wir bisher nur zwei Gebote (nämlich 3 und 4). Die anderen - also 1, 3 und 5 - sind bei strikter Betrachtung eigentlich Verbote. Weiter geht's. "Kurzer Lehrgang in praktischer Polygamie" (6. Gebot: Du sollst nicht ehebrechen) und "Unsere tägliche Unterschlagung gib uns heute" (7. Gebot: Du sollst nicht stehlen) sind nur zwei der weiteren Beispiele Kishon'scher Dekalogverarbeitungen. Damit gewinnen die Verbote die Überhand.
Anders als Friedrich Hebbel, der einen seiner Protagonisten (die Figur des Herzogs Albrecht in seinem Drama "Agnes Bernauer") von "als ob alle zehn Gebote mit feurigen Buchstaben auf Eurer Stirn geschrieben ständen" sprechen lässt, geht Ephraim Kishon mit viel Augenzwinkern an das göttliche Gesetzeswerk heran. Mit "Ein praktischer Ratgeber zur professionellen Verleumdung" (8. Gebot: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden) überschreibt er den Klassiker aller Sündenregister, das schwersteinzuhaltende Lügenverbot.
Die "Totale Säuberungsaktion mit rohen Eiern" (9. Gebot: Du sollst nicht begehren Deines nächsten Haus) und das "Ein gut frisierter Ehebruch oder Der Verdacht ist unbegründet" (10. Gebot: Du sollst nicht begehren Deines nächsten Weib, Knecht ...) komplettieren die Aufzählung Gottes. Das Leben war eindeutig komplizierter geworden, als noch zu den seligen Zeiten des simplen Apfelverbotes. Und Kishon wäre nicht Kishon, hätte er sich nicht noch etwas Zusätzliches einfallen lassen: "Das elfte Gebot oder Ein Weihnachtsbaum für alle".
Wie festgestellt war Ephraim Kishon - bevor er durch den Tod zum Schriftsteller wurde - nur ein Humorist, aber als Humorist einer der wenigen, die davon nicht schlecht lebten. "Humor" so Kishon, "ist Gottes schönste Gabe und bringt die Menschen dem Universum näher." In "Ein Apfel ist an allem schuld" geht es jedoch nicht nur um die Ereignisse im Himmel und um Moses' Werk der Zehn Gebote - vielmehr geht es in dem Buch, wie immer bei Kishon, vor allem um die unheilbaren Schwächen der "Krone der Schöpfung", den Unvollkommenheiten der Menschen.