Apex bedeutet im Lateinischen Spitze. Für die Hauptfigur in Colson Whiteheads gleichnamigem Roman steht Apex gleich im doppelten Sinne für Spitze. Von Beruf Berater für Namensgebung stellt die Benennung eines fleischfarbenen Pflasters mit dem Kunstbegriff "Apex" den Höhepunkt seines Berufsweges dar. Mit Preisen ausgezeichnet, von den Kollegen beneidet, ging es für ihn danach nur noch bergab. Nun steht er als Rekonvaleszent nach Amputation eines Zehs vor einer ganz neuen Herausforderung: Er soll keinen Namen vergeben, sondern zwischen drei Namen entscheiden.
Winthrop, eine kleine Gemeinde im Nirvana des US-amerikanischen Mittleren Westens ist in die Jahre gekommen. Benannt nach einem Clan von Industriellen, die mit Stacheldraht ein Vermögen für sich und die Gemeinde verdient haben, ist nach dem Niedergang dieser Fabrik auch der bisherige Name scheinbar nicht mehr en vogue. Der aufstrebende Besitzer eines Computerunternehmens will aus Winthrop eine ebenso aufstrebende Gemeinde der New Economy machen. Dafür muss aber erstmal ein zukunftsweisender Name her. Der Vorschlag der Namensberater lautet "New Prospera". Wäre da nicht noch die farbige Bürgermeisterin, die eine Rückbenennung in den Gründungsnamen der Gemeinde bevorzugt. Aufgebaut von befreiten Sklaven war der Ort seinerzeit "Freedom" genannt worden. Nun liegt es am Hauptprotagonisten zu entscheiden, welcher Name am ehesten zu diesem Fleckchen Land und seinen Bewohnern paßt. Wie wird er sich entscheiden?
Colson Whitehead nimmt den Leser mit zu einem brain storming über die Bedeutung von Namen. Natürlich sollte dem Leser die feine Ironie nicht entgehen, dass ein Ort gegründet von befreiten Sklaven benannt ist nach einem weißen Stacheldrahtproduzenten. Die besondere Bedeutung der freien Namenswahl für befreite Sklaven, die zuvor von Ihren Besitzern benannt worden waren, ist einer dieser Gedanken, der den Roman durchzieht. Dass die Hauptfigur des Romans namenlos bleibt, sei nur am Rande erwähnt.
Genauso geht es aber auch um den Wahn der Moderne, Namen zu verändern, wenn der alte Name scheinbar nicht mehr der Zeit angemessen erscheint. Es geht um die Mode vollkommen bedeutungsleere Kunstnamen zu verwenden, um eine neue Marke zu schaffen. Aus Raider wird jetzt Twix. Eine sehr aktuelles Thema denkt man nur an gegenwärtigen Beispiele zur Umbenennung von Unternehmen, um die Vergangenheit abzustreifen: So wird aus der Citibank über Nacht die Targobank, um die marketingschädlichen Versäumnisse bei der Beratung der Kunden zu Lehmann-Zertifikaten vergessen zu machen.
Es resultiert nicht weniger als ein gut geschriebener, kurzweiliger Roman. Aber auch nicht mehr. Lobend zu erwähnen ist, dass Autor und Verlag erkannt haben, dass der Roman mit seinen gerademal 190 Seiten genau die richtige Länge hat. Mehr hätte das Thema und die Figuren nicht hergegeben.
Der Ton des Roman ist sartirisch, in einigen Szenen auch gelungen komisch. Der eher zukunftsskeptische Leser wird das eine oder andere Mal wissend mit dem Kopf nicken. "Apex" ist aber auch eines dieser Bücher, von denen nach dem Lesen der letzten Seite nichts zurückbleibt. Zu blass sind die handelnden Personen, zu gekünstelt das eigentliche Thema des Buches und zu dünn die resultierende Handlung, um bleibende Spuren zu hinterlassen. Nicht nur Namen sind manchmal Schall und Rauch.
Insgesamt komme ich daher auf 3 Sterne. Ein gutes Buch für einen ruhigen Sonntag oder eine längere Flug- oder Zugreise. Nicht mehr und nicht weniger.
PS Für Leser denen "Apex" gefallen hat, wäre John von Düffels "Ego" sicherlich einen Blick wert.