Seit dem schonungslosen Kolonialkriegroman
Der Judaskuß (1979) ist António Lobo Antunes, 57, so etwas wie das schlechte Gewissen Portugals. In meisterlich geschriebenen Monologen machte der Autor vor allem das Gewalt- und Totenreich der Diktatur (1934-1974) seiner Heimat zum Gegenstand -- und sich selbst viele Feinde. Schlagendstes Argument war dabei immer die Sprache, und in
Anweisungen an die Krokodile ist das nicht anders. Aus der Ich-Perspektive vierer verstorbener Frauen erzählt das Buch vom gescheiterten Terroranschlag rechtsextremer Putschisten während der Nelkenrevolution 1974 -- wobei Antunes den simultanen Figurenchor derart virtuos aus dem Erzählfluß auf- und wieder in ihn eintauchen läßt, daß Vergangenheit und Gegenwart, Täter- und Opferpositionen unentwirrbar ineinanderfließen. Bezeichnenderweise gerät der Tejo immer wieder zur Metapher des narrativen Bewußtseinsstroms.
Im Roman findet der Magier des Worts Antunes im alten Zirkustrick von der zersägten Dame ein Bild dieses analytisch-synthischen Erzählverfahrens: "der Zauberer sägte sie in der Mitte durch, schob die beiden Hälften auseinander, die Teile vereinten sich wieder". Dabei operiert der Autor, einst Chirurg im Angolakrieg und später Psychiater, auch in Anweisungen an die Krokodile mit einer Präzision, die zugleich bezaubert und erschreckt. Zwar reduziert er, wie bereits in Portugals strahlende Größe (1998), die verwirrend-polyphone Orchestrierung des Requiems Handbuch der Inquisitoren (1997) auf ein simples Stimmenquartett. Doch zeigt auch das neue Meisterwerk des ewigen Anwärters auf den Literaturnobelpreis, daß er ihn wie kein zweiter verdient.
Nicht von ungefähr antwortete der italienische Autor Antonio Tabucchi auf Antunes' Frage, warum er sich derart intensiv der Übersetzung der Romane des Freundes widme: "Weil Du mehr Talent hast als ich".-- Thomas Köster
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Litanei der Frauen, vierstimmig
António Lobo Antunes orchestriert den Terrorismus
Von Katharina Döbler
Fatima fürchtet das Licht. Celina erinnert sich ans Fliegen. Simone träumt zwischen Schmieröl und Batterien. Mimi lächelt, immerzu. Vier Frauen sind die Erzählerinnen und Hauptfiguren in António Lobo Antunes' neuestem Roman. Abwechselnd bestreiten sie darin ein Kapitel mit ihren Obsessionen, unerfüllten Sehnsüchten, körperlichen Schwächen, kindlichen Ängsten und erwachsenen Enttäuschungen. Gemeinsam ist ihnen eine existentielle Traurigkeit, in die sie eingesponnen sind wie in einen Kokon. Diese Traurigkeit, das zentrale atmosphärische Element in Lobo Antunes' Romanen, kennt man am tiefsten und betörendsten aus dem «Handbuch der Inquisitoren», in dem ein ganzer Chor sich widersprechender, widerstreitender, einander ins Wort fallender Stimmen von der Nelkenrevolution als dem Ende grosser Hoffnungen sprach.
«Anleitungen an die Krokodile» nun, der dritte Roman eines Zyklus über die Macht, der mit dem «Handbuch» begann, spielt in der Zeit unmittelbar nach der Revolution. Eine Gruppe rechtsextremer Terroristen (die «Krokodile»), die vom benachbarten Franco-Spanien unterstützt wird und aus hochrangigen Militärs, einem Bischof, einem Geschäftsmann, dessen Chauffeur, einem geschickten Bombenbauer und einem Fussvolk ehemaliger Kolonialisten, Polizisten und Geheimdienstler besteht, plant den Umsturz. Obwohl von einem Plan im Roman nicht viel auszumachen ist; das blutige Geschehen treibt eher wie blind auf einen Höhepunkt zu. Vom Kalkül der Macht und von der unseligen Troika, die sie sich erhalten will Wirtschaft, Kirche, Militär , ist kaum vertiefend die Rede. Überhaupt kommt es Lobo Antunes hier kaum auf exakte politische Sachverhalte an. Terrorismus ist ein zutiefst irrationales Phänomen; und diese Irrationalität, das Wahnhafte und Destruktive daran, versucht er über die vier Frauenstimmen mitzuteilen. Im sei es darum gegangen, die Seinsweise der Frauen ein bisschen besser zu verstehen, denn mit den Männern sei es eine sehr äusserliche Sache, sagte er in einem Interview.
Innenwelten
Frauenfiguren eignen sich besonders für den Blick nach innen. Jedenfalls solche, wie sie Lobo Antunes entwirft: Von den Attributen der Häuslichkeit und des Alltags umgeben, dem männlichen Begehren ausgesetzt, dem eigenen ausgeliefert, von Familienstrukturen gefangen, gibt es für sie kein Entrinnen aus der Ausweglosigkeit einer alltäglichen Niederlage. Und dass die Innenwelten immer die literarisch interessanteren sind, ist der Ausgangspunkt und die Grundlage von Lobo Antunes' einzigartiger Erzählkunst. Die Innenwelt ist ja nicht nur sprachlich so viel ergiebiger als die äussere, sie ist auch selbst in der Lüge wahrer und schillernder selbst in ihrer Dunkelheit.
So hat es seine Folgerichtigkeit, wenn die Erzählerinnen des Romans die männlichen Aktivisten nur erwähnen und gelegentlich zitieren. Nur in ganz seltenen, kurzen Passagen kommen die Kämpfer gegen den Kommunismus auch einmal zu Wort. (Dabei könnte es durchaus sein, dass der Mann, der da spricht, doch nur die Projektion der Frau ist, die über ihn spricht.)
Versehrungen
Mimi, die immerzu lächelt, ist die Ehefrau des Geschäftsmannes. Schwerhörig, bietet sie Tee an zu Mordplänen, hüllt sich in Schweigen zum Ehebruch ihres Mannes. Während ihre Gedanken um das Sterben der Grossmutter kreisen, treibt sie auf den eigenen Tod zu, ohne Auflehnung, in der Isolation ihrer Schwerhörigkeit. Lobo Antunes selbst kam mit einem Gehörschaden aus dem Angolakrieg zurück. «Schwerhörige», sagt Mimis Mann zu seiner Geliebten, «sind anders als wir.» Mimis geistesabwesende Präsenz besitzt viel Gewicht in diesem Buch zum Teil auch deshalb, weil niemand etwas von ihr weiss. Mimis Behinderung ist die auffallendste; versehrt aber sind diese Frauen alle. Alle vier haben im Lauf ihrer Lebensgeschichte den Halt in der Realität verloren. Bei Celina ist es die kindliche Liebe zum Onkel und Liebhaber der Mutter, die sie wie eine offene Wunde mit sich herumträgt, und ein bitteres Schuldgefühl: Unter dem Deckmantel terroristischer Gruppendisziplin hat sie ihren ungeliebten Ehemann durch die Schergen ihres Liebhabers ermorden lassen. Von dem Liebhaber ist aber nie als dem Geliebten die Rede, sondern stets als dem «Geschäftspartner meines Mannes».
Überhaupt setzt Lobo Antunes die Figuren über die Bezeichnungen in eng definierte Beziehungen zueinander. Fatima, «die Patentochter des Bischofs», ist darüber hinaus seine von Selbstekel umgetriebene Konkubine, die nicht aufhören kann, auf eine bittere Kindheit im Schatten der Kirche zurückzublicken. Und dann ist da Simone, ein dickes Mädchen, «Verlobte» des bombenbastelnden Chauffeurs mit dem Lebenstraum von einem eigenen Café «in Espinho», das sie sich von dem Geld für den Bombenbau kaufen wollen. Einleuchtend ist, für sich genommen, jedes dieser Psychogramme. Der Psychiater und Romancier Lobo Antunes hat die Technik, Leitmotive, Assoziationsketten, Neurosen und Themenkomplexe zusammenzuführen, in einer Weise perfektioniert und verdichtet, dass beim Lesen kaum Distanz und damit zunächst auch kein Zweifel aufkommt.
Aber: Beim näheren Hinsehen beginnt die Konstruktion der Figuren deutlich durchzuscheinen. Sie sind sorgfältig gespannte Folien, auf die Lobo Antunes die der Aufklärung abgewandte Seite des Denkens projiziert. Sie sind in gewisser Weise zugleich Beschwörungen und Beweise, wie wohl jedes kühne literarische Kalkül mit den Regeln des Unterbewussten. Und da der Stimmen in diesem Buch nicht so viele sind und sie sich in einer quadratischen Struktur vertragen müssen, beginnt man nach einer Weile die Stimme des Autors, tragend und flüsternd, immer deutlicher zu vernehmen. Mimi, Fatima, Celina, Simone spielen die bekannten Rollen vom Bürger, Pfarrer, Krieger, Bettelmann; nur werden sie diesmal von den Frauen gegeben die alle auf denselben Souffleur hören. Ihre Stimmen lassen sich weniger durch eine eigene Sprachmelodie und Wahrnehmungsweise voneinander unterscheiden als vielmehr durch die ihnen zugesellten Leitmotive. Dazu kommt, dass die Verbindung aller vier mit dem Terrorismus völlig frei von politischer oder sonstiger Leidenschaft ist. Sie sind da irgendwie hineingeraten; genauer gesagt: sie sind über die Männer da hineingeraten. Sie sind Zeuginnen, manchmal seltsam stumme, auf sich selbst bezogene Zeuginnen, die ihre Todessucht, ihre Schuld, ihre Wut lediglich mit den Bildern politischer Gewalt ausdrücken.
Lobo Antunes hat mit diesem Buch wohl keinen erhellenden Beitrag zum Thema Macht oder Terrorismus geliefert. Aber er hat wieder einmal aus seinen traurigen und dunklen Innenwelten ein samtschwarzes, klangvolles, sprachmächtiges und forderndes Stück Literatur geborgen.
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