- Gebundene Ausgabe: 594 Seiten
- Verlag: Orell Füssli (1998)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3280023297
- ISBN-13: 978-3280023297
- Größe und/oder Gewicht: 22,4 x 16,2 x 4,4 cm
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Produktinformation
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Erschreckende Normalität
Schweizer Antisemitismus 18481960
Während in der deutschen, amerikanischen und israelischen historischen Publizistik die Forschung zum Antisemitismus seit Jahrzehnten einen wichtigen Platz einnimmt, herrscht in der schweizerischen Historiographie ein eklatantes Wissens- und Methodendefizit. Aram Mattioli, Historiker an der Luzerner Hochschule, begründet dies mit «historischen» Paradigmen einer lange vorherrschenden Blickverengung und thematischen Einseitigkeit, die mit der Fokussierung auf Staatswerdung, hohe Politik und Männer wenig Interesse für die vielfältige Milieugesellschaft mit ihren Sonderkulturen und Minderheiten übrig hatte. Das Durchbrechen dieser einseitigen Sichtweise und die Annäherung an das Phänomen des Antisemitismus aus alltags- und mentalitäts- oder gar gesellschaftsgeschichtlicher Perspektive dürfen als ein wesentliches Verdienst des Herausgebers einer Reihe von Beiträgen über Antisemitismus in der Schweiz von 1848 bis 1960 gelten.
Mittel der Abgrenzung
Es besteht in der Antisemitismusforschung weitgehend Einigkeit darüber, dass es trotz scheinbaren zeitlichen und räumlichen Universalitäten der Judenfeindschaft keine Kontinuität eines «ewigen» Antisemitismus gibt. Vielmehr sollten Brüche, Wandlungen und Unterschiede im kulturellen, politischen, sozialen und ökonomischen Kontext betrachtet werden. Nach einer definitorischen Annäherung an den Begriff des Antisemitismus und dessen Geschichtsverlauf in der modernen Schweiz werden in den einzelnen Beiträgen die unterschiedlichen Facetten der «Verschweizerung des Antisemitismus» (Jacques Picard) ersichtlich. Neben dem Verständnis von Antisemitismus als einer minderheitenfeindlichen Mentalität und sozialen Praxis und als einem gegen die Juden als Juden gerichteten Phänomen wird erkennbar, dass seit der Bundesstaatsgründung alle Formen antisemitischer Denkweisen und Praxis existierten, wobei der «rassenbiologische Antisemitismus» ungleich seinem Nachbarstaat Deutschland nicht vorherrschend war. Ebenso blieben die Bildung antisemitischer Parteien oder Pogrome in der Schweiz aus. Selten manifestierte sich das Phänomen als «rabiater Radauantisemitismus», was jedoch vereinzelte Gewaltausbrüche gegen Juden wie etwa den «Zwetschgenkrieg» (1802) oder die Endinger Ausschreitungen von 1861 nicht ausschloss. Vergleichbar den deutschsprachigen Nachbarländern besass der Antisemitismus in der modernen Schweiz die Funktion eines «kulturellen Codes» (Shulamit Volkov), der zur Verständigung über Milieu- und Lagerzugehörigkeiten und als Abgrenzung verschiedener Lebenswelten diente.
Schächten als «Judenfrage»
Mit dem Anspruch, Antisemitismus als «Seismographen gesellschaftlicher Problemlagen ernst zu nehmen und lesen zu lernen», analysieren die qualitativ unterschiedlichen Beiträge antisemitische Denkweisen und die daraus resultierende Handlungspraxis. Beispielhaft zeigt sich diese Wechselwirkung etwa im Aufsatz von Beatrix Messmer über das Schächtverbot von 1893. In der ersten Volksinitiative überhaupt vom schweizerischen Tierschutzverein gefordert, wurde das Schächtverbot gegen den Willen von Bundesrat und Parlament mit grossem Volksmehr in der Verfassung verankert (wo es bis 1973 blieb). Den Anstoss dazu bildeten tierschützerisch begründete Bestrebungen zur allgemeinen Normierung der Schlachtmethode, welche sich gegen das rituell verankerte und angeblich tierquälerische Schächten richteten. Begleitet wurde dies von dem Vorwurf an die jüdische Glaubensgemeinschaft, von der rechtlichen Gleichstellung profitieren zu wollen und zugleich auf der Respektierung ihres überlieferten Kultus zu beharren. Dies bestätigte viele Zeitgenossen in ihrem Glauben, die Juden seien ein «fremdes Volk mit einer eigenen Binnenmoral», das zwar die Vorteile der liberalen Gesetzgebung nutzen, sich aber nicht in den Staat integrieren wolle. Antisemitische Vorurteile wurden im Verlauf der Kampagne politisch instrumentalisiert. Ausdruck fand dies auch in antisemitischen Gedichten und Karikaturen. Der Abstimmungskampf und das Resultat verdeutlichten, dass die Schächtfrage zur «Judenfrage» umfunktioniert wurde. Schon der Berner Staatsrechtler und Nationalrat Carl Hilty hatte 1892 festgestellt, dass sich die Initianten auf die Zustimmung dreier Gruppen der gutgläubigen Tierfreunde, der Verfechter des Gleichheitsprinzips und der «Feinde der Juden» abstützen konnten.
Abwehr der «Überfremdung»
Der Erfolg der Initiative für das Schächtverbot kennzeichnete den Übergang von einer weitgehend liberal ausgerichteten zu einer zunehmend «nationalistisch verengten Innenpolitik». Die daraus erwachsenden und spezifisch gegen Juden gerichteten Ausgrenzungsmechanismen verdeutlichen sich in dem hervorragenden Aufsatz von Stefan Mächler über die antisemitische Bevölkerungspolitik der Eidgenössischen Fremdenpolizei und Polizeiabteilung zwischen 1917 und 1954. Das Bestreben, eine nationale Bevölkerungspolitik zu betreiben, war bestimmt vom Kampf gegen «Überfremdung» und gegen die «Verjudung». Bei der «Aufnahmefähigkeit» von Fremden entwickelte sich weniger die «Quantität» als die wirtschaftliche Situation und vor allem die «Qualität» der Eingewanderten zum Hauptkriterium. «Assimilation», eine eigens konstruierte Kategorie, wurde zum Schlagwort der Zeit.
Sogar noch auf dem Höhepunkt der Verfolgung herrschte die Vorstellung, dass die Juden als Opfer des Antisemitismus selbst deren Ursache zu verantworten hätten und folglich fernzuhalten seien. In Umkehrung der Opfer-Täter-Relation wurden die Juden abgewiesen und ausländische Rassekategorien internalisiert. Mächler wie auch Patrick Kury in seinem Aufsatz zur Ostjudenfeindschaft verweist bei den behördlichen Denk- und Handlungsweisen auf ein «Potential», das dann zum Tragen kommt, wenn «Nichtassimilierbarkeit» oder «Fremdheit» als diskriminierendes Merkmal verwendet wird, um eine herkömmliche Ordnung zu bewahren. Weitere Schwerpunkte des Buches bilden die wenig erforschten Widerstände gegen die jüdische Emanzipation während der Helvetik und im 19. Jahrhundert auch auf kantonaler Ebene, die Aktualisierung antisemitischer Stereotypen in Zeitungen und Literatur (Albert Debrunner) wie auch antisemitische Mentalitäten und die daraus entstehende Handlungspraxis im 20. Jahrhundert in Form der milieutypischen Judenfeindschaft im Katholizismus (Urs Altermatt) bis hin zum öffentlichen Antisemitismus nach 1945 (Georg Kreis). Für einen Fortsetzungsband wäre es sinnvoll, vermehrt die Sicht und die Reaktionsweisen der Betroffenen einzubeziehen oder wie Mächler es ausdrückt: die Perspektive der Täter ist «nicht einmal die halbe Geschichte».
Über Antisemitismus zu forschen angesichts des Wissens um die Ereignisse der Shoah, birgt immer die Gefahr, dessen Entwicklung als teleologische Kausalgeschichte auf Auschwitz hin zu denken. Ob bei der Erforschung jedoch eine andere wissenschaftliche Zugangsweise nötig ist, bleibt eine offene Frage, die bereits in Deutschland in unzähligen Debatten zum Ausdruck kam. Dass aber die oftmals subtile, versteckte Existenz des Antisemitismus immer wieder in Erinnerung gerufen werden muss, bleibt unwidersprochen. Mehr noch: Antisemitismus muss als ein Kulturmerkmal des Abendlandes verstanden werden, das auch in der schweizerischen Geschichte eine vielfältige negative Wirkungsmacht entfaltet hat und eine «erschreckende kulturelle Normalität» entwickelt hat. Das Buch belegt dies in anschaulicher Weise.
Barbara Lüthi
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