In der Debatte um die Vergleichbarkeit des Judenhasses mit der Feindseligkeit gegenüber Muslimen legen Dr. Sabine Schiffer, Leiterin des Instituts für Medienverantwortung in Erlangen, sowie der Soziologe und Religionswissenschaftler Constantin Wagner mit ihrem Buch "Antisemitismus und Islamophobie" eine tiefschürfende Analyse vor. Dabei weisen sie von Anfang an darauf hin, dass es natürlich um keine Gleichsetzung der Diskriminierung von Juden während des Dritten Reiches und der Diskriminierung von Muslimen im Deutschland der Gegenwart gehen kann, wie immer wieder vor allem von jenen unterstellt wird, die eine Debatte offenbar von Anfang an unterbinden möchten. Stattdessen hat ein jahrhundertealter, wegbereitender Diskurs das Denken überhaupt erst möglich gemacht, auf dem die Greuel des Nationalsozialismus entstehen konnten. Davor gilt es auch aktuell wieder zu warnen.
Schiffer und Wagner machen in ihrer Analyse des antisemitischen Denkens deutlich, dass sich dessen Protagonisten ähnlich als defensive Bewegung sahen (und sehen) wie die Islamophoben heute. So wurde unter anderem 1883 im Chemnitzer Aufruf vor der "Jüdischen Gefahr" gewarnt, und Chamberlain legitimierte die rechtliche Schlechterstellung der Juden damit, dass man sich vor ihnen "schützen" müsse. Terrorismusangst und Ritualmordvorwürfe sorgten ebenso für Unbehagen gegenüber den Juden wie die Dreyfus-Affäre, der Rauschgifthandel war angeblich vor allem in jüdischer Hand und etliche Ideengeber der Umbruchstimmung (Marx, Lassalle etc.) waren Juden. Hätte es damals schon das Internet gegeben, man hätte die schönsten Hassblogs mit entsprechenden Halbwahrheiten und als Tatsachen präsentierten Spekulationen füllen können.
In der Wahrnehmung der Mehrheitsbevölkerung fanden juristische Auseinandersetzungen zur damaligen Jahrhundertwende vor allem zwischen Juden und Nichtuden statt, während die Juden selbst zusammenzuhalten schienen, wie das bei Minderheiten nun einmal häufig vorkommt. Das führte indes zu Vorwürfen wie jenem, die Juden würden einen "Staat im Staate" bilden - heute würde man mit dem Blick auf Muslime von "Parallelgesellschaften" sprechen. Und schon damals konnte es die religiöse Minderheit der Mehrheit nicht recht machen: Versuchten ihre Mitglieder, ihre Kultur zu bewahren, wurden sie als integrationsverweigernd dargestellt, wollten sie sich hingegen assimilieren, beschuldigte man sie der Verstellung und des Parasitentums. Ähnlich wie heute den Muslimen warf man schon damals dem Judentum eine Unvereinbarkeit mit der Moderne vor. Das Religiöse wurde als grundsätzlich verdächtig und als Bedrohung einer liberalen Gesellschaft gesehen - in einer "aufgeklärten" Welt schien es dafür keinen Platz mehr zu geben. Und obwohl der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung damals ebenso im niedrigen einstelligen Prozentbereich rangierte, wie dies heute bei den Muslimen der Fall ist, galten sie als gefährliche Fremdkörper, die die Mehrheit bedrohten. Begierig wurden Passagen aus der Heiligen Schrift der Juden gerissen ("Die Fremden magst du überwuchern, deinesgleichen nicht"), um damit die Gefahr zu belegen, die angeblich von dieser Minderheit ausging. Einzelne Autoren spezialisierten sich sogar geradewegs dazu, das Alte Testament, die Gesetzeswerke Hachalot sowie philosophische Bücher und Morallehren des Judentums selektiv nach Zitaten auszuschlachten, mit denen man den Juden irgendwas ans Zeug flicken konnte. Dasselbe Spiel spielt man heute mit Zitaten aus dem Koran. Und schließlich äußerte sich das allgemeine Misstrauen in Forderungen nach einer Untersuchung der Torahschulen und deren Lehrbücher sowie nach Predigten in deutscher Sprache. Von der Mehrheitsgesellschaft gerne gehört wurden indes jene, die persönlichen Nutzen daraus zogen, als (ehemalige) Juden das "Jüdische" abzulehnen. Auch hier liegen die Parallelen zu den Medienlieblingen der Gegenwart auf der Hand. Der "Zentralrat der Ex-Muslime" etwa konnte sich eines begeisterten journalistischen Interesses sicher sein, wie es einem "Zentralrat der Ex-Christen" niemals gegolten hätte.
War in den ersten Kapiteln die Islamophobie der Gegenwart nur implizit und gespiegelt im Antisemitismus der Vergangenheit Thema, kommen Schiffer und Wagner schließlich direkt darauf zu sprechen. So wie damals die Ängste vor den Juden vor dem Hintergrund politischer und wirtschaftlicher Unsicherheiten entstanden, ist es heute offenbar die Globalisierung, die zu ähnlich bizarren Befürchtungen führt. Schiffer liefert einen groben Abriss der islamophoben Szene zwischen Internetportalen, obskuren Bürgerinitiativen und antimuslismischen Karikaturen. Es gibt wohl nichts Neues unter der Sonne: Die berüchtigten Webblogs der Gegenwart erinnern mit ihren endlosen Auflistungen von muslimischen Taten an die Sammlung "jüdischen Vergehens", die Hans Diebow 1938 für die Ausstellung "Der ewige Jude" herausgab und die auf über 100 Seiten die Weltverschwörungsabsichten der Juden beweisen sollte - natürlich jeweils garniert mit Zitaten aus der Torah.
Nicht nur die sprachlichen Parallelen sind offensichtlich - so wie heute die "Musel" verspottet werden, machte man sich damals über die "Wollschädel" lustig. Auch zu der von Ulfkotte & Co. gestreuten Behauptung, Muslime würden in Metzgereien auf das angebotene Schweinefleisch spucken, findet sich eine Parallele aus dem Jahr 1901 - nur dass es damals hieß, Schweinefleisch sei von Juden mit Urin beschmutzt worden. Und wenn auf der Website "Akte Islam" verbreitet werde, dass ein Moslem dazu aufgerufen habe, "das Blut der Ungläubigen zu trinken", erinnere das an Ritualmordvorwürfe, die in früheren Zeiten gegen die Juden gerichtet wurden. Während der Antisemitismus heute im Bildungsbürgertum verpönt ist, war er das im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts keineswegs, sondern erhielt von Ingenieuren, Lehrern und anderen Akademikern ebenso starken Aufwind, wie dies heute bei der Islamophobie geschieht. Gegenwärtig vereint die Anti-Islam-Haltung die widersprüchlichsten politischen Ausrichtungen: so etwa Neoliberale, Feministinnen, christliche Fundamentalisten, Humanisten, Rechtsextreme und Antideutsche. Nirgends ist man sich so einig wie im gemeinsam ausgemachten Feind.
Gründlich analysieren Schiffer und Wagner die Sprache, die auf Websites wie Politically Incorrect gang und gäbe ist und mit welcher der Islam im Zusammenhang mit Wörtern wie "Krebsgeschwür" und "Ansteckungsgefahr" genannt, geradezu inflationär aber auch mit dem Nationalsozialismus und dem Faschismus gleichgesetzt wird. Beides sorge dafür, dass dem Islam und den Muslimen jegliche Existenzberechtigung abgesprochen werde. Und wenn früher Saddam Hussein und heute Ahmadinedschad der "neue Hitler" sei, ermögliche diese Dämonisierung offenbar die Propaganda für einen Angriffskrieg und damit die diskursive Ausschaltung des Völkerrechts. Wo bei Diffamierungen anderer Gruppen (Antisemitismus, phänotypischer Rassismus) beherzt eingegriffen wird, gilt die kollektive Diffamierung von Muslimen als "freie Meinungsäußerung". Inzwischen müssen sich gar die Verteidiger der Minderheiten für ihr "Gutmenschentum" rechtfertigen.
Insofern, so die Autoren, bilde "der antiislamische Propaganda-Film FITNA von Geert Wilders (...) nur einen kleinen Höhepunkt in der langen Tradition des Zusammenschnitts". Fast sei es zu bedauern, dass der NS-Propagandafilm "Der ewige Jude" für die Öffentlichkeit unter Verschluss liege, da hier die Parallelen zu FITNA deutlich zu erkennen seien. Dementsprechend wies die niederländische Gruppe "Eine andere jüdische Stimme" um Harry de Winter zu Recht darauf hin, dass Wilders Film sofort geächtet würde, wenn man "Moslem" durch "Jude" ersetzen würde. Auch ein Ralph Giordano spiele inzwischen "eine fast tragische Rolle, weil er gegen den Moscheenbau mit ähnlichen Argumenten zu Felde zieht, wie 100 Jahre zuvor die Judenhasser gegen den Synagogenbau".
Zuletzt präsentieren Schiffer und Wagner Gruppen, Projekte und Einzelpersonen, die sowohl den Antisemitismus als auch die Islamophobie überwinden möchten, und nennen erste Erfolge. So habe etwa die Erklärung des Jüdischen Kulturvereins Berlin "Wider die Islamophobie" im Jahre 2004 eine Erklärung der Deutschen Muslimliga nach sich gezogen, in der sich diese gegen jede Form von Antisemitismus und weitere Diskriminierungen aussprach. Anlässlich der OSZE-Antisemitismuskonferenz 2004 ließ der Zentralrat der Muslime verlauten, dass "die Bekämpfung rassistischer und totalitärer Ideologien, wie des Antisemitismus, ein Anliegen eines jeden Muslims sein muss". 2006 forderte die Schura Hamburg in einer Pressemitteilung zum Holocaust-Gedenktag, dass jeder Versuch von Holocaust-Leugnung oder -Relativierung zu verurteilen und zu unterlassen und nicht mit dem Islam vereinbar sei.
Abschließend: Das Buch von Sabine Schiffer und Constantin Wagner lässt sich von seinem Anspruch sehr gut mit der Dokumentation "Islamfeindschaft und ihr Kontext" des Zentrums für Antisemitismusforschung vergleichen. Alles Behauptete wird bestens belegt, es gibt im Anhang des Buches sogar ein ausführliches Glossar sowohl zu Fachausdrücken als auch zu Schlagworten wie "Dhimmitude", "Islamkritik", "Islamophilie" und "Taqiya".
Lesen Sie weiter... ›