Sophokles "Antigone" wurde 442 v. Chr. als erster Teil der Theben-Trilogie aufgeführt, obwohl die beiden anderen Teile
König Ödipus und
Ödipus auf Kolonos zeitlich vorher angesiedelt sind. Das Stück ist sehr kurz und lässt sich je nach Lesegeschwindigkeit in gut 60 Minuten lesen. Und dennoch steckt so viel in der "Antigone" drin, was auch für uns heute, gut 2400 Jahre später, noch höchst relevant ist. Sophokles behandelt hier das Aufeinandertreffen zweier Prinzipien: Das Recht des Staates sowie das Recht der Familie. Deren Unvereinbarkeit macht die Essenz der Tragödie aus, wie Hegel es so passend auf den Punkt gebracht hat, dessen Ausspruch auf dem Rücken der Reclam-Ausgabe zu lesen ist: "Antigone verletzt das Recht des Staates, Kreon das der Familie. Die Antinomie zweier gleichberechtiger Prinzipien macht das Wesen der Tragödie aus."
Des Weiteren erkennt das Stück die Tendenz des Menschen, sich seine Umwelt zu erschließen, dienstbar zu machen und seine Existenz als einen ständig auf Fortschritt ausgerichteten Prozess zu begreifen. Dieser hier zum Ausdruck gebrachte Fortschrittsgedanke gehörte und gehört immer noch zu den großen sinnstiftenden Mythen unseres Zeitalters.
Und schließlich muss das Stück auch im Kontext der athenischen Demokratie gesehen werden. Die griechischen Tragödien, ja die gesamte griechische Kultur, erfüllten immer auch eine politische Funktion. Das gesamte Leben war politisch, da jeder Bürger, ob als Mitglied des Rates der 500, als Teilnehmer an einer Volksversammlung oder als Inhaber eines der jährlich wechselnden politischen Ämter, nahezu permanent an politischen Entscheidungsprozessen beteiligt war. Diese direkte und immerwährende Einspannung aller Bürger spielt in sämtlichen Tragödien eine entscheidende Rolle.
Zur Handlung: Nachdem König Ödipus sich selbst geblendet und Theben verlassen hat, kämpfen seine beiden Söhne Eteokles und Polyneikes um die Macht. Zuerst vertreibt Eteokles seinen Bruder aus der Stadt, der dann mit einem riesigen Heer zum Angriff übergeht. Es kommt zum Zweikampf zwischen den beiden, der damit endet, dass sie sich gegenseitig erschlagen. Neuer König wird Kreon, Schwager des Ödipus, der eine folgenschwere Entscheidung trifft: "Des Polyneieks armer Leichnam aber/Darf nicht beweint und nicht begraben werden" (Z. 26f.). Damit sollte dieser für seinen Frevel büßen, seine eigene Stadt angegriffen zu haben. Doch Antigone, die Schwester von Eteokles und Polyneikes, verstößt gegen Kreons Befehl, da für sie das Recht der Familie über dem des Staates steht: "So groß/Schien dein Befehl mir nicht, der sterbliche,/Dass er die ungeschriebnen Gottgebote,/Die wandellosen, konnte übertreffen" (Z. 452ff.). Kreon verurteilt Antigone zum Tode.
Es kommt zum Gespräch zwischen Kreon und seinem Sohn Haimon, dem Verlobten Antigones. Hier kommt besonders gut die politische Funktion der Tragödie zum Ausdruck. Haimon bittet und das Leben seiner Verlobten: "Sie, die Unschuldigste von allen Frauen,/soll elend sterben für die schönste Tat!" (Z. 694f.) Doch Kreon bleibt hart und lässt sich auch mit dem Hinweis auf den Willen des Volkes nicht umstimmen:
"H: Das Volk von Theben sagt einmütig: Nein!
K: So sagt das Volk mir, was soll ich befehlen? [...] Soll ich für andre
als für mich hier herrschen?
H: Das ist kein Staat, der einem nur gehört.
K: Gilt nicht der Staat als Eigentum des Fürsten?
H: Allein herrschst du am besten in der Wüste." (Z. 733ff.)
Ganz deutlich wird hier das Wesen der Demokratie gegen das eines selbstherrlichen Monarchen gestellt. Die sich anbahnende Tragödie wird somit auch als Ergebnis der falschen Staatsform bewertet.
Absoluter Höhepunkt des Stückes ist meiner Ansicht nach der Chorgesang, welcher sich mit dem Wesen des Menschen auseinandersetzt und dessen Analyse auch heute noch aktueller denn je ist. Legendär der Beginn: "Ungeheuer ist viel und nichts/Ungeheurer als der Mensch" (332f.). Was folgt ist eine Aufzählung der Dinge, die der Mensch bereits erreicht hat, um die Natur zu beherrschen, wie Ackerbau, Fischfang oder die Medizin, zum Beispiel. Doch auch der ungeheurliche Mensch mit all seinen Fähigkeiten kann und darf nicht alles, da er durch bestimmte Dinge in seinem Handeln begrenzt wird: "Mit der Erfindung Kunst/Reich über Hoffen begabt,/Treibst zum Bösen ihn bald/Und bald zum Guten./Ehrend des Landes Gesetz/Und der Götter beschwornes Recht,/Ist er groß im Volk./Nichts im Volk, Wer sich dem Unrecht gab/Vermessnen Sinns" (Z. 364ff.).
Fazit: Das abendländische Europa hat in der griechischen Antike seine kulturellen Wurzeln. Das kommt besonders gut in den Tragödien zum Vorschein. Wer an der Frage interessiert ist, wie wir uns als Europäer definieren sollen, kommt an Sophokles nicht vorbei!