Zeitlose Gültigkeit hat diese Tragödie. Und Sophokles hat mit seinem Stoff auch Jean Anouilh berühmt gemacht, ja, zum Weltrum verholfen. Zurecht! In Anlehnung an die Zeit in Griechenland verfasste er seine brillante Version von der kleinen Antigone. Nichts von der Spannung geht verloren,wenn man die Sprache in eine aktuell gültige verwandelt. Die Schwere der Dialoge wird allerdings weniger deutlich, die Argumentation hier mit bissiger Ironie garniert.
Hochmut kommt vor dem Fall, und Antigone sagt sehr wohl, dass sie den Tod erwartet, wenn sie gegen Kreons Gesetze verstösst. Und Kreon sagt nichts anderes, wenn er sie vergleicht mit der Art ihres Vater Ödipus, dem er gleiches unterstellt. Vielleicht weil er sein Spiegel war.
Kurze Übersicht:
Zahlreiche Götter standen den Menschen im alten Griechland zur Verfügung. Die Menschen fanden ihr Heil und ihren Zuspruch bei ihnen. Kreon, König von Theben jedoch, leitete sein Eigen- und Starrsinn. Daher wagte niemand ihm zu widersprechen, sein Leben galt der Tyrannei. Kreons Nichte, Antigone, gleichzeitig Tochter des Ödipus und zukünftige Braut Kreons Sohns, konnte jedoch aus dem Ehrgefühl und Glauben gegenüber den Göttern nicht anders, als ihren Bruder ordentlich zu bestatten. Dieses hatte Kreon jedoch unter Todesstrafe verboten, da dieser Bruder nach Verbannung gegen Theben kämpfte. Der weitere Bruder, beide im Kampf der Geschwister getötet, wurde die Würde eines ordentlichen Begräbnisses innerhalb der Stadtmauern Thebens zuerkannt. Folglich musste Kreon, seiner eigenen Diktatur verpflichtet, Antigone opfern. Die Tragödie nimmt ihren Lauf. Die nun folgenden Dispute innerhalb Thebens, der Vater-Sohn Konflikt und deren unterschiedliche Argumentation in den feurigen Reden sind eine Meisterleistung der Rhetorik in der Ursprungsfassung, hier ein wenig nachstehend und fad.
Dennoch kommt Hämon deutlich der Sache auf der Spur, in dem er sein junges Leben an der Seite des Vaters Revue passieren lässt. Er glaubt, er träumt, weil sein Vater nie so war, wie er ihn nun sieht. Er wird erwachsen, weil er sich löst, und der Vater Kreon will es so, weil sein Sohn sich ihm beugen soll. Diese Lösung im doppelten Sinn ist der Tod.
Letzten Endes fällt auf den alles zurück, der die Tat begann. Ein Seher vorhersagt die Zukunft, der vermeintlich starke Kreon ignoriert und bleibt bei seinem Weg. Sein Handeln erinnert an Buridans Esel, der zwischen zwei Heuhaufen sterben musste. Übertragen auf zwei gleichwertige Rechtsansprüche, dem Anspruch des Staates und dem Anspruch der Familie im Sinne der Götter, blockiert offensichtlich der Verstand und verliert gegenüber dem Starrsinn.
Es sterben Antigone, ebenso Kreons Sohn; beide durch Selbsttötung in der Straf-Höhle, ebenfalls seine Frau Eurydike durch eigene Hand im Palast. Die Handelnden gegen falsches Recht ergeben sich nicht nur. Sie entziehen sich durch Tod, der weniger grausam ist, als ein falsches Leben. Zurück bleibt ein gebrochener Mann, der zu spät die Überspitzung seines Eigen- und Starrsinns anerkennen muss.
Und am Ende resümmiert Kreon, das es das beste sei, nichts zu wissen. Solange dieses vorherrscht, ist man nicht erwachsen. "Man sollte immer ein Kind bleiben können", sagt er. Erst im Erwachsenenalter werden die Fehler gemacht, die ihn nun in die Einsamkeit versetzen.
Und der Sprecher (als Alternative zum Chor) beendet die Tragödie mit dem Satz: "Die, die sterben mussten sind tot. Die einen, die an etwas glaubten, die anderen, die das Gegenteil glaubten selbst jene, die zufällig in die Geschichte hineingezogen wurden, ..."
Der Tod ist demokratisch.