Dieser Film hier ist etwas ganz Besonderes. Schon die vielen verschiedenen Meinungen liesen dies anmuten. Ich war skeptisch, als ich die unterschiedlichsten Rezensionen las und auch von der Meinung eines Freundes, der diesen Film bereits gesehen hatte. Von vornherein erhielt ich also eher den Eindruck, das "Antichrist" ein gewalttätiger und pornographischer Film ist, in dem es keinen richtigen Handlungsfaden gibt und im Endeffekt alles auf ein sinnfreies Ende hinausläuft. Dieses Bild erhielt ich, bevor ich mir die DVD zugelegt habe.
Dann hab ich mir die DVD gekauft und wurde eines besseren belehrt. Der Film ist für mich ein absolutes Kunstwerk! Die Eröffnungssequenz hat es mir besonders angetan. Die erste Sekunde wo die Dusche aufgedreht wird und die Tropfen in Zeitlupe fallen, begleitet von der stimmungsvollen Arie (welche seitdem ein echter Ohrwurm für mich ist) und das in schwarzweiß gekleidete Bild, waren für mich beeindruckend. Hier sollte ich gleich erwähnen, dass die Penetrationsszene, welche schon eifrig kritisiert wurde, keinesfalls pornographisch rüberkommt und perfekt in die Szene passt. Es wirkt an dieser Stelle auch nicht künstlich oder aufgesetzt. Gerade diese Intimszenen (die offen gesagt wirklich etwas überraschen, was aber daran liegt, dass es eben etwas "neues" ist) hatte ich mir im Voraus viel "schlimmer" oder provokanter vorgestellt. Dem war aber nicht so!
Die Haupthandlung hatte für mich etwas mystisches und man sucht immer wieder zwischen den Zeilen Erklärungsversuche für das Gesehene (was bedeutet der Fuchs oder wofür steht die Metapher des toten Kückens?).
Die Schauspieler überzeugen auf ganzer Linie. Es wirkt alles echt. Das Bedrohliche am Film, bietet die Tatsache, dass gerade die erste Hälfte nichts Bedrohliches bietet, zumindest nicht in der Form wie man es erwarten würde. Es tauchen keine Dämonen oder Monster auf, auch keine Geister oder Zombies oder sonst was. Stattdessen setzt uns hier von Trier eine ganz besondere Art von Angst vor. Der Wald bietet eine ganz spezielle natürliche und unheimliche Ausstrahlung. Eicheln fallen nachts min einem endlosen Trommeln auf das Dach der Hütte. Tiere tauchen auf (die drei Bettler, welche wieder Metaphern bieten). Die Atmosphäre ist etwas ganz besonders, was auch noch durch die tollen Kameraführungen und Hintergrundsounds untermalt wird. Man fühlt sich unwohl, wenn man diesen Film sieht und weis gar nicht recht warum das so ist.
Zu den Gewaltszenen (welche ja auch eifrig kritisiert und diskutiert wurden) möchte ich auch noch ein paar Wörtchen verlieren. Es stimmt - die gezeigten Szenen sind ziemlich hart und etwas völlig Neues! Wie schon öfters erwähnt gab es die Verstümmelungsszene in dieser Art noch nicht und schockiert schon etwas. Aber jetzt kommt das ganz große ABER! Es sind wesentlich weniger Gewaltszenen als angenommen UND sie kommen nicht plump oder unangebracht herüber und schon gar nicht sinnlos, bzw. übertrieben (wie zum Beispiel in der SAW-Reihe, welche ja zum größten Teil von solchen Szenen lebt, was bei "Antichrist" nicht der Fall ist). So überzeugen mich die blutigen Sekunden dieses Filmes auf ganzer Linie, denn wie schon öfter erwähnt, lebt der Film von Metaphern und Symbolen. Die Metapher von einer dieser "übleren" Gewaltszenen (die Frau bohrt ihrem bewusstlosen Mann ein Loch durch die Wade und schiebt dann eine Eisenstange hindurch, an welcher die Frau dann einen Mühlstein befestigt und an das Bein des Mannes schraubt, um zu verhindern, dass der Mann sie verlässt) ist wunderbar. Zusammen mit einer anderen Szene (die Frau zieht ihrem Sohn die Schuhe schmerzhaft seitenverkehrt an, damit dieser nicht davonlaufen kann) stellt sie nämlich die Angst der Frau dar, verlassen zu werden. Es ist also keine sinnlose Gewaltdarstellung, welche darauf abzielt nur zu provozieren, sondern symbolisiert beeindruckend die Ängste/Gefühle der Hauptcharaktere.
Der Schluss hat mich dann noch mal mitgerissen. Ein stimmungsvoller Schluss, der aber auch bedrohlich wirkt! Um was es wirklich geht, bleibt mir aber erst mal offen. Vielleicht muss ich den Film öfters sehen um einen richtigen Kern zu erkennen. Vielleicht ist es aber auch die Absicht des Regisseurs und bietet jedem Zuschauer eigene Interpretationsmöglichkeiten.
Mein Fazit: Wer nicht allzu oberflächlich ist und auch mal etwas zwischen den Zeilen lesen (schauen) kann, der wird erkennen, dass "Antichrist" ein Kunstwerk ist, welches mitreisst und beeindruckt - nicht zuletzt auch wegen der tollen schauspielerischen Leistung. Die vielen kleinen, anfänglich vielleicht unauffälligen Details, bieten eine tolle Symbolik. Jemand der einfache Unterhaltung sucht, wird hier enttäuscht. Denn dieser Film ist nicht einfach, im Gegenteil, er ist tiefgründig. Glatte 5 Sterne von mir.
An alle, deren Interesse an dem Film geweckt ist, kann ich nur sagen: Lasst euch nicht abschrecken von arg kritischen Meinungen. Wie gesagt, der Film lebt absolut nicht nur von den Sex- und Gewaltszenen wie es immer gepredigt wird und diese sind auch weit weniger schlimm und selten, als es immer behauptet wird.