Auf der Dose steht: Enthält CN und CS je 0,5% - bei einem Inhalt von 50ml sind das insgesamt 0,5ml Wirkstoffgemisch; in der Produktbeschreibung fehlen diese Angaben, die ich allerdings wichtig finde.
Zum Vergleich: Das Pfefferspray des gleichen Herstellers enthält 11% OC, was bei gleichem Inhalt 5,5ml Wirkstoff ausmachen;
Eines vorweg: Ich bin weder Chemiker noch Mediziner, mit diesem Thema habe ich mich allerdings schon etwas länger befasst und stehe dem hier angebotenen Abwehrspray etwas skeptisch gegenüber.
Das "Anti-Hund Abwehrspray" von Klever ist wahrscheinlich das einzige Spray auf dem Markt, das eine Mischung aus CS und CN enthält.
Das Problem ist aber, dass Hunde auf CS oder gar CN viel weniger reagieren als auf den Pfefferextrakt OC (Oleoresin Capsicum), der normalerweise für Tierabwehrsprays verwendet wird.
CN (Chloracetophenon) ist ein Reizgas aus dem 19. Jahrhundert. Es ist relativ schwach in der Wirkung, relativ giftig und wird heutzutage vom Militär nur noch zu Übungszwecken verwendet. Es hat den Namen "Tränengas" bekommen, da es über die Schleimhäute, die Atmung und vor allem auf die Augen wirkt. Von der Polizei wird es manchmal heute noch mit Wasser vermischt bei Großdemonstrationen eingesetzt, ist dort allerdings entweder durch das CS ersetzt worden, oder es wird in Kombination mit diesem verwendet.
CS (2-Chlorbenzylidenmalonsäuredinitril) ist in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelt worden. CS ist zwar weniger giftig als CN, kann aber dennoch schwere gesundheitliche Folgeschäden verursachen. Es wird ähnlich in den Körper aufgenommen wie CN, ist jedoch in seiner Wirkung deutlich stärker. Umgangssprachlich wird es "Kotzgas" genannt, da es nach dem Einatmen leicht ein Erbrechen auslösen kann. Weitere Symptome sind starker Husten, brennen in den Augen, Tränenfluss und Atemnot. Ich selbst habe schon die Wirkung des CS-Gas zu spüren bekommen und kann diese Symptome nur bestätigen. Bei betrunkenen oder unter Drogen stehenden Menschen sinkt die Wahrscheinlichkeit stark, dass sie auf CS reagieren. Auch wirkt es nicht bei jedem Menschen im gleichen Ausmaß, und ein gewisser Bevölkerungsanteil ist nahezu resistent. Bei CN verhält es sich ähnlich, dagegen wirkt Pfeffer (z.B. OC, es gibt noch andere) bei fast jedem.
CN und CS-Gas sind für den Einsatz gegen den Menschen entwickelt worden und sind auf dessen Anatomie abgestimmt. Beides sind chemische Reizgase.
Bei Tieren (und gerade bei Hunden) braucht CS oder CN eine wesentlich höhere Konzentration, um zu wirken. Das liegt am Stoffwechsel, mehr weiß ich allerdings nicht über die Gründe. Auf der Dose steht nichts von irgendwelchen Zusätzen, die eine Wirkung bei Hunden verstärken sollen. Darum ist es erst einmal seltsam, dass CS und CN in einem Tierabwehrspray Verwendung finden. Warum sonst enthalten alle anderen Hundeabwehrsprays OC oder einen ähnlichen Wirkstoff? Dazu muss man wissen, dass aufgrund der toxischen Wirkung des CS gesetzliche Beschränkungen für den privaten Anwendungsbereich existieren. So ist die Menge auf 80mg pro Gebinde (also Behältnis) begrenzt. Höher konzentriertes CS-Gas ist deshalb für eine Privatperson nicht erhältlich, da es bei einer zu hohen Dosis (die weit über den 80mg liegt) tödlich wirkt. Bei CN und Pfeffer (OC) gibt es keine Einschränkungen.
OC ist zudem ein Reizgas der neueren Generation, ungiftig, biologisch abbaubar und wirkt gleichermaßen bei Tieren wie beim Menschen. Es wird aus einer Chilipflanze gewonnen und wirkt sowohl auf Augen, Schleimhäute, als auch über die Haut. Auch setzt die Wirkung intensiver ein, als bei den chemischen Reizgasen. Die Gefahr einer schweren gesundheitlichen Schädigung ist ebenfalls geringer. Selbst wenn CS in wenigen Dingen dem OC überlegen ist, so ist es doch bei der Tierabwehr nicht wirklich eine Alternative.
Für eine erfolgreiche Anwendung ist es wichtig zu wissen, was man da überhaupt versprüht, und wie es bei welchem Lebewesen unter welchen Bedingungen wirkt. Bestimmt ist es aufgrund einer Wechselwirkung der CN/CS-Mischung besser als ein herkömmliches CS-Gasspray, aber auf solch ein Experiment möchte ich mich in einer Notsituation, wie z.B. einem Hundeangriff lieber nicht einlassen.
Der gleiche Hersteller Klever bietet ebenfalls Tierabwehrsprays mit hochkonzentriertem Pfefferextrakt (OC) an, dessen Wirkstoff sich im Einsatz gegen Hunde schon mehrfach bewährt hat.
Fazit: Das hier vorgestellte Spray besitze ich zwar, habe aber keine praktische Erfahrung damit. Je nachdem, ob der Hersteller noch irgendetwas dazugemischt hat (was aber nirgendwo steht), kann ich nicht ausschließen, dass es auch gegen Hunde wirkt. Bei CN und CS alleine kann ich es mir jedenfalls nicht vorstellen. Neben den üblichen CS-Gassprays mag es durchaus seine Daseinsberechtigung haben, zur Tierabwehr empfehle ich aber vor allem wegen der zuverlässigeren Wirkung nur ein Pfefferspray.
Wenn nicht groß "Anti-Hund" draufstehen würde, für dessen Zweck es nach bisherigem Kenntnisstand nicht wirklich geeignet ist, hätte ich es sicherlich besser bewertet. Ein dezenter Hinweis aus rechtlichen Gründen hätte auch gereicht. Im Gegensatz zu rein CS-Gassprays (oder CN, wenn es welche gäbe) darf es aufgrund der fehlenden BKA-Raute offiziell nur zur Tierabwehr verkauft werden. Gegen den Menschen ist die Anwendung von CN, CS oder Pfeffer (OC & Co) grundsätzlichen verboten, solange keine Notwehr nach § 32 Abs. 2 Strafgesetzbuch vorliegt, egal ob mit oder ohne BKA-Raute.
Für die Idee der CN/CS-Mischung gibt es zwei Sterne.
Alle Angaben über CN, CS und OC stammen aus zuverlässigen Quellen und wurden nach besten Wissen und Gewissen gemacht. Das Thema "Kampf - und Reizgase" ist so komplex, dass es nur von einem richtigen Fachmann genau erklärt werden kann. Da ich nur ein Laie bin und mich nebenbei damit beschäftige, sind Fehler vorbehalten.
Wer sich besser vorbereiten möchte, kann sein Spray vorher einmal ausprobieren, um sich mit der Reichweite und dem Sprühverhalten vertraut zu machen. Das Übungsspray sollte anschließend nicht mehr zum Führen verwendet, sondern durch ein neues ersetzt werden.
Wichtig ist es auch, das Spray möglichst griffbereit zu tragen. Wenn es irgendwo tief unten in einer Handtasche liegt, kann einen im Extremfall der Hund schon gebissen haben, bevor man es herausgekramt hat. Das nur noch nebenbei. Eine weitere Anleitung zum richtigen Gebrauch, sowie Warnhinweise stehen auf jedem Spray geschrieben.