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und Kirche
Martin Krieles Erfahrungen
Als Schüler fiel er McCloy, dem Hochkommissar der amerikanischen Besatzung in Deutschland, durch sein Plädoyer für eine Westintegration Deutschlands auf, als Professor für Öffentliches Recht unterstützte er Willy Brandts Entspannungspolitik mit einem verfassungsrechtlichen Gutachten, bei den Linken machte er sich vor allem durch seine vor Ort eingeholten Erkundigungen über die Menschenrechtsverletzungen der Sandinisten in Nicaragua unbeliebt. Nun sind die Energie und der konsequente Grenzgang des leidenschaftlichen Antikommunisten und konservativen Antietatisten Martin Kriele, der philosophisch vom Kreis um Joachim Ritter geprägt wurde, in einem Rechenschaftsbericht über die religiöse Seite seines bisherigen Lebensweges zu bestaunen.
Väterlicherseits entstammt er einer bis in die Reformationszeit zurückreichenden Ahnenkette evangelischer Pfarrer, aber das «entchristlichte» Milieu seiner Kindheit habe ihn in religiöser Hinsicht so wenig befriedigt wie die zwischen Selbstaufgabe und Paradox schwankende protestantische Theologie. Erst die Esoterik Rudolf Steiners eröffnete ihm Möglichkeiten, das christliche Glaubensbekenntnis in seinem ganzen spirituellen Gehalt zu übernehmen und in der liturgischen und sakramentalen Praxis der katholischen Kirche zu leben.
Damit geriet er auch hier zwischen die Fronten: auf katholischer Seite erntete er überwiegend tolerante Verwunderung über seine «unaufgeklärte» Gläubigkeit, bei vielen Anthroposophen stiess er auf offene Ablehnung. Letztere glaubten, sich die Berufung auf Steiners überlegen zeitgemässe Erkenntniskräfte gegenüber der angeblichen blossen Autoritätsgläubigkeit von Kirchenchristen zugute halten zu können, ohne selbst über viel mehr zu verfügen als die für Kriele durchaus anerkennenswürdige Autorität und Glaubwürdigkeit Steiners. Kriele blieb gleichwohl 35 Jahre lang Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, warb für ein freiheitliches Rechtsstaatsverständnis und leistete der anthroposophischen Arbeit (z. B. auf dem Gebiet des deutschen Arzneimittelrechts) wichtige Dienste.
Die Kontroversen spitzten sich aber zu und zeitigten einen anhaltenden Austausch von Kampfschriften und Gegendarstellungen, als er (z. T. gemeinsam mit R. Spaemann und H. U. von Balthasar) die Schriften eines ehemals anthroposophischen, zum Katholizismus konvertierten Autors edierte, der ihm als «grosser Eingeweihter» im Sinne der christlichen Esoterik glaubwürdig erschien: Valentin Tomberg. Das resignierte Fazit seiner zum Austritt führenden Erfahrungen: Gerade die Anthroposophie, die in ihrem Gründer den Anschluss an den Strom christlich-esoterischen Wissens hergestellt habe, zeige sich im Prozess der Kanonisierung als unfähig, das von Steiner prognostizierte «Weiterströmen» zu akzeptieren oder auch nur zu beurteilen. Der von Steiner empfohlene meditative Schulungsweg bilde mithin zu Fähigkeiten aus, deren Anwendung von seinen Erbwaltern gefürchtet werde. Die katholische Kirche hingegen, glaubt Kriele, habe die nötige Erfahrung bei der Beurteilung und Akzeptanz esoterischer Inspirationen.
Sein Bericht vereint Offenheit und Respekt mit temperamentvollem Eifer; der entschlossene Blick auf das Gute beider Seiten führt nur gelegentlich zu apologetischen Beschönigungen. Krieles eigentliche Stärke sind die klare, den geschulten Juristen verratende Argumentation «Prämisse ist Prämisse»! und eine Sprache, die transparente Stellungnahmen begünstigt. Angenehm macht sich etwa bemerkbar, dass er zwischen dem Mangel an Beweisen für eine Behauptung und dem Beweis des Gegenteils zu unterscheiden weiss und die genretypischen nebulösen Andeutungen meidet. Wer Krieles Weg nicht mitvollziehen kann, wird zumindest darüber ins Bild gesetzt, warum er etwa den Reinkarnationsgedanken für christlich und den Gnostizismusvorwurf für unberechtigt hält oder glaubt, dass das kirchliche Lehramt für einen Anhänger der «Philosophie der Freiheit» zumutbar sei.
Brigitte Hilmer
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