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Anthropologie statt Metaphysik [Gebundene Ausgabe]

Ernst Tugendhat
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Gebundene Ausgabe, 16. März 2007 --  
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Kurzbeschreibung

16. März 2007
Was immer Metaphysik heißen mag, es reduziert sich, so die These dieses Buches, auf Anthropologie, weil alle metaphysischen Themen sich als Elemente des menschlichen Verstehens erweisen. Sodann kommt Ernst Tugendhat noch zu einer anderen Erklärung für den Primat der Anthropologie: Alles Historische verliert seine Gültigkeit für uns, wenn es sich nur aus Tradition begründen läßt; und so bleibt die Frage nach dem Sein des Menschen übrig, wenn alles, was nur zu Traditionen gehört, wie ein Vorhang weggezogen wird. Was aber ist philosophische Anthropologie, und wodurch unterscheidet sie sich von der empirischen Anthropologie? Das Buch geht diesen Fragen nach und widmet sich daneben anthropologischen Einzelthemen wie Willensfreiheit, intellektueller Redlichkeit, Moral, Religion und unserem Verhältnis zum Tod.

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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 205 Seiten
  • Verlag: Beck C. H.; Auflage: 1 (16. März 2007)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3406556787
  • ISBN-13: 978-3406556784
  • Größe und/oder Gewicht: 20,8 x 12,4 x 2,4 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 932.840 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Von Mag Sarah Krampl TOP 1000 REZENSENT
Format:Broschiert
Ernst Tugendhat (geboren 1930 in Brünn) ist ein emeritierter Professor für Philosophie und einer der wichtigsten sprachanalytischen Philosophen Deutschlands.

In diesem Buch stellt sich Tugendhat, im Gegensatz zu Heidegger, der der Frage nach dem Sein nachging, die Frage nach verschiedenen Aspekten des Menschen. Was macht den Menschen im Gegensatz zum Tier aus? Er meint, zusammen mit Helmut Plessner und Max Scheler, dass "während ein Tier sich in seiner Umwelt befindet und auf sie reagiert, findet im Menschen eine Objektivierung statt". Das Ideal ist für Tugendhat "ein Gleichgewicht zwischen Subjekt und Objekt zu finden". Diese Objektivierung findet auch durch die Sprache statt, denn wie schon Aristoteles sagte ist das Charakteristische der menschlichen Sprache, dass sie eine prädikative Struktur hat und dies ermöglicht es ihm, sich auf "Dinge zu beziehen, die unabhängig von der Sprechsituation sind":

"Für Menschen, sobald sie sprechen gelernt haben, ist es charakteristisch, dass sie sich nicht nur in Bewusstseinszuständen wie Fühlen, Wünschen, Meinen usw. befinden, wie wir das auch bei anderen Tieren annehmen, sondern dass sie ein Bewusstsein davon haben, dass sie sich in diesen Bewusstseinszuständen befinden."

Dass der Mensch auch dadurch gekennzeichnet ist, dass er alles was er tut, noch besser machen könnte, ist ein weiterer interessanter Aspekt:

"Alles, was wir gut machen, können wir besser machen, und jede Bemühung, die auf das Gute und d.h. Besseres ausgerichtet ist, verlangt eine Anstrengung gegen die egoistische Faulheit".

Tugendhat beschäftigt sich weiters mit Begriffe wie "Willen", "Moral", "Zwang", "Vernunft" und setzt sich dabei mit Nietzsche, Kant und Hegel auseinander.
"Intellektuelle Redlichkeit" ist ein weiterer Begriff, der von Tugendhat philosophisch beleuchtet wird. Damit meint er die Bereitschaft, eine eigene Meinung auch revidieren zu können, wenn man merkt, dass sie falsch ist. Diese Bereitschaft fehlt bei den meisten Menschen. Meinungen werden vehement vertreten und intellektuelle Redlichkeit wird im Allgemeinen nicht geschätzt:

"Wenn man sich verallgemeinernd fragt, warum wir Teile der eigenen (individuellen und kollektiven) Realität ausblenden, so sind offensichtlich die zwei Motive im Spiel, die wohl auch sonst der intellektuellen Redlichkeit entgegenstehen: erstens die ignava ratio (Faulheit der Vernunft): es ist mühsam, auf alle Aspekte der eigenen Realität zu achten, besonders auf die, die einen dazu bringen würden, die eigene eingefahrene Lebensweise zu ändern, und zweitens die affektiven Besetzungen (Wünsche, Ängste, Minderwertigkeitsgefühle, individueller und kollektiver Größenwahn usw.)"

und auch:

"Wo es um ihre eigenen Wünsche und Werte geht, haben Menschen ein offensichtliches Interesse, diese Wirklichkeit nicht zu hinterfragen, sich selbst nicht in Frage zu stellen, sich über sich selbst zu täuschen."

"Reziproker Altruismus" stellt sich für Tugendhat auch als vorteilhaft, wenn die Menschen es anwenden. Hierfür bringt er das Beispiel mit dem Abblenden im Nachtverkehr der Autos. Dass man auch abblendet, wenn man nicht durch äußere Umstände und Normen dazu gezwungen ist, ist deshalb gut, weil es zu einer größeren sozialen Kohäsion führt. Diese Art von Altruismus ist für Tugendhat quasi evolutionär entstanden. Darauf knüpft er mit Überlegungen hinsichtlich der Gleichheit der Menschen bzw. der gerechten oder ungerechten Verteilung und deren Auswirkungen in der kapitalistischen Wirtschaft:

"Beispielsweise bei jener ungleichen Verteilung, von der heute die meisten meinen, dass sie gerecht sei und die man Verteilung nach Verdienst nennt, in dem Sinn, in dem diejenigen, die besser ausgebildet sind und angeblich mehr für das soziale Wohl beitragen, mehr verdienen. Das erscheint mir irrig. Ich habe schon in meinen Vorlesungen über Ethik die Auffassung vertreten, dass so eine Verteilung in Wirklichkeit nicht gerecht ist, sondern lediglich nützlich innerhalb einer kapitalistischen Wirtschaft, während nach meiner Meinung an ihrer Stelle eine Verteilung der einkommen gerecht wäre, in der diejenigen, die eine Tätigkeit ausführen, die in sich selbst befriedigend ist, weniger verdienen, und die, die schmutzige Arbeit verrichten, mehr Gehalt beziehen. Man könnte dann frei wählen zwischen schwerer Arbeit verbunden mit mehr Einkommen oder angenehmer Arbeit verbunden mit weniger Einkommen. Erneut hätten wir ein Ergebnis, bei dem die Summe gleich wäre: der, der mehr von dem einen hätte, hätte weniger von dem anderen."

Tugendhat beschäftigt sich auch mit dem Tod und die Welt der Mystik (Meister Eckart z.B.) und mit dem Wesen der Religion, wobei er die Mystik der Religion vorzieht, mit der Begründung, dass Religion heute nicht mehr als Glaube haltbar ist.

Eine gute Zusammenfassung seiner Hauptaussagen in diesem Buch sind seine Worte gegen Schluss des Buches:

"Während die Tiere anderer Spezies situationsbezogen leben, leben Menschen situationsunabhängig und zukunftsbezogen, d.h. eben: bezogen auf Ziele und Unziele. Menschen streben in die Zukunft, auf ein "immer weiter" und ein "immer mehr". Aber diese Tendenz sieht sich angesichts von Tod und Kontingenz frustriert: das "Mehr" wirkt schal, und was zunächst wie Sinn erscheint, kann als sinnlos angesehen werden, und deswegen haben Menschen im Gegenzug zu diesem "immer weiter" immer auch nach einem anderen Willens- und Zeitbezug gestrebt, der diesem ersten entgegengesetzt ist: statt "immer mehr" Innehalten und Beständigkeit, statt Insistieren auf dem Gewünschten Zurücktreten vom eigenen Wollen."

Insgesamt war die Lektüre für mich insofern mühsam, als Tugendhat über die oben genannten Themen ziemlich ausschweifend berichtet hat, mit dem negativen Aspekt, dass ich bei der Lektüre immer wieder Langeweile verspürt habe, da der Autor sich auch sehr oft wiederholt hat und der Gedankenfluss immer wieder ins Stocken geriet. Es sind ein paar gute Gedanken darin enthalten, die jedoch nicht ein ganzes Buch gebraucht hätten um dargelegt zu werden. Außerdem geht es in diesem Buch weniger um Anthropologie und Metaphysik als vielmehr über die unterschiedlichen Auffassungen von Moral.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sprachanalytische Vertiefungen 29. April 2011
Format:Broschiert
In dieser Zusammenstellung von Einzelvorträgen schließt Tugendhat thematisch an sein Vorgängerwerk "Egozentrizität und Mystik" an. Die Methoden sind wieder die der philosophischen Anthropologie.

Sein Ausgangspunkt ist die prädikative propositionale Symbolsprache, die dem Menschen ein Zeit- und Zukunftsbewußtsein eröffnet hat, die Möglichkeit, seine Umwelt aber auch sich selbst zu objektivieren, die Fähigkeit zum Denken und zur Überlegung (Rationalität) und zur Relativierung der eigenen Affekte. Evolutionär durchgesetzt hat sich die Satzsprache, weil sie eine größere Skala instrumentellen Denkens und flexiblere Formen der Vergemeinschaftung ermöglichte. Leider hat sich als Folgeschaden eine wachsende "Egozentrizität" und dadurch Isolation und Vereinzelung ergeben. Eine Auswahl von Lösungsansätzen für diese spezifische menschliche Problematik werden hier vorgestellt.

Zunächst verfolgt Tugendhat den Gedanken, ob es möglich ist, Transzendenz immanent zu begründen, also ohne Rückgriff auf metaphysische Geltungsansprüche und gelangt zu dem Ergebnis, daß dies nur entweder im spezifisch menschlichen Altruismus oder in der Erfahrung der Kunst geschehen kann. Aus der Fähigkeit, unmittelbare Wünsche aufzuschieben, erwachsen Verantwortlichkeit und Willensfreiheit und damit die Frage nach dem "guten Leben". In säkularen Zeiten kann jede Antwort auf diese Frage nur noch die Form eines Ratschlags haben. In einem weiteren Aufsatz werden die aus den "Ich-Spielräumen" des Überlegens und des Sichanstrengens resultierenden Distanzierungen vom eigenen Wollen expliziert. Diese verweisen auf ein eigentümliches, irreduzibles "ich kann" (hätte aber auch anders können). Allerdings reicht die Willensfreiheit nicht sehr weit! Das Motiv zu "intellektueller Redlichkeit" läßt sich auf die Scham zurückführen, angesichts von einem Zur-Rechenschaft-gezogen-Werden zu versagen.

Menschliche Moral ist nicht genetisch vorprogrammiert, sondern läuft über sprachliche Normen, über wechselseitig generalisierte Imperative, die begründet werden müssen. Allgemeinstes und wesentlichstes Merkmal einer Moral ist das moralische Verpflichtetsein. In einer autonomen Moral, die weder metaphysisch noch traditionalistisch begründet wird, handeln die Mitglieder der moralischen Gemeinschaft so, wie sie es wechselseitig voneinander fordern. Tugendhat veranschaulicht die autonome Moral am Beispiel der Menschenrechte: Das Gerechte ist das Gleiche, außer wenn wir Gründe für eine ungleiche Verteilung haben. Ein anderer Vortrag erläutert die grundlegenden Unterschiede zwischen traditionalistischer, egalitärer und partikularistischer Moral.

Die spezifisch menschliche Todesangst, irgendwann einmal sterben zu müssen, läßt sich nur durch "seitliche Relativierung" bewältigen, indem wir uns unserer Geringfügigkeit relativ zur Welt bewußt werden. Bemerkenswert ist Tugendhats Ringen mit der Religion. Er erkennt ein Bedürfnis nach Kontingenzbewältigung und Sinnstiftung, nach Dankbarkeit gegenüber einem personalen Wesen. Doch gerade in diesem Bedürfnis sieht er den entscheidenden Gegengrund zum Glauben. Der Glaube an Gott kann heute nur entweder naiv oder unredlich sein. Mystik dagegen ist das Gesammeltsein in sich, aber auf die Welt hin. Sie beginnt, sobald der Widerspruch zwischen Sichwichtignehmen und objektiver Unwichtigkeit thematisiert wird.

"Anthropologie statt Metaphysik" ist ein Buch voller tiefer und anregender Gedanken. Auch wenn sich Interferenzprobleme zu naturalistischen Positionen einstellen und die systematische Ausklammerung praktischer moralischer Ambivalenzkonflikte bisweilen etwas enttäuscht, zeigt Tugendhat doch die Möglichkeiten und Grenzen des nichtmetaphysischen Nachdenkens über den Menschen auf. Daß er dabei stets bereit ist, seine Position zu relativieren und seine Unwissenheit einzugestehen, macht dieses Werk nicht nur zu einer wertvollen, sondern auch zu einer angenehmen Lektüre.
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