THE OCEAN sind zurück. Ein halbes Jahr nach "Heliocentric" steht dem geneigten Hörer nun dessen Bruder "Anthropocentric" ins Haus.
Um es gleich vorweg zu sagen: "Anthropocentric" ist ein verdammt starkes Album geworden, aber nicht so überragend, wie man es sich als THE OCEAN -Fan gewünscht hätte. Dominierten auf "Heliocentric" noch die leisen Töne, die großen Orchestrationen, opulenten Arrangemants und weitläufigen KLangwelten, so ist "Anthropocentric" deutlich konzentrierter. Die Instrumentierung ist größtenteils auf Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gesang beschränkt, was auf postiver Seite die Scheibe technischer, härter und direkter gestaltet als den Vorgänger, auf negativer Seite allerdings ein bisschen die alten THE OCEAN vermissen lässt, wie man sie von "Precambrian" kennt.
Das Konzept ist indessen das gleiche, eine Kritik am Christentum und hier insbesondere seinen modernen Auswüchsen, dem Kreationismus und Konsorten. So ein Konzept kann man mögen oder nicht, aber man muss THE OCEAN einfach für ihren Mut bewundern, immer wieder derart große Themen anzupacken.
Eingestiegen wird in das Album mit dem Titeltrack, ein Song, der gleich ziemlich brutal zur Sache geht. Fast 10 Minuten lang wird dem Hörer ein großartiges Riff nach dem anderen vorgesetzt - was super klingt, sich aber dennoch ein bisschen langatmig darstellt.
Quasi Nahtlos schließt sich "The Grand Inquisitor I: Karamazov Baseness" an, ein - sagen wir mal - gewagtes Stück und sicherlich der schwächste Track des Albums. Schwankend zwischen schleppend-doomig und seicht-akustisch gerät er viel zu lang - als kurzes Intermezzo wäre er noch ordentlich gewesen (hauptsächlich wegen des guten Mittelreils), mit einer Spielzeit von etwa 5 Minuten schießt er aber weit über das Ziel hinaus.
"She Was The Universe" hingegen ist wieder THE OCEAN wie man sie liebt - progressiv, abwechslungsreich, innovativ, brutal und komplex aber irgendwie auch eingängig und auf jeden Fall niemals langweilig. Dafür ein großes Daumen hoch!
Wie um dem Hörer nach diesem Ausbruch ein kurze Pause zu gönnen, schließt einen "For He That Wavereth..." mit seinen akustischen Gitarren und cleanem Gesang zärtlich in die Arme - aber nur ganz kurz. Denn nun kommt der beste Song des Albums: "The Grand Inquisitor II: Roots And Locusts". (Ein kurzer Exkurs in Sachen Konzept: Große Teile des Albums sind von Fjodor Dostojewskis Roman "Die Brüder Karamasow" (engl:"The Brothers Karamazov") inspiriert, speziell von einem Kapitel mit dem Titel "The Grand Inquisitor". Welche Lieder damit im Besonderen gemeint sind, sollte klar sein.) Der zweite Teile der Grand Inquisitor Reihe ist ein Meisterwerk, mit genialem Riffing, brutalen und dennoch eingängigen Vocals, hochvariablen Drums, Tempowechseln ohne Ende, geradezu gewalttätigen Breaks und einem derben Zug nach vorne. Dies ist ein Song, den man dutzende Male hören kann und der es irgendwie schafft, mit jedem Durchlauf noch besser zu werden. Trotz seiner immerhin 6 1/2 Minuten Spielzeit schleichen sich keine Längen, keine Hänger ein.
Um dieses Lobeshymne, die ich noch endlos fortsetzen könnte, mal abzukürzen: "The Grand Inquisitor II: Roots And Locusts" ist großartig und schon für sich allein beinahe ein Kaufgrund.
Fahren wir aber fort und stürzen uns wieder in den Ozean, bzw. das nächste Kapitel der Grand Inquisitor -Reihe: "The Grand Inquisitor III: A Tiny Grain Of Faith" ist ein selbst für THE OCEAN-Verhätnisse ungwöhnlicher Song. Fast ausschließlich von Drums, Piano und Gesang getragen (Gesungen wird hier übrigens nicht vom Stammsänger Loïc Rossetti, sondern von Sheila Aguinaldo, die ihre Sache ziemlich gut macht), mit einem seltsam unmelodisch scheinenden Trompeten-Einwurf und sehr kurz ist der Track nicht mehr als ein kurzes überraschendes Zwischenspiel, aber vielleicht gefällt er mir auch gerade deshalb so gut. Klein aber Oho, könnte man wohl sagen.
"Sewers OF The Soul" klingt da ganz anders. Ein Fast schon klassisch-rockiger Groove zieht die Nummer nach vorn. Zwischendurch wird das ganze von vertrackten Riffs und überraschenden Breaks aufgebrochen - schöne Nummer, aber nichts Weltbewegendes und besonders nichts außergewöhnliches in THE OCEANs Katalog.
"Wille Zum Untergang" ist das Instrumental des Albums und ein akustisches noch dazu. Leider krankt das Lied an gewaltiger Überlänge, zum zweiten Mal schleicht sich Langeweile ein und man ertappt sich dabei, wie die Gedanken abschweifen, man nicht mehr richtig dabei ist.
Erfreulicher geht es da bei "Heaven TV" zu - jedenfalls wird einem hier nicht langweilig. Vertrackter Mathcore mit frickeligen Riffs - man fühlt sich an THE DILLINGER ESCAPE PLAN erinnert. Mir persönlich ist das dann doch ein Schritt zu weit und zu uneingängig, obwohl auch "Heaven TV" seine starken Momente hat.
Es folgt die Abrundung des ganzen Packets mit "The Almightiness Contradiction". Hier kommen auch wieder Gastmusiker zum Einsatz: Cello, Geige und Bratsche geben einem das Gefühl, angekommen zu sein. Wie nach einem langen, strapaziösen Fußmarsch durch unbekanntes Gelände trudelt man wieder auf vertrauten Wegen ein.
Fazit: "Anthropocentric" ist ein verdammt starkes Album und mit Sicherheit seinem Bruder ebenbürtig, aber auch beim neuesten Streich des zur Band gereiften Kollektivs muss man leider Abstriche machen. Zu häufig schleichen sich Längen ein, als dass die volle Punktzahl berechtigt wäre.
Dennoch gilt: Für Fans von THE OCEAN ist das Album natürlich ein Pflichtkauf. Für alle anderen Freunde des progressiven Gittarensports kann aber auch eine dringende Kaufempfehlung ausgeprochen werden.