Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 20.04.2004
Ausgesprochen aufschlussreich findet Andreas Bernhard dieses Buch, in dem der Zürcher Kulturwissenschaftler untersucht, wie die Anschläge vom 11. Septembers mit der Angst vor einem möglichen Bioterror verknüpft wurden. Obwohl der Terroranschlag der Al-Qaida in keinem Zusammenhang mit den kurz darauf verschickten Anthrax-Sendungen stand, wandelte die US-Regierung die Bedrohung durch Flugzeuge in eine Bedrohung durch Mikroben, und zwar, wie der Rezensent die These des Autors darlegt, aus politischem Kalkül. Verbrechen, Krankheit und Fremdheit wurden vermengt, was sich schließlich auch in den verschärften Einreisebestimmungen niederschlug: "Unser Gesundheitssystem wird gestärkt werden, um nicht nur mit Bioterror umzugehen, sondern mit allen Infektionskrankheiten", zitiert der Rezensent, der mit dem Autor das "Phantasma" des Bioterrors zum "Legitimationsmittel einer außen- wie innenpolitischen Offensive" gemacht sieht. Die Stärke des Buch sieht der Rezensent mithin in der Analyse des Diskurses, die der politischen berichterstattung verwehrt bleibe: "Nicht nur Wissen zu präsentieren, sondern auch die Weisen seines Zusatndeskommens". Nur in einem Punkt möchte Bernhard dem Autor nicht folgen: in dem Verdacht, die US-Regierung hätte die Anthrax-Briefe selbst verschickt.
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Buchnotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 05.05.2004
Wurden die Flugzeuge des 11. September nicht abgefangen, weil man befürchtete, die Terroristen hätten biologische Kampfstoffe an Bord? "Nicht jede Verschwörungstheorie ist Stuss", schreibt Uwe Justus Wenzel, der allerdings auch nicht davon überzeugt ist, dass sie uns weiter helfen und deshalb nicht umhin kann, Philipp Sarasins Hang zum Spekulativen zu hinterfragen, zumal er ihn quasi als Symptom einer ganzen wissenschaftlichen Herangehensweise begreift, nämlich der Diskursanalyse. Dabei findet er das Buch alles andere als schlecht, Sarasins Fragen überaus interessant und seine Thesen bedenkenswert. Der Historiker untersucht, wie die Vokabel "Anthrax" in den Monaten nach den Anschlägen des 11. September zu einer Metapher wurde, die ein neues bioterroristisches Bedrohungsszenario schuf und zugleich beglaubigte. Oder ist es gar nicht neu? Das Bild des Angreifers als Mikrobe, als Eindringling in den Körper, reiche nämlich ins 19. Jahrhundert zurück, wurde medial immer präsenter und musste eigentlich nur aufgerufen werden: "Das leere Wort mit aggressivem Klang verknüpfte als 'mediales Virus' die Anschläge auf New York und das Pentagon mit einem psychohistorisch verwurzelten, durch Hollywoodfilme und Videospiele nachhaltig eingeprägten, letztlich rassistischen Schreckbild: mit der Invasion von tödlichen Fremdkörpern in den eigenen Organismus." Kamen die Anthrax-Anschläge der Bush-Administration also gerade recht, um die Bilder der einstürzenden Zwillingstürme mit der angeblichen Bedrohung durch Saddam Hussein zu verknüpfen - nicht argumentativ, sondern "suggestiv, paranoid"? Wenzel fügt dem jedoch eine weitere, ebenso ketzerische Frage hinzu: Wenn die Wissenschaft ihr Geschäft auf der Prämisse einer "Verflechtung von Fiktion und Realität" errichtet, steht sie dann eigentlich noch im Dienste der Aufklärung?
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