Henry Purcell (1659 - 1695): Anthems, Instrumental Music, Songs. Ausführende: James Bowman, Countertenor; Nigel Rogers, Tenor; Max van Egmond, Bass; Choir of King's College, Cambridge; Leonhardt-Consort; Brüggen-Consort (CD 2, Tr. 13); Ltg., Cembalo und Orgel: Gustav Leonhardt. Aufgenommen 1967 - 1969. Ursprünglich auf LP veröffentlicht. Als CD ebenfalls als Teil der Gustav-Leonhardt-Edition erhältlich (
The Gustav Leonhardt Edition Vol. 9 (Purcell: Anthems, Instrumentalmusik und Lieder)). Gesamtspieldauer: 108'03".
Es gibt natürlich neuere Aufnahmen mit Purcells Kirchen- und Instrumentalmusik, und wer sich eingehend mit Purcell befassen möchte, sollte sich lieber dort umsehen (
The Complete Anthems and Services Vol. 1 etc.). Gustav Leonhardts Aufnahmen bieten lediglich eine kleine Auswahl an Stücken und wurden zu einer Zeit auf den Markt gebracht, als Purcells Musik, vor allem in Kontinentaleuropa, so gut wie nicht bekannt war. Rein aufnahmetechnisch können diese CDs immer noch überzeugen; lediglich die Streicher verraten das Alter der Aufnahme, neuere "historisch informierte" Darbietungen klingen um einiges weicher und weniger herb. Bei den Anthems, je drei "Verse Anthems" mit Solisten und "Full Anthems" mit Chor a capella, greift Leonhardt auf den wahrscheinlich berühmtesten aller rein männlichen englischen Chöre zurück, den Choir of King's College, Cambridge, besetzt mit Knabensopranen und Countertenören statt weiblicher Stimmen. Das war zweifellos eine gute Entscheidung, auch wenn man heute nicht in allen Einzelheiten der Interpretation wird folgen können. Die Knaben klingen engelsrein und absolut hingegeben, auch wenn ihre Aussprache des Englischen ein wenig manieriert wirkt. Diese Vertonungen von Bibelworten waren für anglikanische Kathedralen gedacht und vertragen gut einen recht großen Chor. Als Solisten kommen drei Sänger hinzu, deren Namen die Augen eines jeden Alte-Musik-Fans zum Leuchten bringen: ein recht jung klingender James Bowman, ein Nigel Rogers auf der Höhe seines Könnens und ein Max von Egmond, dem die große Karriere noch bevorstand. Max von Egmond beschließt zusätzlich die zweite CD mit drei englischen Liedern Purcells.
Dazwischen gibt es jede Menge an Instrumentalmusik, ein Querschnitt durch Purcells Schaffen, mit Streichersonaten, alten Tänzen, Musik für Cembalo solo und sogar eine "Fantazia", vom Brüggen-Consort nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, auf Blockflöten, sondern tatsächlich auf Gamben gespielt: für damalige Verhältnisse sensationell!
Insgesamt sehr informativ und unterhaltsam, klanglich hervorragend. Als Einstieg in Purcells Welt eine sichere Bank - auch wenn die historische Aufführungspraxis seither große Fortschritte gemacht hat.
Fussnote: Henry Purcells geistliche Musik vermag mich trotz exzellenter Interpretationen nicht so zu überzeugen oder zu fesseln wie die Musik mancher Zeitgenossen oder seiner Londoner Nachfolger (wie z. B. Georg Friedrich Händel). Vielleicht liegt das daran, dass ich weiß, wie Purcell gelebt hat: Wie vor ihm Orlando Lassus schrieb er Laszives und Obszönes, außerdem fühlte er sich in der Theaterwelt am wohlsten. Seine geistlichen Werke klingen daher stets "artifiziell", so jedenfalls mein Eindruck; sie schaffen eine "religiöse" Atmosphäre und verstehen es, den Chor angemessen in Szene zu setzen, aber eine tief-innige Frömmigkeit will sich einfach nicht einstellen. Trotz mancher wunderschönen Passagen bekomme ich stets das Gefühl, Purcell schaue in erster Linie darauf, wie seine Musik "wirke", statt sich einfach mit den Worten der Bibel zu identifizieren.