Der Eröffnungsfilm der Diagonale 2004, "Antares" von Regisseur Götz Spielmann, der auch das Drehbuch schrieb, liegt hier als # 95 der Reihe "Der österreichische Film - Edition Der Standard" vor. Spielmann meinte darüber, nach seinem Werk "werden sich viele ihrer Liebe bewusster sein und dass die Kämpfe sich lohnen". Damit charakterisiert er treffend "die Liebe" als das zentrale Thema seines Films. Wer Spielmann kennt, wird aber natürlich wissen, dass einen hier keine schnulzig-kitschige Romanze erwartet, nein vielmehr beleuchtet der österreichische Regisseur die destruktive, dunkle Seite, die problembehaftete und zerstörerische Kraft, die der Leidenschaft innewohnt.
Im Film werden drei unterschiedliche Paare beobachtet, deren Beziehungen sich in eine "Krisensituation" - formulieren wir es einmal so - manövriert haben. Öder Alltag, Leidenschaftslosigkeit, Eifersucht, Ängste, Abhängigkeit und auch Gewalt sind die Themen, die das Miteinander bestimmen. Auf die konkreten Geschichten soll hier aber nicht näher eingegangen werden, dies würde wohl zu viel vorweg nehmen. Begnügen wir uns damit, zu verraten, dass die (parallel ablaufenden) Ereignisse eines Zeitraumes von etwa zwei Tagen in diesen drei Paarbeziehungen geschildert werden.
Formell löst der Film die Frage, wie man drei verschiedene Episoden erzählt und doch ein Ganzes bleibt, sehr kreativ. Die Gemeinsamkeit der drei Paare sind nicht nur ihre jeweiligen Krisensituationen, sondern auch das Umfeld, in denen sich ihre Geschichte und ihr Leben abspielt: eine Großwohnsiedlung in einem äußeren Bezirk Wiens, der klassische Handlungsort des neueren österreichischen Films. Episodenhaft werden nun zunächst die drei Schicksale nacheinander geschildert. Dabei gibt es jeweils lose Anknüpfungspunkte zwischen den Geschichten, die in der jeweiligen "dazugehörigen" Episode dann aus einem anderem Blickwinkel wieder aufgegriffen werden. (Beispielsweise führt ein Hauptakteur der ersten Handlung ein Telefonat mit einem Immobilienmakler; in der dritten Handlung stellt sich heraus, dass der Makler deren männlicher Protagonist ist, und wir sehen das gleiche Telefongespräch aus seiner Perspektive.) So wirkt der Film doch als Gesamtwerk und die Schicksale bleiben nicht singuläre Punkte, sondern sind in einen Zusammenhang eingebettet.
Im Finale, das aber keine tatsächliche Auflösung bietet - die jeweils ereignisreichen letzten zwei Tage bleiben doch Momentaufnahmen aus den Beziehungen, und es bleibt offen, wie sich diese weiter entwickeln -, laufen die drei losen, sich zwischendurch nur marginal berührenden Fäden, an einem Schauplatz zusammen; es gibt sozusagen eine Art vierte "Episode", in der die Erzählungen der jeweiligen vorhergehenden drei zu einem Ende kommen.
Unbedingt widersprochen muss an dieser Stelle der hierorts geäußerten Meinung werden, der Film würde mit Fortdauer "verklemmter" werden. Wohl präsentiert sich das Werk gerade in den ersten zwanzig Minuten außerordentlich freizügig und mit expliziten sexuellen Szenen, die man eher nur aus dem französischen Kino kennt, allerdings ist dies notwendiges stilistisches Mittel, um einen Kontrast zwischen der ausbrechenden Leidenschaft hier und der spießbürgerlichen, verklemmten Langeweile, deren Leidenschaft nur im Spiel des Klavierkonzertes (von Schubert?) zu finden ist - man achte bitte auf diese ironische Nebenszene beim Ansehen des Filmes -, dort, herzustellen. Dass spätere Sexualakte im Film nur mehr abstrakt transportiert werden, ist hoch anzurechnen, da damit bewiesen wird, dass sie zu Beginn nicht nur um deren Inszenierung willen, d.h. zur Bedienung der voyeuristischen Schiene, gezeigt wurden.
Höchst interessant sind die Charakterstudien der ProtagonistInnen von Spielmann, die es nicht erlauben, sie mit einem simplen Etikett zu versehen. Es gibt hier kein klar definiertes "Gut" und "Böse", kein "Schwarz" oder "Weiß", kein "Richtig" oder "Falsch", "Täter" und "Opfer" fließen oft in einer Person zusammen. Die Frage nach Schuld vermag man nach dem Film gar nicht mehr zu stellen, man würde keine Antwort finden. Selbst die eine einzig durch und durch negativ dargestellte Person entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als großer Komplexhaufen, der, nicht entschuldigend, aber dennoch, fast soetwas wie Mitleid erzeugen muss. Diesbezüglich ist Spielmann Meister seines Faches.
Abschließend ist noch anzumerken, dass in dem Film - es ist ja ein österreichischer - trotz aller Tragik auch der Humor nicht ganz ausgeschlossen bleibt. Stellvertretend sei hier eine kleine Nebenrolle des Kabarettisten Reinhard Nowak und dessen Philosophien über die akustischen Ausdrucksformen des weiblichen Orgasmus erwähnt.
Fazit: Seit der Oscar-Nominierung von "Revanche" wird Götz Spielmann bedauerlicherweise nur mehr mit diesem Film in Verbindung gebracht, und "Antares" fristet eher ein Schattendasein im Werk des Regisseurs. Keine Frage, auch "Revanche" ist ein grandioser Wurf und ein absolut sehenswerter Film, der im Vergleich zu "Antares" aber mehr intellektuell als emotional berührt. Schon von diesem Standpunkt aus ist letzterer jedem ans Herz zu legen, der Gefallen am österreichischen Film findet.