Küng plädiert für ein anständiges, ethisches Wirtschaften. Er zeigt auf, dass rücksichtsloses Profitstreben und Gier fatale Folgen haben können. Seine Argumentation baut er auf dem - sehr lobenswerten - Grundgedanken der Weltethos-Idee auf, also der Notwendigkeit, zwischen den verschiedenen Religionen und Weltanschauungen einen ethischen Minimalkonsens zu finden, auf dessen Grundlage ein harmonisches Zusammenleben der Menschheit möglich ist.
Leider bietet das Buch denjenigen Lesern, die sein Weltethos-Buch oder seinen Bestseller "Was ich glaube" gelesen haben, wenig Neues.
Gern erzählt Küng von seinen Kontakten zu Spitzenpolitikern, führenden Ökonomen oder Firmenchefs. Er versäumt es nicht, lange Listen von Persönlichkeiten zu veröffentlichen, die an Konferenzen oder Arbeitsgruppen zu wirtschaftsethischen Themen teilgenommen haben. Sein Buch ist anscheinend - auch wenn Küng selbst vielleicht anderer Meinung ist (S. 296) - vor allem an die Mächtigen dieser Welt gerichtet. Das Manifest "Globales Wirtschaftsethos", das den Abschluss des Buches bildet, wurde von ihm gemeinsam mit Firmenchefs erarbeitet; Arbeitnehmer und Gewerkschaften blieben offensichtlich außen vor.
Möglichkeiten, die sich durch konstruktives Verhalten von Konsumenten bieten, deutet Küng allenfalls am Rande an. Nützlich wären auch persönliche Kontakte zu gewöhnlichen Arbeitnehmern - etwa zu Bankangestellten, die vor lauter Verkaufsdruck und Provisionsvorgaben geradezu gezwungen sind, komplizierte Finanzprodukte und Versicherungen auch dann zu verkaufen, wenn sie dem Kunden wenig Nutzen bieten. Küngs Manifest wendet sich zwar gegen eine "gezielte Schädigung" von Geschäftspartnern (S. 307), geht aber kaum auf die Grauzone der eventuellen Schädigungen durch das Streben nach eigenem wirtschaftlichen Vorteil ein.
Das Wort "Zivilcourage" erwähnt Küng nur einmal nebenbei (S. 301). Er geht nicht konkret auf die Frage ein, wie sich ein Angestellter verhalten soll, wenn er bei seinem Arbeitgeber unethisches Verhalten bemerkt oder gar selbst darunter leidet, und welchen Beitrag z.B. die Gewerkschaften oder die Politik hier leisten können. Spannend wäre auch die Frage, inwiefern ein "anständiges Wirtschaften" auch in weniger ethischen Wirtschaftszweigen wie der Tabak- oder Rüstungsindustrie möglich ist. Sicher wäre in manchen Branchen aus ethischer Sicht ein Umsatzrückgang von 50-100 % wünschenswert.
Begriffe wie "Fairer Handel" oder "Social Banking" habe ich in dem Buch nicht gefunden. Küng hat damit die Chance verpasst, mit seinem Buch unmittelbar gewisse Trends zu unterstützen, dank derer zumindest einige wachsende Teilbereiche der Wirtschaft recht anständig sind. Jeder einzelne kann hier einen Beitrag leisten. Es wäre daher sinnvoll, neben den Mächtigen dieser Welt auch die einfache Bevölkerung stärker in Überlegungen für ein anständiges Wirtschaften einzubeziehen. Denn viele engagierte Gruppen - von der Eine-Welt-Bewegung über Weltföderalisten bis hin zur Esperanto-Bewegung - mussten in der Vergangenheit immer wieder erfahren, dass man von den Inhabern der politischen und wirtschaftlichen Macht nicht allzu viel erwarten darf. Viele Politiker würden sich nur dann entschieden für mehr Ethik in der Wirtschaft engagieren, wenn es ihnen mehr Stimmen und Parteispenden einbringt, und so mancher Unternehmer oder Manager würde Küngs Manifest für "Globales Wirtschaftsethos" nur dann gern unterschreiben, wenn er dadurch keinen wesentlichen Rückgang von Umsatz und Profit befürchten muss. (Die Formulierungen im Manifest sind daher wohl bewusst sehr weich gewählt.) Bestrebungen nach einem Wirtschaftsethos sollten sich folglich stärker an Wähler und Konsumenten wenden.
Auch die Chancen, die sich durch eine Einführung bzw. Stärkung von demokratischen Strukturen auf Weltebene bieten, behandelt Küng nur unzureichend. Weltföderalistische Ideen spricht Küng eher oberflächlich, teilweise negativ und vielleicht sogar voreingenommen an (S. 271), obwohl sich gerade hier neue Perspektiven für ein globales Wirtschaftsethos bieten würden. Das Komitee für eine demokratische UNO bringt hier positive Ansätze, die Küng unerwähnt lässt.
Enttäuschend ist auch, dass Küng darauf hinweist, der Global Marshall Plan sei schwer zu realisieren (S. 182). Schöner wäre es, er würde hervorheben, dass es - in einer Welt, wo immer noch täglich rund 25.000 Menschen an den Folgen von Hunger und Unterernährung sterben - geradezu unsere moralische Verpflichtung ist, an dessen Verwirklichung zu arbeiten.
Der Wert von Küngs Buch liegt weniger in dem Aufzeigen konkreter Auswege als darin, dass es zum Nachdenken über Probleme von hoher Wichtigkeit anregt. Küng fordert "verbindliche ethische Standards in der Weltwirtschaft" (S. 287), möchte sie aber anscheinend in erster Linie durch einen "Appell zur Selbstverpflichtung" (S. 295), also ein freiwilliges (unverbindliches?) Bekenntnis der Machthaber zu einem globalen Wirtschaftsethos durchsetzen. Ein solches Bekenntnis kann jedoch nur ein erster Schritt sein - so wie die Siemens AG zwar umfangreiche Seiten zu Themen wie "Nachhaltigkeit" oder "Werte und Vision" ins Netz gestellt hat und trotzdem vom Bündnis erlassjahr.de nicht unverdient die Auszeichnung "Hai des Jahres 2010" verliehen bekam.