Wer möchte das nicht gerne? Marilyn Monroe so nah wie der besten Freundin sein? Oder sie wieder zum Leben zu erwecken? Für letzteres muss man ein guter Autor sein, für Ersteres... "Maf", Marilyn Monroes Hund während ihrer letzten zwei Lebensjahre. "Maf" heißt eigentlich "Mafia Honey" (Kunststück, wenn er ein Geschenk von Frank Sinatra ist). Und Andrew O'Hagan stellt sich vor, was Maf aus seiner sehr persönlichen Nähebeziehung zu "MM" alles zu berichten hätte. Dabei ist O'Hagan nicht nur der Schreiberling im Kielwasser der Verehrten, der wiederkäut, was man halt über sie weiß oder zu wissen glaubt. Er ist ein gewitzter, kluger, scharfsinniger und doch respektvoller Schriftsteller. Hiermit gelingt ihm einiges.
Dennoch hinterlässt das Buch einen zwiespältigen Eindruck, man möchte sich einmal Hellmuth Karasek und Marcel Reich-Ranicki vorstellen, wie sie anhand dieses Werks das "Literarische Quartett" wiederaufleben lassen. Karasek dürfte begeistert sein von O'Hagan, der sich nicht nur in Marilyn Monroe hineinversetzen kann, sondern en passant noch gleich die ganze US-Intellektuellenszene der frühen 1960er Jahre und vieles mehr aufspießt, dies alles mit Kenntnis, (haha) Biß und Verve. Ranicki könnte entgegnen, dass das schon sein möge, aber er nicht wisse, warum er sich für diese Szene interessieren solle; er schwärmt für die Aufbereitung der großen universellen Themen wie Liebe, Tod, Verrat. O'Hagan hat hingegen ein Nischenbuch geschrieben, darin nicht schlecht, aber sehr voraussetzungsvoll. Das Buch dürfte polarisieren, stellt es doch eine der großen Fragen der Literatur wie der Kunst im Allgemeinen, auf die es keine allgemeingültige Antwort gibt: Ist gerade ein Werk gelungen, welches auch ohne Bildungshintergrund und/oder Insiderwissen anspricht, weil es kongenial von den ewigen Themen des Lebens erzählt, oder zeugt es gerade umgekehrt von hohem Niveau, wenn der Autor bei seinem Thema viel Vorwissen voraussetzt? O'Hagans Buch geht extrem in die zweitgenannte Richtung, und es geht dabei so weit, dass viele Passagen schlicht unverständlich, witz- und belanglos sind, wenn man dieses Vorwissen eben nicht hat. Ein Beispiel (S. 44): Natalie Wood meint, sie wisse ALLES über Mütter, da sie schon die Töchter von Bette Davis, Maureen O'Hara, Claire Trevor und Gene Tierney gespielt habe. Dazu Maf: "Natalie übertrieb. Sie hatte nie Joan Crawfords Tochter gespielt." Der trockene Satz ist ein echter Brüller, eine lässig hingerotzte Anspielung auf die Crawford einerseits und auf die Querverbindungen zwischen Kunst und Leben andererseits. Wenn man halt weiß, dass Ann Blyth 1945 ein unglaublich bitchy Rabenaas von Crawford-Tochter gespielt hat ("Mildred Pierce", Regie: Michael Curtiz) und dass die Horrorgeschichten zwischen der realen Joan Crawford und ihrer Adoptivtochter Christina Legion sind.
So geht es die ganze Zeit. Wer sich für Hollywood und die US-intellektuelle Szene der frühen 1960er Jahre nicht interessiert, den wird dieses Buch nicht eines besseren belehren können. Wer in dieser Welt zu Hause ist, wird aber recht gut unterhalten. Der Rezensent hat sicherlich nicht alle Anspielungen verstanden, möchte aber in aller Bescheidenheit behaupten, mit zahlreichen von ihnen gut zurechtgekommen zu sein. Damit kommt das Buch knapp an die vier Sterne heran - aber selbst aus der Perspektive des Filmnarren mischt sich unter viel Gutes noch ein nicht ganz unbedeutender Kritikpunkt. O'Hagan ist gelegentlich Opfer seiner erzählerischen wie intellektuellen Brillanz. Er will zu viel in einem einzigen Buch. Es geht bei weitem nicht nur um Marilyn Monroe, um Frank Sinatra, Natalie Wood, um Schriftsteller, um Kennedy, um MMs Analytiker... O'Hagan nimmt gleich noch so verschiedenartige Themen und Personen mit wie... hier nur einige: Greta Garbo, Jean Renoir, Douglas Sirk, John Stuart Mill, immer wieder Trotzki, Tom und Jerry, die Cartoons der UPA vs. Disney, Dalton Trumbo, Richard Wagner und die Nibelungensage, Emily Bronte, natürlich Gott und Jesus, Emma Bovary, und wir erfahren, dass der Hund von Auguste Renoir "Bisou" hieß - immerhin, ein schöner Name. Eine gewisse Chuzpe hat es, dass O'Hagan die Personen aus verschiedenen Kategorien so schroff zusammenprallen lässt wie etwa in einer Diskussion über abendländische Geistergrößen und klassische US-Cartoons. Das Buch wird dadurch jedoch auch sehr sprung-, episoden-, flatterhaft - und angeberisch. Schaut her, was ich, O'Hagan, alles weiß. Da sei es dem Rezensenten gegönnt, dem Angeber selbst ein paar Angaben zu machen. Dass Jerry-Maus zunächst "Jinx" geheißen hätte, dürfte falsch sein. In "Puss Gets The Boot" (1940), der als Referenz herangezogen wird, war die Maus namenlos (vgl. Leonard Maltin, "Of Mice and Magic", 1980, die klassische Enzyklopädie des US-Cartoons, bzw. den Film selbst). Dass der Regisseur Douglas Sirk als Hans Detlef Sierck geboren wurde, ist ein oft kolportierter Irrtum; sein Name war Detlef Sierck (Hans Detlef Sierck hieß sein Sohn). Nur mal so, Mr. O'Hagan... Bätsch! Das alles gildet nicht!
Das von intellektueller Blüte zu intellektueller Blüte hüpfende Werk ist also gelegentlich kalt. Man fragt sich, was die zugegeben oft brillanten Stellen zu einem Ganzen macht, was das Buch mehr werden lässt als eine Sammlung guter Einfälle - was es eine ERZÄHLUNG werden lässt. Dies ist: Marilyn Monroe, auf die sich der Autor stärker hätte konzentrieren sollen. MM erscheint leider erst auf Seite 79, aber schon der erste Auftritt ein Genuß, wie sie da sitzt im Spitzenkleid, telefonierend, "den Kopf nach hinten geneigt, die Augen auf das Licht gerichtet". Aber anhand des Gesprächsinhalts (ihrem Bemühen um bessere Rollen) erkennen wir sofort den Menschen hinter der Diva. MM ist O'Hagans Thema, hier schreibt er nicht nur für den Kopf, hier schreibt er auch fürs Herz, hier hat er Leidenschaft, Respekt, Liebe, Wehmut, Emphase, Tragikomik, Würde. Er kann, soweit dem Rezensenten ein Urteil hierüber möglich ist, sich in die Monroe hineinversetzen. Er schafft immer wieder Stimmungsbilder, die das Sensible, Emphatische, Aufrichtige unterstützen. Selbst wenn er wieder seine Tricks einsetzt, die bezüglich Monroe so gar nichts Selbstzweckhaftes oder Prätentiöses haben. So sagt die Monroe im Central Park einmal (S. 120): "Ich liebe es, den vorbeifahrenden Schiffen zuzusehen", was den Rezensenten aus welchem Grunde auch immer an die Schleppkähne in der Garbo-Verfilmung von "Anna Christie" erinnerte, die am gleichen Ort entlangschippern. Und eine halte Seite später geht es TATSÄCHLICH um Anna Christie und um Monroes Schwierigkeiten, daraus einen Teil für das Actor's Studio zu spielen!
Über Marilyn Monroe ist viel Unsinn gesagt und geschrieben worden. O'Hagan gelingt hingegen, sie ernst zu nehmen, sich dem Menschen zu nähern, auch das Kluge in ihr herauszustellen - vielleicht, wie eben nur Hunde unverstellt fühlen können, was den Menschen oder zumindest manchen Menschen verborgen bleibt, wenn sie das Sexbombenimage vor Augen haben. Wie man jedoch am zitierten Erstauftritt Monroes schon sieht (und durchgängig bestätigt bekommt), verbindet O'Hagan dies mit dem Preisen von Monroes unnachahmlichem Appeal, auf diese Weise gängige Vorurteil aufbrechend, dass gerade bei Frauen immer nur die eine oder die andere Seite zu haben sei, die Sexbombe oder der authentische und gar nicht blondinenwitzdumme Mensch. In den Passagen, in denen es um Marilyn geht, gelingen O'Hagan Liebeserklärungen von berührender Schönheit und gleichzeitig variationsreicher Originalität, wenn er z.B. Monroes Appeal nicht nur auf Blondhaar und Busen reduziert, sondern eine Aura mit allen Sinnen beschreibt (dies sollte man wörtlich nehmen, denn hier geht es auch um zauberhafte Düfte, also um den Sinn, der bei Hunden am besten ausgeprägt ist).
Achtung, es folgt ein Spoiler am Ende des folgenden Absatzes.
Wenn es um Marilyn Monroe geht, gelingt O'Hagan auch ein erzählerischer Bogen: Zunächst verbindet er sein scharfzüngiges Lästern mit seiner berührenden Anteilnahme für MM, wenn er etwa eine Sitzung mit ihrer Analytikerin beschreibt, die letztlich mehr von sich erzählt und daher ihre eigenen Probleme auswalzt, statt der Patientin bei den ihren zu helfen. Wie Marilyns Niedergang eingeleitet wird, ist wieder so eine gelungene Verknüpfung der scharfsinnigen Beobachtung mit der wehmütigen Anteilnahme. Sie sagt zu einem Witz (S. 289): "Das ist lustig." Dazu Maf: "Wenn jemand etwas Komisches erzählt, neigen viele Amerikaner dazu, 'das ist lustig' zu sagen, während Europäer eher lachen. Marilyn hatte immer zu letzteren gehört, doch während der Zeit, bevor die Filmaufnahmen zu Something's Got to Give begannen, entglitten meinem Frauchen ihre natürlichen Reaktionen." Besser kann man eine kulturelle mit einer individual-menschlichen Beobachtung nicht verknüpfen! Der letzte Satz des Buches ist dann von einer berührenden Schönheit, dass es für vieles zwischendrin entschädigt. Nachdem Maf ein paar Seiten zuvor mit Frauchen über Forest Lawn geschlendert war und der Leser (leider wieder nur der Eingeweihte) damit ahnt, dass das Buch mit dem Tode der großen Monroe enden oder zumindest auf ihn vorausblicken wird, gönnt uns O'Hagan noch einmal den Hauch des großen Zaubers, den MM verbreiten konnte - ganz wie es sich für einen Hund gehört: "...
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