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Ansichten eines Clowns: Roman
 
 

Ansichten eines Clowns: Roman (Taschenbuch)

von Heinrich Böll (Autor)
4.6 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (44 Kundenrezensionen)
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Der Spiegel

Warum es am Rhein nicht so schön ist
Er habe doch nur eine „ganz harmlose Liebesgeschichte“ erzählt, sagte Heinrich Böll 1982 in einem Radio-Interview, „ich verstehe die Aufregung bis heute nicht“. Tatsächlich wirbelte sein Roman „Ansichten eines Clowns“ am 10.Mai 1963, dem Tag seines Erscheinens, durch die Feuilletons der Bundesrepublik Deutschland und lieferte wochenlang Stoff für Debatten. Böll, der schon in früheren Büchern und Essays Engstirnigkeit und Doppelmoral der katholischen Kirche beschrieben hatte, ließ in seinem neuen Roman den Unternehmersohn und Clown Hans Schnier am vermufften rheinischen Katholizismus der fünfziger Jahre scheitern.

Es war ein von seinem Kölner Verleger Joseph Caspar Witsch klug konzipierter Skandal. Das Land war schon aufgewühlt durch das „Unbehagen am Klerikalismus“ („Deutsche Volkszeitung“) – eine Diskussion, die Rolf Hochhuth mit der Papst-Abrechnung „Der Stellvertreter“ und Karlheinz Deschner mit seiner kritischen Kirchengeschichte „Und abermals krähte der Hahn“ ausgelöst hatten. In dieser angespannten Stimmungslage veröffentlichte die „Süddeutsche Zeitung“ sechs Wochen lang „Ansichten eines Clowns“ als Vorabdruck, was zu einem Protestbrief der „Katholischen Aktion“ führte.

Deshalb besprachen rund 50 Rezensenten, denen Witsch Leseexemplare zugeschickt hatte, Bölls Roman sofort nach Ablauf der Sperrfrist. Dies war der Startschuss für einen monatelangen Debattenmarathon. Nun erschienen in den Feuilletons die abweichenden Meinungen, die wiederum von den nächsten Rezensenten diskutiert wurden.

Der „Zeit“ gelang es damals, das Wettrennen um die Urteile der prominentesten Journalisten zu gewinnen: Rudolf Augstein, Marcel Reich-Ranicki, Rudolf Walter Leonhardt, Ivan Nagel, Walter Widmer, Werner Ross, Reinhard Baum¬gart und Joachim Kaiser schrieben lange Kritiken in dem Blatt und konnten sich auf nichts einigen. Enthielt der Roman zu viel gute Gesinnung und zu wenig Leben? War die Bundesrepublik nicht schon längst viel liberaler, als der Roman sie beschrieb? Handelte es sich bei Hans Schnier wirklich um einen 27-jährigen Clown, dessen Liebesbeziehung an der Rechthaberei der Institution katholische Kirche und an der konservativ-muffigen Adenauer-Ära zerbricht? Oder verkündete der 45-jährige Autor mit Hilfe seines literarischen Alter Ego nur seine bekannten politischen Ansichten?

Die Protagonisten seien keine Gestalten, sondern „aufrecht gehende Namen“, fand Reich-Ranicki. Kaiser hielt dem entgegen, die „seltsame Gestalt“ des Clowns Hans Schnier „vermag mich zu rühren und zu faszinieren wie bisher noch keine des Böllschen Kosmos“.

Böll hatte die Geschichte tatsächlich angelegt als privates Scheitern, nach dem Vorbild des griechischen Mythos vom Labyrinth: Sein Protagonist sollte 276 Seiten lang gegen Wände rennen. Der Roman erstreckt sich über drei Stunden, in denen Schnier betrunken, knieverletzt, verarmt, verbittert und vereinsamt in seiner Bonner Wohnung sitzt und bei Verwandten und Bekannten anruft, um sie um emotionale und finanzielle Unterstützung zu bitten, vergeblich allerdings.

Seine Leidensgeschichte wird in Rückblicken erzählt. Der Atheist Schnier stammt aus der evangelischen Oberschicht, hat sich aber mit seinen Eltern überworfen. Er verliebte sich in die katholische Marie, die aus einfachen Verhältnissen stammt, denn sie ist der Gegenentwurf zu Schniers Mutter: lieb, warm, aufrichtig. Einige Jahre lang waren sie glücklich, während sie gemeinsam von Bühne zu Bühne reisten. Schnier war kein Star, aber als Clown gefragt.

Die beiden träumten von gemeinsamen Kindern, mit jeder Fehlgeburt mehr. Marie wurde mit der sich wiederholenden Enttäuschung nicht fertig und verschob ihre Wut in die absurde Forderung, Schnier solle schriftlich zustimmen, die gemeinsamen Kinder katholisch zu erziehen. Als er sich weigerte, sich einer Institution zu unterwerfen, verließ sie ihn und heiratete einen Funktionär einer katholischen Laienorganisation. Für Schnier begann damit der Abstieg, psychisch wie beruflich.
In seinem Nachwort zu „Ansichten eines Clowns“, das in der Ausgabe von 1985 erschien, nannte Böll, inzwischen Nobelpreisträger, das Buch einen „historischen Roman“, der nur noch als exemplarischer Kampf zwischen Individuum und Institution verstanden werden könne. Wie wäre es also, wenn man Hans Schnier zum Christen machen würde, egal ob katholisch oder evangelisch, und Marie zur Muslimin? Oder wenn man den Konflikt zwischen den Klassen ansiedeln würde, zwischen Unterschicht und Oberschicht? Oder zwischen Existenzformen, Angestellten-Dasein gegen Prekariat?

Die Transformation würde wahrscheinlich funktionieren. Nicht nur, weil der Grundkonflikt zeitlos ist, sondern auch, weil die Liebesbeziehung zwischen Hans und Marie letztlich an dem scheitert, woran die meisten Paare zerbrechen: am Alltag.

Nachwort von Marianne Wellershoff zu Ansichten eines Clowns. SPIEGEL-Edition Band 34 -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Pressestimmen

"Heinrich Böll zeigt, was so selten gezeigt wird: den Alltag einer Liebe." (Marcel Reich-Ranicki)

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17 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen lesenswerte Gesellschaftskritik, 15. August 1999
Von Ein Kunde
Diese Rezension stammt von: Ansichten eines Clowns (Gebundene Ausgabe)
Bölls Roman von den „Ansichten eines Clowns" erzählt in 25 monologische Kapiteln das Geschehen von zwei Stunden aus der Sicht einer einzelnen Person. In diesen zwei Stunden führt der Protagonist des Romans, der Clown Schnier, im wesentlichen Telefongespräche, um sich Geld zu borgen und zu erfahren, wo seine frühere Geliebte ist. (Diese hat ihn verlassen und einen anderen geheiratet.) In die Schilderungen fließen assoziativ verknüpfte Erinnerungen hinein, die bis in den Zweiten Weltkrieg reichen. Böll benutzt dabei in der Regel eine recht einfache Sprache und bedient sich umgangssprachlicher Ausdrücke. Mit oftmals auch sehr bissiger Ironie kritisiert er sowohl die gesellschaftlichen und politischen als auch die geistigen und religiösen Verhältnisse, die zum Zeitpunkt des Entstehens (1962) in der Bundesrepublik herrschen. Dabei kritisiert er besonders den Egoismus, die Oberflächichkeit und die Unaufrichtigkeit des Menschens. Da sich die Menschen in diesem Land aber auch nach Erscheinen des Buches nicht wesentlich geändert haben, ist die Kritik heute noch so aktuell wie damals und somit hat auch dieses Buch nichts an Aktualität verloren. Gut geschrieben ist es allemal und somit des Lesens wert. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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29 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Vielen Dank für diesen wunderbaren Roman., 30. Juli 2006
Ein Roman des unspektakulären Alltags, ein Roman der großen Gegensätze: arm und reich, schuldig und unschuldig, Wahrheit und Lüge. Hans ist am Ende: die Trennung von seiner Frau gibt ihm den Rest. Seine oberflächliche, gekünstelte und liebesunfähige Mutter hat in seinem Innern eine große Leere hinterlassen. Nun erliegt er dem Schmerz seiner unerfüllten Bedürfnisse und versinkt in Alkohol, Melancholie und Selbstmitleid.

Ein Spielverderber ist er, im goldenen Wirtschaftswunderland will er es den anderen nicht gleichtun, will sich nicht hinter Materialismus und geschickten Lügen verstecken. Sohn wohlhabender Industrieller - und er wird Clown. Umringt von maskierten Menschen will er selbst keine Maske tragen. Voller unverstandener Traurigkeit und leider auch viel Selbstmitleid steht er einem Volk von Wichtigtuern und Heuchlern entgegen. Rigide und unglaubhaft praktizierter Katholizismus verwoben im verlogenen Parteiensumpf (Zeiten also, in denen CSU und CDU sich das heuchlerische C im Namen genehmigten). Mit Schlagfertigkeit, Sarkasmus und triefendem Selbstmitleid rechnet er ab mit seiner Familie und den falschen Katholiken. Aber: Wahrheiten machen einsam, ebenso Traurigkeit und Sarkasmus, wenn man sie an der Oberfläche trägt. Kläglich kommt von klagen, Hans wirkt jetzt so.

Leise und verletzlich gleiten Bölls Worte. Er lässt die Menschen durch ihre Gedanken, Zweifel und Gespräche erstehen. Grosse Wortgewalt ist Bölls Sache nicht, ebenso wenig verwendet er viel Zeit für Beschreibungen von menschlichen Äußerlichkeiten. Der eigenen Fantasie wird viel Raum gelassen. Es ist die Kraft der klaren, feinfühligen Worte, die den Leser die große Wahrheit spüren lässt.

Meine Zeit ist es nicht, die Zeit des Romans. An mich war 1963 noch nicht zu denken. Kriegsschmerz, Kriegsschuld, katholische Diskutiervereine, politische Vergangenheitsbewältigung - eher nicht meine alltäglichen Sorgen. Trotzdem war ich von der ersten Seite an verzaubert von soviel Feingefühl für die kleinen und großen Schmerzen der Seele. Wenn ich im erstickenden Alltag mit seiner enormen Geschwindigkeit des Zeitverflugs ebendiese nicht mehr zu fühlen imstande bin - Romane wie dieser führen mich zurück.

Dieser Roman ist für alle, die die leisen Töne besonders lieben. Es gibt niemand, der über die Kleinigkeiten des Alltags so schön schreiben kann.
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8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Abrechnung eines Clowns, 6. Juni 2005
Von Michael Dienstbier "Privatrezensent ohne fina... (Bochum) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 50 REVIEWER)    (REAL NAME)   
"Wenn unser Zeitalter einen Namen verdient, müßte es Zeitalter der Prostitution heißen" lässt Böll seinen Protagonisten Hans Schnier im letzten Kapitel des Romans sagen.

Das verkommene Zeitalter, das in "Ansichten eines Clowns" an den Pranger gestellt wird, ist die Bundesrepublik der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre. Keiner bleibt von Verachtung und Spott Hans Schniers unverschont. Katholiken und Protestanten, Konservativen und Sozialdemokraten, Industriellen und der eigenen Elterngeneration werden mit ihrer Vergangenheitsverdrängung und permanenter Heuchelei konfrontiert.

Zur Geschichte: Der Clown Hans Schnier lebt sechs Jahre lang in wilder Ehe mit seiner großen Liebe Marie zusammen. Es kommt zum Bruch, als er sich weigert, die erwarteten gemeinsamen Kinder katholisch erziehen zu lassen. Sie verlässt ihn und heiratet Züpfner, einen Katholiken. Marie war für Hans Schnier sein ein und alles, der Halt in seinem Leben, was der Erzähler in einfacher, und doch wunderschöner Prosa, zum Ausdruck gebracht hat. Für ihn bricht eine Welt zusammen, er kann sich nicht mehr auf seinen Beruf konzentrieren, ist jeden Abend betrunken. Er fährt in seine Heimatstadt Bonn, um Familie, Freunde und Bekannte um Hilfe, vor allem um Geld, zu bitten. Doch die Gesellschaft zeigt , was sie von einem hält, der ihre Normen nicht akzeptiert.

Viele haben "Ansichten eines Clowns" nach dessen Erscheinen 1963 heftig angegriffen, vor allem die katholische Kirche. Richtig ist, dass Hans Schnier mit den ihn umgebenen gesellschaftlichen Konventionen nicht zimperlich umgeht, Schimpfwörter und anderweitige Kraftausdrücke eingeschlossen. Auch wenn man den Kritkern zu Gute halten kann, dass Böll in der Tat vielleicht etwas zu verallgemeinernd vorgeht, bleibt sein Roman nichtsdestoweniger ein wertvolles Zeugnis zum Zeitgeist der Bundesrepublik in den Wirtschaftwunderjahren. Das auch in dieser, heute oft glorifizierten, Zeit nicht alles Gold war was glänzte, zeigte die wenige Jahre später einsetzende Studentenrevolution.

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Veröffentlicht am 13. Dezember 2006 von Brond

5.0 von 5 Sternen Unbeschreiblich
"Denk an nichts... denk nur an den Clown, der in der Badewanne weint, dem der Cafe auf die Pantoffeln tropft."

Ein wundervolles Werk. Unbeschreiblich!!!!
Veröffentlicht am 28. Juni 2006 von Nina

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