Lebendige Anschauung der Welt - Alexander von Humboldt wird wiederentdeckt Von Ludger Lütkehaus Dass der Weltreisende und Universalgelehrte Alexander von Humboldt (17691859) heute in seinem deutschen Heimatland nicht nur ein hier und da bekannter Mann, sondern auch ein gelesener Autor, gar eine populäre Gestalt wäre, liesse sich nicht behaupten. In Süd-, in Mittel- und Nordamerika hingegen, in Frankreich, Spanien, England, Russland wie in Japan ist er eine Berühmtheit, neben Goethe der bekannteste Name der deutschen Kulturgeschichte. Über 1000 Orte, Städte, Plätze, Strassen, Gebirge, Gletscher, Vulkane, Wüsten, Urwälder, Ströme, Seen, Meere, bis hin zum Mare Humboldt auf dem Mond, Pflanzen- und Tierarten, dazu Schulen, Akademien, Stiftungen, Forschungsinstitute, Museen nennen sich nach ihm. Ehrgeiziges Projekt Dieser Diskrepanz will nun das «Humboldt-Projekt» abhelfen, das unter der Ägide Hans Magnus Enzensbergers, betreut von den ausgewiesenen Humboldt-Kennern Ottmar Ette und Oliver Lubrich, von der «Anderen Bibliothek» veranstaltet wird. Humboldts grandioses, zu seiner Zeit überaus erfolgreiches Spätwerk «Kosmos», sein «Entwurf einer physischen Weltbeschreibung», erscheint nach der fünfbändigen Erstausgabe von 1845 bis 1862 erstmals in einer Humboldts eigenhändige Korrekturen und Zusätze integrierenden kommentierten Neuedition einschliesslich aller Bildtafeln, dazu der «Physikalische Atlas» von Heinrich Berghaus, der ursprünglich als Beigabe des «Kosmos» vorgesehen war. Humboldts «Ansichten der Kordilleren und Monumente der eingeborenen Völker Amerikas», von 1810 bis 1813 in Paris auf Französisch publiziert, werden erstmals vollständig in der vorzüglichen deutschen Übersetzung von Claudia Kalscheuer zugänglich gemacht. Schliesslich kommt eine Neuausgabe der «Ansichten der Natur» hinzu, die schon einmal in der «Anderen Bibliothek» erschienen sind. Ein ebenso spektakuläres wie ehrgeiziges Projekt. An den entsprechenden Fanfarenstössen fehlt es nicht: Aus «wissenschafts-, bildungs- und kulturpolitischen Gründen», so Enzensberger als Spiritus Rector, soll Humboldt wieder «auf die Tagesordnung der deutschsprachigen Öffentlichkeit» gesetzt werden. Das ist ein Wort. Die Projektwerbung liest sich so, als könne an Humboldts Wesen selbst das marode deutsche Wesen genesen. Überdies ist daran zu erinnern, dass in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft eine von Hanno Beck kenntnisreich kommentierte siebenbändige Studienausgabe inklusive des «Kosmos» und der «Ansichten der Natur» lieferbar ist. Aber auch wenn man das Trommeln überhört, das nun einmal zum Handwerk zu gehören scheint, setzt das Humboldt-Projekt neue Massstäbe. Die Leser können sich der Begegnung mit einer aussergewöhnlichen Gestalt und einem grossen Werk, nicht zuletzt einer bibliophilen Edition erfreuen. Als der 30-jährige Alexander von Humboldt nach mehrjähriger Reisevorbereitung am 5. Juni 1799 in der Begleitung seines vier Jahre jüngeren französischen Assistenten, Gefährten und Freundes Aimé Goujaud Bonpland vom spanischen Hafen La Coruña nach Südamerika aufbricht, da beginnt die neben Darwins Fahrt mit der «Beagle» bedeutendste, ohnehin die abenteuerlichste Forschungsexpedition der Moderne. In den kommenden fünf Jahren bereisen die beiden Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru, Kuba und Mexiko, zum Dessert auch noch die USA, wo Präsident Jefferson sie mehrmals empfängt. Humboldt ist immer auch Diplomat, zur Not Höfling. Aber seitdem er 1790 in Paris den Aufbruchsgeist der noch nicht pervertierten Revolution gespürt hat, gehört den Befreiungsbewegungen seine Sympathie. Der Sklaverei, der Ausbeutung und jeglichem kulturellen und religiösen Missionarismus sagt er den Kampf an. Die Höhepunkte der Reise sind die Erforschung des Amazonas, die Befahrung des Orinoco, die Entdeckung des Rio Cassiquiare, der Aufstieg zu den Vulkanen, vor allem zum Chimborazo, der seinerzeit als der höchste Berg der Welt gilt alles wohlgemerkt, wie kein anderer als Reinhold Messner gerühmt hat, im Gehrock und mit europäischem Schuhwerk. Dazu reichlich lebensgefährliche Abenteuer, Begegnungen mit Krokodilen, Schlangen, «Tigern», d. h. wohl Jaguaren, Panthern und, schlimmer als alles andere, riesigen Moskitoschwärmen. Bei seiner Rückkehr nach Europa 1804 stellt Humboldt den Expeditionsbericht mit eher englischem als deutschem Understatement unter den Titel «Eine Reise in die Äquinoktial-Gegenden des Neuen Kontinents». Die lebenslang andauernde Auswertung seiner Forschungsergebnisse beginnt, unterbrochen 1829 noch einmal von einer weiteren Forschungsreise nach Russland und Sibirien, die ihn bis zur chinesischen Grenze führt. Die «Ansichten der Natur» und der Kordilleren geben den unmittelbaren Eindruck seiner Forschungsreise wieder. Der «Kosmos» ist die späte natur- und wissenschaftsphilosophische Summe seiner Arbeit, das Opus magnum eines umfassenden Geistes. Wissenschaft und «Weltanschauung» Humboldt ist auch Abenteurer, Entdecker, aber vor allem ist er Forscher, der einer fast völlig unbekannten Welt mit unstillbarer Neugier, mit dem kontrollierten Willen zum Wissen und ungeheurer Arbeitskraft begegnet. In zehn Sprachen ist er zu Hause, in unzähligen Disziplinen leistet er Pionierarbeit, als Botaniker, Zoologe, Mineraloge, Geologe, Geograph, Geodät, Klimatologe, Ozeanograph, aber auch als Ethnologe, Historiker, Mythenforscher, Sprachwissenschafter (wie sein nur in diesem Punkt berühmterer Bruder Wilhelm). Eine seiner frappantesten Entdeckungen in den «Ansichten der Natur» ist die, dass frühere englische Kartographen erstaunlich viele Gegenden mit Bergketten ausgestattet haben, weil sie nicht wissen, dass das Wort «monte» zugleich für «Berg» und «Wald» verwendet wird. Und was ein tropischer Urwald zu heissen verdient, unterliegt strengsten Anforderungen. Mit der romantischen Inflation des «Urigen» hat Humboldt nichts im Sinn. Er ist genauer Beobachter und Datensammler, Empiriker, durchaus Spezialist. Die Wissenschaftshistorikerin Petra Werner hat in einer Studie zum Entstehungsprozess des «Kosmos» detailliert nachgewiesen, in welchem Mass sich Humboldt das Spezialwissen der Disziplinen angeeignet und wie streng er zwischen objektiver Darstellung und Einbildungskraft, Wissenschaft und Spekulation unterschieden hat. Die «Weltanschauung», für die er eintritt, ist im Gegensatz zum säkularisiert religiösen, Beliebigkeit implizierenden Sinn des Wortes sinnlich gesättigte, genaueste Anschauung der Welt, «Weltbewusstsein» (Ottmar Ette). Aber Humboldt ist nichts weniger als ein stupider Faktenfanatiker; er ist kein blosser Positivist. Sein Spezialistentum ist von vornherein transdisziplinär offen. Die Trennung der «zwei Kulturen» von Geistes- und Naturwissenschaft ist die seine nicht. Seine Betrachtungsweise ist vielmehr, wie es der «Kosmos» am schönsten zeigt, wo die Anschauung der Erde der tellurischen Erscheinungen mit der des Kosmos der «siderischen» Erscheinungen einhergeht, «holistisch», umfassend. Humboldt will «die Natur als ein durch innere Kräfte bewegtes und belebtes Ganzes auffassen». Und dafür hat er einen schönen alten Namen: den der «Geognosie», der Erderkenntnis. Mit den Begriffen von heute darf man ihn getrost einen ökologischen Denker und, im besten Sinn des Wortes, einen herausragenden wissenschaftlichen Globalisierer nennen. Die Ausbeutung der tropischen Natur und ihrer Völker war ihm tief zuwider. Diese Synthese von spezialwissenschaftlicher Erkenntnis und Blick aufs Ganze, Besonderem und Allgemeinem, Sinnlichkeit und Abstraktion, die ihn vor dem Nur-Spezialistentum bewahrt, kommt mit einer poetischen, künstlerischen Auffassung und einer überaus farbigen, lebendigen und belebenden Darstellungskraft zusammen. All das verbindet Humboldt mit Goethe, den er hoch verehrt hat wie Goethe ihn: In den «Wahlverwandtschaften» hat Goethe ihm ein Denkmal gesetzt. Humboldts grösster Vorzug war seine Unfähigkeit zur Einseitigkeit. Ihm kam es darauf an, wie es das zweite Buch des «Kosmos» formuliert, das exakteste Naturstudium von der Dichtung, der Kunst inspirieren zu lassen und daran sich und ein so grosses wie aufmerksames Publikum zu bilden: an der lebendigen Anschauung der Welt.
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