Mit der Wahl eines weitgehend einheitlichen Schauplatzes sowie der Einbindung der Handlung in den Wandel der Jahreszeiten folgt der Film strengen formalen Strukturen. Diese Gewöhnung erlaubt es dem Zuschauer, sich ganz auf die wenigen handelnden Charaktere zu konzentrieren, die von der Kamera meist sehr nahe begleitet werden. Schnell wird auch klar, dass es im Leben Gewinner und Verlierer gibt und die Verlierer sich gerne um die Gewinner scharen wie Motten um das Licht. Obwohl diese Konstellation zunächst recht statisch wirkt, dürfen sich die Figuren im Laufe des Jahres entwickeln. Einerseits sind es die "Lichtgestalten" Tom und Gerri als älteres, perfekt harmonierendes Ehepaar, die im Lauf der Geschichte zumindest Zweifel daran aufkommen lassen, dass ihre fürsorgliche Haltung gegenüber ihren weniger glücklichen Freunden im Lauf der Geschichte dauerhaft durchgehalten werden kann, auch zulasten eigener Bedürfnisse. Besonderes Augenmerk scheint Mike Leigh aber Gerris anstrengender Freundin und Berufskollegin Mary (brilliant verkörpert von Lesley Manville) zu widmen - sie ist, neben der Kernfamilie, die einzige Figur, die in allen Jahreszeiten auftaucht. Immer wieder unternimmt sie verzweifelte Versuche, von ihrer Einsamkeit und ihren Selbstzweifeln abzulenken, der Erfolg, ob mit Männern oder Autos, bleibt desaströs, sie bleibt sich selber fremd und entfremdet sich damit zugleich von Gerri und der haltgebenden Verbindung zu ihr und Tom. In der wundervollen Schlusssequenz aber lässt der Film dem Betrachter alle Möglichkeiten offen, den Verlauf der Geschichte und der zwischenmenschlichen Entwicklungen nach eigenen Vorstellungen fortzuentwickeln. Diese Zurückhaltung macht "Another Year" für mich schon jetzt zu einem herausragenden Filmerlebnis in 2011.