"Another side of" - eigentlich ein unpassender Titel für ein Bob Dylan-Album...das zeigt doch gleich an, dass man versucht hat, den Master-Songwriter in die Schublade des reinen Protest-Songs zu schrieben, obwohl er bereits vor diesem Album auch andere Arten von Songs komponiert und gesungen hat.
Aber zu dem Album an sich: New York, Sommer 64, Bob Dylan kommt ins Studio und spielt - eine Nacht lang, ohne weitere Begleitmusiker, 11 neue Stücke ein und verabschiedet sich danach wieder - so schnell und einfach kann man der Nachwelt ein Meisterwerk hinterlassen. Akustikgitarre, Mundharmonika und Stimme harmonieren wie immer - so geht Folk-Musik.
Natürlich stehen, neben den zum Teil genialen Melodien, die Texte im Vordergrund: und die sind stark gemacht.
Ob heitere Wortspiellyrik ("All I really wanna do"), ob große Poesie im Stile des Protestsängers ("Chimes of freedom"), ob einfach geniale Verrücktheiten ("I shall be free No. 10"), ob Gedankenspiele über Liebe ("I don't believe you") oder auch die wilde Assoziationslyrik des 65/66er-Dylan ("Motorpsycho nightmare"), textlich wird stets höchstes Niveau geboten.
Der musikalische Stil sowie die Instrumentierung bleibt konstant, nur beim "Black crow blues" erklingt statt einer Gitarre ein Klavier, eine sehr interessante Sound-Variation, die Dylan vielleicht öfter hätte anwenden können.
"Another side of" ist trotz etwa drei ernsteren, melancholischen Liedern ein sehr heiteres Album. Vielleicht gehört es nicht zur absoluten Spitze des Dylanschen Gesamtwerkes, dafür kann man es sich jederzeit anhören, es ist zwar immer noch ziemlich anspruchsvolle Musik bzw. Lyrik, jedoch tut es als leichter verdauliche Kost zwischen hochtragenden Dylan-Alben wie "The times they are a-changing" oder "Blood on the tracks" ziemlich gut...und es ist natürlich besser als so gut wie alles andere, was es an Rock/Pop-Musik zu hören gibt.