Ui, solch ein Album hätte ich von Aerosmith nicht mehr erwartet. Nach den Querelen um Steven Tyler, die man in der jüngsten Vergangenheit in den Medien verfolgen konnte, hätte ich fast generell kein neues Aerosmith-Album mehr erwartet. Ich hatte begonnen, den Gedanken, das Ende einer der größten noch verbliebenen Rock N'Roll-Bands mitzuverfolgen, zu akzeptieren. Dass die Band Musik machen möchte, klar, aber Steven Tyler gehört einfach hinter das Mikro von Aerosmith, da kann kommen wer will. Umso größer war dann meine Überraschung, als plötzlich mit "Music From Another Dimension" ein vollkommen neues Album angekündigt wurde.
Nach den eher etwas belanglosen und langweiligen, aber kommerziell sehr erfolgreichen "Nine Lives" und "Just Push Play" (das Bluescover-Album "Honkin' On Bobo fand' ich ganz ok, aber Coveralbum bleibt Coveralbum) war ich zunächst eher skeptisch. Beide Alben hatten zwar ihre Momente - Aerosmith blieben trotzallem Aerosmith, waren aber irgendwie nur noch ein Schatten ihrer selbst, der auch aufs Radio geworfen wurde.
Das "Get A Grip"-Überbleibsel "Legendary Child" machte dann allerdings plötzlich einen so guten Eindruck, dass ich ein wenig zu hoffen begann ... Und tatsächlich, "Music From Another Dimension" kann angemessen an "Get A Grip" anknüpfen und die Brücke in die 70iger Jahre schlagen. Wir haben weder 1993 noch 1975, womit ich sagen möchte, dass Aerosmith zwar nicht ganz die Klasse ihrer ganz großen Alben erreichen, ihre Sache in meinen Lauschern aber ziemlich gut machen. Das Album lässt sich von Beginn an gut anhören.
Mit einem für Aerosmith etwas ungewöhnlichen Blade Runner- bzw. Vangelis-mäßigen Intro startet man in "Music From Another Dimension", Luv XXX weckt sofort Assoziationen an "Get A Grip", allerdings kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, das Aerosmith damit keinen Blitzstart hinlegen und nicht restlos zünden wollen. "Oh Yeah" zitiert "dezent" Rolling Stones, beim straighten "Lover Alot" dachte ich sofort an Gluecifer, "Beautiful" erinnert mich - besonders im poppigen, aber sehr tollen Refrain - an einen Hardcore Superstar-Song, das groovige, fast schon in Beatles-Sphären schwebende "Out Go The Lights" an eine Nummer vom zweiten Johnny Crash-Album. Scheinen Aerosmith wirklich keine eigenen Ideen mehr zu haben? Mitnichten! Da solche Bands zweifellos auch von Aerosmith beeinflusst wurden (mit Ausnahme der Stones und Beatles, natürlich), ist solch ein Vergleich eher hinfällig, Aerosmith scheinen sich an ihrer Vergangenheit zu orientieren, die zeitgemäß und erfrischend dargeboten wird. Daran ändern auch die externen Songwriter nichts, die sie auch dieses Mal wieder hinzugezogen haben. Es gibt diesbezüglich einen doch recht hohen Anteil an Balladen auf "Music ...", als negativ würde ich das jedoch nicht bewerten wollen. Es sind klassische, gute Aero-Balladen, die zwar nicht unbedingt herausragend, aber alles andere als schlecht sind.
"Music From Another Dimension" ist eine, wie ich finde, durchweg runde Angelegenheit, davon würde ich auch die von Tom Hamilton ("Up On The Mountain" -Deluxe Edition) und Joe Perry gesungenen Lieder nicht ausschließen wollen. Ich habe mich in der jüngeren Vergangenheit auch mangels neuem Aerosmith-Material sehr gerne mit Joe Perry-Soloalben beschäftigt, die mir sehr gut gefallen haben. Die von Joe Perry gesungenen Lieder auf "Music ..." nehmen sich davon auch nicht aus: "Freedom Fighter" ist ein lässiger, schneller Rock N'Roller, "Something" erinnert mich irgendwie an The Doors-meets-ZZ Top, aber "Oasis In The Night", der Bonus-Track von der Deluxe-Edition, geht dafür eher in die Richtung Folk-Rock. Man kann Joe Perry sicherlich als nicht sonderlich begabten Sänger kritisieren, er klingt etwas ausdruckslos, hat aber eine trockene, tiefe und etwas düstere Stimme, die mir gut gefällt und mich irgendwie immer etwas (etwas!) an Jim Morrison erinnert.
Alles in allem gefallen mir die zusätzlichen Lieder ganz gut, für mich persönlich hat sich die Deluxe-Edition durchaus gelohnt. Nur mit den Pappschubern, in denen die Bild-und Tonträger stecken, habe ich so meine Probleme. Mit "Shakey Ground" und "I'm Not Talkin'" gibt es noch zwei Coversongs, die auf eine Wal Mart- und eine Japan-Edition verteilt wurden. Ich glaube allerdings nicht, dass man die unbedingt haben muss. Eine derartige Veröffentlichungspolitik geht mir immer etwas auf den Senkel, hehe. Aber so ist das nuneinmal.
Als speziellen Anspieltipp würde ich noch gerne "Street Jesus" erwähnen, es ist ein toller, etwas schnellerer Rock N'Roller, der die Dimension von "Pump" erreicht. Dass der Song eine Spielzeit von über 6 Minuten aufweist, ist mir beim Anhören gar nicht bewusst. Ich empfinde das Album mit 15 Songs da nicht als zu lang, im Gegenteil, ich finde es eigentlich gut, dass man über 1 Stunde Aerosmith bekommt. Über weite Strecken steuert "Music From Another Dimension" trotzdem etwas gedrosselt, ein bißchen gehemmt, durch die Aerosmith-Dimensionen. Nichtsdestotrotz ist es ein wirklich gutes, wieder etwas rustikales, aber auch erfreulich frisch klingendes Aerosmith-Album, bei dem sich Aero-Balladen gelungen mit Aero-Rockern abwechseln. Angesichts dessen wäre es schade, sollte dies wirklich das letzte Aerosmith-Album sein.