Selten hat mich ein Buch so gefesselt wie "Anonymus". Nachts vor dem Einschlafen und morgens nach dem Aufwachen hat mich das Buch jeweils einige Stunden lang beschäftigt - in den Ferien geht so was. Ich möchte behaupten, dass ich noch nie ein Buch diesen Umfangs in so kurzer Zeit hinter mich gebracht habe.
Die anfangs voneinander unabhängig zu scheinenden Handlungsstränge verstricken sich (logischerweise) immer mehr miteinander und ziehen den Leser in ihren Bann.
Vor allem faszinierend sind Wendungen, die überraschend auftreten, so überraschend, dass ich ein paar hundert Seiten zurückblättern und noch etwas nachlesen musste um wirklich zu glauben, was ich da lese, mit dem Ergebnis dass es alles doch stimmig ist (diese Bemerkung bezieht sich auf die Person des Korrektors, eine wirklich faszinierende Gestalt).
Das Buch regt zum Nach- und Mitdenken an. Des öfteren musste ich mich kurz von den Seiten lösen und mögliche Wendungen und Beziehungen der Personen untereinander zu überdenken.
Was dem Leseerlebnis allerdings einen kleinen Abbruch verschafft (in der deutschen Ausgabe) sind viele Unaufmerksamkeiten und Denkfehler beim Übersetzen, an einer Stelle muss es sich auch um einen Denkfehler in der Originalausgabe handeln. Doch es kann schon verwirren, wenn sich gute Freunde von einen Augenblick auf den Anderen plötzlich nich mehr duzen sondern siezen... "Sie wissen dass wir Sie beide lieben!" Auch andere Kuriositäten in der Übersetzung verwirren etwas.
Daran sollte man sich eigentlich nicht stören, wenn man in die Handlung vertieft ist (tut man aber zwangsläufig). Bei diesem Punkt sei auch gesagt: Warum der Titelwechsel beim Übersetzen? Wie man beim Lesen feststellen wird, bezieht sich der Titel "Anonymus" nicht unbedingt auf das gesamte Buch, er wird relativ schnell unwichtig. "Gideon" bleibt jedoch aktuell bis zum Schluss.
Dennoch, betrachtet man den reinen plot, ist der Thriller spannungsgeladen. Das Ende halte ich im Gegensatz zu anderen Lesern des Buches für nicht SEHR weit voraussehbar. Es macht doch gerade den Kick aus, um einiges mehr zu wissen als die im Dunklen tappenden Protagonisten der Story. Wozu gibt es sonst eine auktoriale Erzählperspektive?
Ergo: lesen!