Wer Shakepeare in love nicht mochte, eine Art Independence Day erwartete oder gar eine Guy Fawkes Maske aufgesetzt hat vor lauter Vorfreude auf einem Film über Acta oder soetwas mag von Anonymous enttäuscht sein.
Plötzlich war Roland Emmerich bekennender Freund der gleichgeschlechtlichen Liebe (was ihm das Image eines sensiblen Feingeistes verleihen soll oder war es nur ein Zufall, das PR für den Film und Outing zusammenfielen?) und wurde von der Kritik für seinen, für ihn, gänzlich untypischen Film über William Shakespeare in höchsten Tönen gelobt.
Von den Dreharbeiten gibt es im Bildband für 100 Jahre Babelsberg
100 Years Studio Babelsberg zu sehen, die mich vermuten liessen, dass der Film hauptsächlich in der Globe Theater Kulisse spielt, was dann auch die allermeiste Zeit der Fall ist. Einige kurze Flüge der Kamera auf die gegenüberliegende Seite der Themse, etwa mit dem Tower of London, haben mich freudig überrascht!
Der Film beginnt in New York City in der Gegenwart. Ein Mann betritt die Bühne und verspricht den Zuschauern einen ungewohnten Blick auf den weltberühmten Autor und nimmt damit vielleicht schon den Skeptikern den Wind aus den Segeln: es ist ein Film, eine Geschichte und keine Verballhornung des britischen Dramaturgen! Statt einer feschen Gwyneth Paltrow und zu viel Hollywood gibt es hier neben der englischen Königin praktisch nur Männer zu sehen. "Anonymous" zeigt eine vergangene Theaterwelt, in der sämtliche Rollen, auch die weiblichen, ausschließlich von Männern gespielt wurden. Anerkennung für die schönen Künste war ebenso selten wie Menschen, die lesen und schreiben konnten. Das Theater war Zeitung, Bücher, Kino und Fernsehen in Einem und damit ungleich wichtiger als im 21. Jahrhundert.
Die Blu-ray glänzt mit Extras und vor allem mit sehr vielen Audio-Spuren. Bild und Ton sind einer DVD hier unwesentlich überlegen, Surround-Freunde kommen nicht auf ihre Kosten, was zu erwarten war.
Ist es nicht plausibel, dass Shakespeare, so wie Leonardo und andere Genies, eine Werkstatt hatte, an der mehrere Künstler beteiligt waren und die Werke dann unter dem Markenzeichen Shakespeare veröffentlicht wurden? Woher hatte der Bürgersohn so detaillierte Kenntnisse vom Leben am königlichen Hofe? Vor allem amüsiert mich das der Mann der für Godzilla verantwortlich ist hier die Chance erhält sich von einer ganz anderen Seite zu zeigen. Mir hat das Spaß gemacht! Vielleicht kein Film für Shakespeare-Puristen, aber ein amüsanter, erfrischender Blick auf DEN Autor.
3,5 Sterne
Laufzeit: 129 Minuten, FSK 12, Bild: 16:9 - 2.35:1, Ton: DTS HD Englisch, Französisch, Deutsch, Portugiesisch, Thai, Extras: Audiokommentar von Regisseur Roland Emmerich und Drehbuchautor John Orloff, Deleted Scenes, Extended Scenes, Sony 2012