"Anonyma - Eine Frau in Berlin" gehört für mich zu den Filmen, die einen sprachlos zurücklassen. Man möchte gerne etwas zu diesem Film sagen, aber man weiß nicht so genau, was. Es ist sehr schwer, etwas über diesen Film zu schreiben, weil es so leicht ist, etwas Falsches zu sagen. Wahrscheinlich ist das der Grund dafür, warum es hier bisher erst elf Rezensionen zu diesem Film gibt - er hätte wirklich mehr Meinungen verdient, denn es ist ein mutiger Film, auch wenn er sich aus gesellschaftlichen Gründen leider sehr verspätet hat.
Als ich diesen Film als Zweiteiler im Fernsehen gesehen habe, musste ich mich teilweise dafür schämen, ein Mann zu sein. Die gezeigten Massenvergewaltigungen der deutschen Frauen durch russische Soldaten haben in mir ein Gefühl des Ekels wachgerufen, das sich mit starken Schamgefühlen für meine eigene Männlichkeit und Mitleidsgefühlen für die geschundenen Frauen vermischt hat. Warum haben die Männer es damals nur so weit kommen lassen? Warum sind die Menschen so destruktiv veranlagt? Dass Krieg schrecklich ist, weiß jeder Mensch der halbwegs klar im Kopf ist, aber dass es in Wahrheit immer die Schwachen sind, die am meisten unter den Umständen leiden, das zeigt dieser Film. Die sexuelle Gewalt gegen Frauen wurde gezeigt, aber die gegen kleine Kinder wurde vermieden. Der Grund hierfür war wohl, dass die Realität doch zu grausam für das Medium Spielfilm ist, selbst wenn man die Ambition hat, so nah wie möglich an die Realität heranzukommen.
Als das Tagebuch der "Anonyma" (die übrigens in diesem Film sehr glaubwürdig von einer perfekt Russisch sprechenden Nina Hoss verkörpert wird) Ende der fünfziger Jahre in Deutschland erschien, da bezeichnete die patriarchalisch ausgerichtete Gesellschaft des Wirtschaftswunders es als einen Skandal und als Schande, so als wäre es irgendein obszöner pornografischer Roman und keine geschichtliche Realität, was dazu führte, dass die Verfasserin ihre grausamen Erlebnisse frühestens nach ihrem Tode veröffentlicht haben wollte. Jetzt gibt es ihr Tagebuch als Roman und auch als Film, aber es ist zu spät, denn die meisten Leidtragenden der damaligen Zeit, die von einer Publikmachung der damaligen Umstände auf sozialer Ebene profitieren könnten, sind bereits verstorben und die Menschen im Allgemeinen, auch die, die sich angeblich für Geschichte interessieren, können nicht mehr so viel damit anfangen. Es ist wohl wichtiger, in welchem Jahr die Berliner Mauer erbaut als was aus den Menschen wurde.
30 Minuten will "Anonymas" Freund Gerd (August Diehl) im Film brauchen, um sich der Frau bekannt zu machen, deren Herz er gerne erobern möchte. Aber 30 Minuten reichen anscheinend bei weitem nicht aus, um einen anderen Menschen wirklich kennen zu lernen. Man lernt einen anderen Menschen erst im gemeinsamen Verlauf des Lebens richtig kennen, wenn es schwierige Situationen gibt oder man harte Zeiten durchmacht und eben dieser Mensch, den man sich entschieden hat näher kennen zu lernen entweder zu einem hält oder einen fallen lässt... "Anonyma" hatte alles dafür getan, um sich ihrem für Hitler in den Krieg ziehenden Freund nach dessen Heimkehr trotz der zahlreichen Vergewaltigungen so präsentieren zu können wie vor diesen menschenverachtenden Ereignissen, nämlich mit Menschenwürde. Trotzdem wurde sie von ihm verlassen. "Anonyma - Eine Frau in Berlin" ist deshalb ein Film über eine starke Frau, für die die harte Zeit erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann und somit ein wichtiger Film für die heutige Zeit!