Nachdem der Kölner Erzbischof Anno II. das Schiff eines Kaufmanns beschlagnahmt hat, kommt es an Ostern 1074 zu einem Aufstand der Stadtbürger. Dieses Ereignis ist jedoch nur der Auslöser für eine bürgerliche Revolte, die ihre Ursachen im wachsenden Selbstbewusstein der Kölner Bürgerschaft und ihrer Unzufriedenheit mit der rigorosen erzbischöflichen Politik hat. Anno verschanzt sich zunächst im Dom, bis es ihm mit wenigen Getreuen gelingt durch die sogenannte "Katzenpforte" unentdeckt aus der Stadt zu fliehen und sich so vor der aufgebrachten Bevölkerung in Sicherheit zu bringen. Einige Tage später kehrt Anno jedoch mit einer bewaffneten Streitmacht zurück, so dass die Aufständischen kapitulieren und ihm die Stadttore öffnen. Ein Strafgericht verhängt drakonische Strafen, wie z. B. die Blendung der Rädelsführer des Aufstands. Üner nahezu 600 Bürger, die sich dem erzbischöflichen Gericht durch Flucht aus der Stadt entziehen, spricht Anno den Kirchenbann aus....
....dieser historische Sachverhalt diente Jörg Kastner als Vorlage für seinen Roman "
Anno 1074. Der Aufstand gegen den Kölner Erzbischof.", der bereits im August 1998 erschienen ist. In seinem dreiteiligen Prolog hatte der Autor die Geschichte des jungen deutschen Herrschers IV. - von seiner Entführung durch Erzbischof Anno (1062) bis zu seiner Schwertleihe (1073) - als Rahmenhandlung vorangestellt. Das Ergebnis war eine spannende Geschichte, die zudem mit zusätzlichen Anlagen aufwartete, die zum Standard jedes historischen Romans gehören sollten: Ein Dramatis personae, in dem die historischen Personen mit einem "H" besonders gekennzeichnet sind, ein Nachwort mit Erläuterungen zur Trennung von Historie und Fiktion, sowie einem Glossar und einer Zeittafel. Einzig einen Hinweis darauf, dass das Motiv des Heiligen Grals erst zum Ende des 12. Jahrhunderts bei Chrétien de Troyes erscheinen sollte, ließ Kastner vermissen. Gelungen war jedoch auch der Buchtitel, da er sowohl eine Assoziation mit dem Namen des Erzbischofs, als auch den Ereignissen Anno Domini 1074 erweckt....
Im September 2009 machte timediver® während seiner Rückfahrt aus Dänemark und einem Besuch des "Hans Christian Andersen Museum" in Odense einen Halt in Hannover, um sich mit Jörg Kastner zu treffen. Nach einem mehrstündigen Gespräch, in dem ich u. a. bemerkte, dass ich mit Ausnahmen von "Anno 1076" alle seine historischen Romane gelesen habe, schenkte mir der Autor kurzerhand ein schon damals antiquiertes und angegilbtes Exemplar, seines bereits im September 2002 erschienenen Sequels. Es sollte jedoch noch 14 Monate dauern, bis ich mir diese Lektüre vornahm....
....in der Kastner seine Geschichte mit den Ereignissen nach dem Tode Erbischof Annos nahtlos fortsetzt. Auch diesmal dienen ihm die Ereignisse um Heinrich IV. (Gang nach Canossa) als Vor- und Nachspiel. Für die Haupthandlung um "Die Schatten von Köln" konnte sich der Autor einer größeren schritstellerischen Freiheit bedienen. Neben der einzigen historischen Gestalt des Erzbischofs Hildolf weist das Dramatis personae 29 fiktive Akteure auf. Während eine Zeittafel auch diesmal den Abschluss des Romans bildet, lässt der Autor leider die anderen Anlagen des ersten Bandes, insbesondere ein offenes Wort zu Realität und Fiktion vermissen. Mit insgesamt 380 Seiten ist die Fortsetzung zudem kürzer ausgefallen als "Anno 1074", das mit 517 Seiten opulenter war. Unverkennbar ist jedoch erneut Kastners Kapitel-Gliederung und -Betitelung, die stets zum Weiterlesen lockt.
"Anno 1076" kann zwar als eigenständiger Roman gelesen werden, ist jedoch als Lektüre erst nach voherigem Lesen von "Anno 1074" - mit dem es besonders im Hinblick auf die genannten Anlagen eine Einheit bildet - zu empfehlen. Trotz seines vorwiegend fiktionalen Charakters kann das Sequel im Hinblick und Zusammenhang auf einen mit 5 Amazonsternen zu bewertenden ersten Teil , mit 3 1/2 Amazonsternen bewertet werden.