Dieses Box-Set enthält Aufnahmen von Anne-Sophie Mutter mit den Berliner Philharmonikern (bei Tschaikowsky: Wiener Philharmoniker) unter Herbert von Karajan der folgenden Violinkonzerte: Mozart 3 & 5, Bruch 1, Beethoven, Tschaikowsky, Mendelssohn, Brahms.
Für meinen Geschmack sind die meisten dieser Aufnahmen gut, aber keineswegs herausragend. Die Aufnahme des Tschaikowsky-Konzerts ist eine Live-Aufnahme und meines Erachtens ist die Klangqualität einfach nicht optimal. Ob es die Interpretation und Orchester-Leistung ist, vermag ich bei Tschaikowsky nicht zu sagen. Ich gestehe, ich habe mich mit diesem Werk noch nicht ausreichend angefreundet, um mir wirklich eine Meinung erlauben zu können.
Das Bruch-Konzert ist gut gelungen, wobei ich eine ähnlich gute Aufnahme von Salvatore Accardo mit Kurt Masur kenne. Was Mendelssohn betrifft, so gefällt mir die neueste, letztes Jahr auf den Markt gekommene Aufnahme von Anne-Sophie Mutter mit Kurt Masur um Längen besser. Das betrifft die Aufnahmequalität, aber auch das Spiel: sowohl Orchester als auch Solistin klingen in der Neuaufnahme feiner, anschmiegsamer, werden der romatischen Schönheit dieses Konzerts besser gerecht. Verglichen damit klingt die alte Aufnahme auf diesem Box-Set fast lieblos (ich übertreibe ein wenig).
Beethovens Violinkonzert wurde ja zuletzt von diversen Jungstars (Jansen, Kopatchinskaja, Batiashvili) veröffentlicht. Hilary Hahn hat es vor Jahren schon veröffentlicht. Das Temperament und die Kraft, die Mutter im 3. Satz ausstrahlt erreicht keine von ihnen, wie auch bei Altmeistern bisher nichts vergleichbares gefunden habe. In den ersten beiden Sätzen hingegen gefällt mir z.B.die Aufnahme von Janine Jansen mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen mindestens genau so gut. Vor allem die Orchesterbegleitung ist hier schlanker und feinfühliger. Dennoch: Mutter und Karajan spielen einen ausgezeichneten Beethoven.
Ähnlich verhält es sich bei Brahms - eine Aufnahme, die ich im vordersten Vorderfeld sehe.
Für Mozart gilt: Mutters Leistung auf den Aufnahmen mit dem London Philharmonic Orchestra ist für meinen Geschmack besser als die mit Karajan, wobei ich beide Aufnahmen nicht für die besten halte, dazu klingen mir die Aufnahmen mit den Londonern eine Spur zu steril und die mit Karajan eine Spur zu breit, insbesondere was das Orchester betrifft. Hier ist meine Lieblingsversion derzeit die von Perlman mit den Wiener Philharmonikern unter Levine.
Soweit ein Versuch, Mutters Leistungen mit anderen zu vergleichen. Ob das der richtige Ansatz zur Bewertung dieser Box ist, mag jeder für sich beurteilen. Alles, was ich bisher gesagt habe, ist, dass es keine Sammlung von Referenz-Aufnahmen ist. Was dieses Box-Set stattdessen ist und was für meinen Geschmack wertvoll macht, ist die Tatsache, dass sich hier sowohl der Anfänger, der einmal die absoluten Klassiker der Violinkonzert-Literatur kennen lernen möchte, zu einem niedrigen Preis gute Aufnahmen bekommen kann. Mit Ausnahme der anderen Mozart-Konzerte und vielleicht Sibelius und dem anderen Bruch-Konzert fehlt nichts. Noch dazu haben die Aufnahmen einen historischen Wert, dokumentieren sie doch die Zusammenarbeit einer der größten Violinistinnen aller Zeiten mit ihrem Mentor und "Entdecker" Herbert von Karajan.
Insofern denke ich, dass dieses Box-Set sein Ziel voll und ganz erreicht: es wird angemessen an Mutters frühe Karriere und an Karajan erinnert und es bietet eine gute Gelegenheit, sich mit den bekanntesten und wohl auch wichtigsten Stücken der Literatur für Violine und Orchester vertraut zu machen.