Anne Frank als Comic - wer braucht denn so etwas, dachte ich, als ich zum ersten Mal davon hörte.
Dass man auch den Holocaust mit dem Ausdrucksmittel des Comic darstellen kann ohne dass es respektlos wird, weiß man seit Art Spiegelmans Maus", in dem er die Überlebensgeschichte seines Vaters darstellt.
Aber Anne Frank? Von ihr ist doch ein Tagebuch vorhanden, von dem Generationen von Jugendlichen berührt und geprägt worden sind. Was kann ein Comic über das Buch hinaus bringen"?
In ihrer täglichen Arbeit ist den Mitarbeitern des Anne Frank Zentrums in Amsterdam deutlich geworden, dass sich durch die neuen Medien die Wahrnehmung von Jugendlichen verändert hat. So kam es zur Idee des Comics oder genauer gesagt der graphic novel", wie diese Unterabteilung" des Comic seit einiger Zeit genannt wird.
Ich finde diese Form der Umsetzung sehr gelungen und bin schwer beeindruckt von dem, was die beiden Künstler hier geleistet haben.
Dem Comic wird immer wieder vorgeworfen, er verleite zur Flüchtigkeit, zum schnellen Springen von einem Bild zum nächsten: Was passiert jetzt als nächstes.
Dieser Comic ist das Gegenteil davon, denn er ist so gezeichnet, dass einen jedes Bild anzieht und zum Verweilen einlädt, dass beim wiederholten Betrachten immer wieder neue Einzelheiten in den Blick kommen und so andere Zusammenhänge aufscheinen und viele Zwischentöne möglich sind - ähnlich wie bei guten Fotografien.
Unglaublich wie sorgfältig und sorgsam die Künstler an Details arbeiten und was dadurch atmosphärisch rüberkommt". Besonders deutlich ist mir das an der Darstellung der Geburtstagsfeier von Anne geworden. Einer der Künstler, Sid Jacobson, ist wie Anne Frank 1929 geboren, der andere, Ernie Colon, zwei Jahre früher.
Ich denke, dass die beiden aus Anne Franks Generation sind und diese Zeit selbst erlebt haben, fließt auf besondere Weise in den Comic ein. Bei dem Bild als Annes Mutter den Geburtstagskuchen ins Zimmer bringt, ist die Atmosphäre im Raum spürbar, und ich habe sogar eine Art geruchsmäßigen" Einrduck. Als das Eingangsbild vom Film Rin Tin Tin" kommt, spüre ich förmlich den angehaltenen Atem und die Spannung im Raum. Das ist mir noch bei keinem Comic so passiert. Klar, dass Leute, die so alt sind wie Anne Frank heute wäre, eine Geburtstagsfeier in den 1930iger Jahren anders ins Bild setzen als die Bilder sind, die mir kommen, wenn ich davon im Tagebuch der Anne Frank" lese.
Die Auswahl der Szenen, die getroffen wurde, ist sehr klug und eine eigene Meisterleistung, denn es gibt Begleit- und Sekundärliteratur in Hülle und Fülle.
Die Zeichner setzen nicht nur Abläufe von Annes Leben und den zeitgeschichtlichen Hintergrund ins Bild sondern sie führen noch eine weitere Ebene ein: Sie bringen Briefe, Fotos, einen Stammbaum und andere Dokumente ein, die es erleichtern es biografische Anteile und die Zeitgeschichte miteinander in Beziehung zu bringen. So informiert etwa ein extra Kästchen über das Ermächtigungsgesetz" und seine Bedeutung. Diese Verknüpfung von Lebensgeschichte und Hintergrundinfos ist sehr gelungen.
Ich habe Anne Frank sehr lange als niederländisches jüdisches Mädchen wahrgenommen bevor mir klar wurde, dass sie - in Frankfurt / Main geboren - aus einer deutsch-jüdischen Familie kommt, die nach Amsterdam geflohen ist.
Diese Fehlwahrnehmung wäre mir über den Erstkontakt" mit diesem Comic nicht passiert, denn er beginnt in der Zeit des ersten Weltkriegs als Otto Frank als deutscher Soldat - wie viele deutsche Juden seiner Zeit - beim deutschen Militär diente. Und die Geschichte endet mit seinem Tod 1980.
Ich finde diese Form der Biografie sehr gelungen, weil sie vielfältige Einblicke ermöglicht und auch Leuten, die sich schon viel mit diesem Thema beschäftigt haben, neue Impulse geben kann. Die Frage, was ein Comic über Anne Frank soll, stellt sich für mich nicht mehr.