Eine Frau ist auf der Flucht. Im Schutz der Morgendämmerung schleicht sie mit ihrem kleinen Sohn aus dem Haus. Ihre treue Magd wartet bereits mit dem Gepäck am Tor. Ganz nah kommt die Filmkamera dem bleichen Gesicht der Heldin mit den aufgerissenen dunklen Augen, die mit bleichem Gesicht unruhig auf die Ankunft der Kutsche wartet. In fliegender Hast scheint die Pferdekutsche durch die raue Landschaft des Nordens England zu hasten. Vor einem verlassenen Herrenhaus endet die Reise. Die Frauen tragen ihre Koffer ins Haus und erkunden die verstaubten Räume. Als die Herrin die schweren Vorhänge zur Seite zieht, wird sie von einer Wolke eingenebelt. Endlich löst sich ein erst zögerndes, dann befreites Lachen aus den Kehlen der Frauen. Sie sind wirklich angekommen - in "Wildfell Hall", ihrer neuen Heimat.
So wird die Adaption des Klassikers von Anne Bronte gebührend eingeleitet.
Lange bleibt die Ankunft der Fremden den Nachbarn nicht verborgen. Alle sind neugierig und möchten die Bekanntschaft der Lady machen. Allerdings zieht die junge Frau die Einsamkeit vor und entzieht sich fast immer der Gesellschaft der wohlwollenden Dorfgemeinschaft. Gilbert Markham (Toby Stephens, Mr. Rochester aus "
Charlotte Brontes "Jane Eyre" (2007)", hier jung und dynamisch), ein junger Farmer, ist von der eher schroffen Art der Herrin von Wildfell Hall zunächst irritiert. Er ist es bisher gewohnt gewesen, von dem weiblichen Geschlecht schmeichelhafte Aufmerksamkeiten zu empfangen. Mit der Zeit schließt die zurückhaltende Helen mit ihm jedoch eine Freundschaft und Gilberts Familie sieht mit Sorge, wie es den jungen Mann immer öfter nach Wildfell Hall zieht. Doch das Geheimnis der neuen Nachbarin weckt schließlich den Argwohn der Leute und boshafte Gerüchte werden von der eifersüchtigen Damenwelt in Umlauf gesetzt. Gilbert ist entsetzt und fordert Helen auf, sich ihm anzuvertrauen, um ihre Last zu erleichtern. Ein Missverständnis verhindert ein klärendes Gespräch. Aber Helen, die Gilberts zarte Gefühle erwidert, übergibt ihm schließlich ihr Tagebuch um ihre Lage zu erklären und ihm zu zeigen, dass eine Verbindung zwischen ihr und dem jungen Farmer unmöglich ist.
In diesem Tagebuch enthüllt sich die jüngste Vergangenheit. Die junge Helen schenkt ihr Herz dem verwegenen Schönling, Arthur Huntigdon. Trotz der Warnungen und Ratschläge ihrer Tante verlobt sie sich mit ihm. Sie glaubt fälschlicherweise mit ihrer Liebe das Herz des wilden Mannes zu bezwingen und ihn auf den Pfad der Tugend zu führen. Die ersten Ehejahre belehren sie eines Besseren. Arthur ist ausgelassen, trunksüchtig und schließlich sogar untreu. Als auch noch der gemeinsame Sohn unter den Eskapaden seines Vaters zu leiden hat, entschließt sich Helen zu einem mutigen Schritt: Sie verlässt ihr Heim und findet unter falschem Namen eine Zuflucht in einem abgelegenen Anwesen, das ihr Bruder ihr zur Verfügung stellt.
Gilberts Gefühlswelt wird durch diese Einblicke durcheinandergerüttelt. Da erfährt er, dass Helen zu ihrem Mann zurück gekehrt ist, weil dieser schwer erkrankt ist und seinen Sohn wiedersehen möchte. Wird Helen jemals wieder Herrin auf Wildfell Hall sein?
Außer der Tatsache dass Tara Fitzgerald nicht die temperamentvolle Schönheit der Helen Huntigdon der Romanvorlage mit den geschilderten schwarzen Locken und den strahlenden großen dunklen Augen hat, hat die Filmadaption von 1996 noch einige andere Schwachpunkte. Nach dem Rückblick aus Tagebuchschilderung weicht die Verfilmung von der Vorlage ab. Auch der Schluss wurde verändert. So wird Helens Überzeugung, dass "die größten Unterschiede und Gegensätze des Standes, der Geburt und des Vermögens als Staub in der Waagschale zu erachten sind, gemessen am harmonischen Einklang der Gedanken und Gefühle wahrhaft liebender, gleich empfindender Herzen und Seelen" (Zitat aus "
Die Herrin von Wildfell Hall") nicht gebührend herausgestellt.
Überzeugend dagegen ist Helens Geschichte ihrer Ehe dargestellt. Lieblich und naiv verbindet sie sich mit einem blendend gutaussehenden Taugenichts, der sie bald schon quält und ihre Ehe zur Hölle macht. Schonungslos entlarvt die Kamera die Szenen einer Ehe, wie sie damals nicht mal so selten waren, aber kaum Gesprächsstoff für die feine Gesellschaft waren. Daher kann man sich sehr gut vorstellen, dass Anne Brontes Roman bei Erscheinung einen handfesten Skandal verursachte. Rupert Graves ("
Zimmer mit Aussicht - FOCUS-Edition") als Arthur Huntigdon spielt seine Rolle als Schönling, Säufer und Sadist perfekt. Vielleicht kam den Filmemachern daher auch die verhärmte Gestalt Helens mit dem verkniffenen Mund und der schrecklichen Frisur passender vor, als die ungebrochene Schönheit der Buchvorlage.
Fazit: Die schöne und unbeugsame Helen wird genauso schmerzlich vermisst, wie die besonders zarte und rührende Liebesgeschichte zwischen der geheimnisvollen Lady und dem jungen Farmer, Gilbert Markham. Aber das Bild der rohen und dekadenten männlichen Gesellschaft, welches Anne Brontes Roman schonungslos darstellte, wird eindrucksvoll wiedergegeben.