Ich schließe mich "freisitzer" an: ein wunderbares Buch, und ein Erzählungsband, der weit über das hinaus geht, was man an Erzählungen aus der Berliner und Leipziger Schule gewohnt ist. Gerade, dass diese Erzählungen nicht in einer amerikanischen Tradition stehen, sondern der europäischen Moderne verpflichtet sind, macht sie mir so sympathisch. Hier gibt es keine Figuren, die in ihrer Stereotypie literarisches Styropor sind, und dazu eine große Formenvielfalt, von der konventionellen Kurzgeschichte über Tonbandbriefe, Tagebuchaufzeichnungen bis hin zum Gedächtnisprotokoll.
Meine Liebelingserzählung ist "Doppelte Buchführung". Die Erzählung schildert die Reanimation eines Kindes auf einer Intensivstation. Während einer der Ärzte damit beschäftigt ist, dem Kind das Leben zu retten, denkt er in Schlaglichtern über seine eigene Kindheit und seine aktuellen Probleme mit seinem Vater nach. Das ist sehr mitreißend geschildert, und zugleich eine hervorragende Erzählung über das Verstreichen von Zeit: Einerseits die vertickenden "objektiven" Minuten, die den Ärzten und dem Kind bleiben, bis das kleine Herz wieder allein zu schlagen beginnt, andererseits, auf der anderen zeitlichen Ebene, das zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft schweifende Denken des Arztes. Dafür einen Zusatzstern.