Jeanne C. Steins Vampirserie um die Heldin Anna Strong gehört nicht unbedingt zu den konventionellen Erscheinungen dieses Genres. Es gibt natürlich Vampire, die neben den Tatsachen, dass sie kein Spiegelbild haben und mit einer ordentlichen Portion Knoblauch in die Flucht zu schlagen sind, auch so manch anderes Klischees aufweisen. Natürlich tummelt sich, wie es in Fantasybüchern üblich ist, noch anderes Getier durch die Seiten. Hexen, Empathen, Gestaltwandler, Geister, Kobolde und neuerdings auch Werwölfe sind ständig präsent. Trotzdem gehört die Reihe nicht zur Paranomal Romance Sparte. Eigentlich gibt es gar keine Romantik; stattdessen liegt der Fokus eher auf der Lösung vieler kleiner Fälle, bei denen man bis zum Schluss raten muss, wer denn dieses Mal der böse Schlingel ist. Und eben dieses Handwerk hat die Autorin drei Bände hindurch gut beherrscht und ich war gespannt, ob "Der Kuss der Vampirin" da anschließen kann.
Anna hat mal wieder Probleme. Da wendet sich doch tatsächlich die (ehemalige) Freundin ihres Arbeitskollegen, Gloria, an sie und bittet demütigst um Hilfe, da sie von ihrem Geschäftspartner mit Sex erpresst wird. Bevor Anna den Fall allerdings angehen kann, wird Rory ermordet aufgefunden und alles spricht gegen Gloria. Ihre Unschuld gilt es zu beweisen, was sich bei einer so unkooperativen Frau allerdings mehr als schwierig gestaltet. Und schon ziehen neu dunkle Wolken am Horizont auf: Sandra, die Rudelführerin einer Werwolfgruppe, setzt sich mit ihr in Verbindung und behauptet, die Frau ihres damaligen, mittlerweile verstorbenen Geliebten Avery gewesen zu sein. Was will diese Frau, die so eine merkwürdige und vertraute Ausstrahlung hat? Als dann noch ihre Eltern verkünden, sie hätten überraschend ein Chateau in Frankreich geerbt, in das sie einziehen wollen, wird klar, dass da so einiges nicht mit rechten Dingen zugeht.
Gleich mal eine Frage vorweg: Warum wurde das neue Band covertechnisch nicht den alten nachempfunden? Sowohl der Titel wie das Äußere (und auch der Klapptext bleibt davon nicht verschont), klingt eher nach der Sorte Buch, das es nach meiner Einleitung eben nicht ist. Keine Romantik, keine traumhafte Beziehung oder sonst irgendwelche Schwärmereien. Ich weiß ja nicht, welcher Kuss hier gemeint ist, aber selbst dafür, dass die Protagonistin ein Vampir ist, geht in der Reihe eher nicht so vampirisch zu. Anna hat zwar schon ein paar Sorgen, wie sie beispielsweise trotz der unliebsamen Nahrungsaufnahme an Blut kommt, allerdings hat sie mehr mit anderen Nöten zu kämpfen: ihren Aggressionen. Huiui, sie ist eigentlich ständig auf 180, wütend und möchte irgendjemanden ordentlich vermöbeln, aber aufgrund ihrer übermenschlichen Kräfte ist es schon eher schwierig, einen halbwegs annehmbaren Gegner zu finden. Im Angebot dieses Mal sind ein paar wölfische Damen, die irgendwie auf Ärger aus sind, zunächst aber nicht so richtig mit der Sprache herausrücken wollen und so braucht der Band ein wenig, bis es richtig zu Sache geht. Als es dann soweit ist, geht es, wie eingangs beschrieben, wieder mit Rätselraten los. Anna ist ständig auf Zack und praktisch nur in ihrem Auto unterwegs um von einem Schauplatz zu nächsten zu fahren. Eigentlich müsste sie sich vierteilen, um den verschiedenen Fällen nachzugehen, aber im Laufe der Geschichte verbinden sich die Baustellen zu einem großen Finale und selbst der Rest klärt sich dann mehr oder weniger von selbst.
Ich muss sagen, dass ich ein bisschen enttäuscht war. Die Werwölfe kommen irgendwie zu kurz und wenn, dann nur sehr sporadisch vor. Ich fand die Kapitel aus dem alten Buch, in dem es über die Entstehung der Werwölfe und Vampire geht, sehr interessant, aber insgesamt kommt der übernatürliche Aspekt einfach nicht richtig zur Geltung. Stattdessen wird mehr Zeit in Zickenkrieg und Anfeindungen investiert und nach der zehnten kindischen Auseinandersetzung mit Gloria konnte ich nur noch genervt mit den Augen rollen. Personen wie Frey, Culebra und der Polizeichef tauchen nur gelegentlich auf und haben bis auf ein paar geheimnisvolle Warnungen und Andeutungen nicht viel zu sagen. Stattdessen habe ich den Eindruck gewonnen, dass hier schon Fäden für den fünften Teil gesponnen werden. Dafür tritt Avery (oder eher was von ihm übrig geblieben ist) auf den Plan, ohne jedoch wirklich wie eine ernsthafte Bedrohung zu wirken. Es bleibt also noch der Mordfall rund um Gloria übrig, der mit Abstand und unter Auslassung der Auflösung noch am Interessantesten war. Und doch wäre es gelogen zu sagen, dass "Der Kuss der Vampirin" einen langweiligen Eindruck hinterlassen hat. Es war sogar ein richtiger Pageturner und irgendwie spannend; das mag vielleicht auch daran liegen, dass die Kapitel sehr kurz sind, höchstens zwischen vier und sechs Seiten umfassen, und das liest sich schon ziemlich schnell weg.
Anna ist trotz ihrer Fehler (oder vielleicht gerade deswegen) ein liebenswerter Charakter; man kann sich mit ihr identifizieren. Sie ist ein richtiger Hitzkopf, aber das ist halt ihre Art, mit den Dingen umzugehen. Ich brauche bei jedem neuen Band erst ein paar Seiten, um mich wieder an die merkwürdige Erzählperspektive zu gewöhnen (erste Person und Präsens), aber mit der Zeit fällt das dann nicht weiter ins Gewicht. Man verliert sich irgendwie in der Geschichte und wenn man fertig ist, hat man nicht das Gefühl, etwas Überragendes gelesen zu haben. Ich vergesse sogar recht schnell, worum es genau ging, habe mich trotzdem für den Moment wunderbar unterhalten gefühlt. Und in genau die Kategorie würde ich die Bücher einsortieren; sozusagen das literarische Äquivalent zum Popkorn-Kino. Ein bisschen Action, sympathische Personen, ein paar Lacher, überraschende Wendungen und nicht viel zum Nachdenken. Umso praktischer ist es, wenn das nächste Band ein paar Monate später noch mal die wichtigsten Fakten zusammenträgt und schon kann es weitergehen. Wer sich also damit begnügen kann, der sollte bei der Serie ruhig mal zugreifen.
"Der Kuss der Vampirin" ist solide, nicht ganz so packend wie der Vorgänger, aber immer noch gut. Ich bin mal gespannt, ob die Autorin ein Ziel vor Augen hat oder nach dem Motto schreibt: "Solange es gekauft wird... und darüber hinaus."
Weiter geht es mit Blutrotes Verlangen (das klingt nun wirklich nach Nackenbeißer) im Februar 2011.