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Zum 100. Geburtstag der Anna Seghers am 19. November
Von Matthias Wegner
Von ihren frühen, aufsehenerregenden Anfängen bis in ihre letzten Texte zieht sich ein unbeirrbares Vertrauen auf die Kraft der Überwindung von Unrecht durch Zivilcourage und Solidarität. Doch ihre Texte verraten nie die Selbstgenügsamkeit derer, die sich auf dem rechten Weg glauben. Durch den Reichtum der psychologischen und formalen Schattierungen und ihre hintergründige Sprachmelodie erlangte Anna Seghers' Prosa eine nahezu magische Intensität.
«Wenn man auf einem vertrauten Boden verblutet, wächst etwas dort von einem weiter wie von den Sträuchern und Bäumen, die man zu roden versucht» dieser Satz des Ich-Erzählers leitet den Schluss von «Transit» ein, einem der grossartigsten Romane, die die deutschsprachige Literatur des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Der Rang von «Transit» ist unbestritten, und doch blieb er immer ein wenig überschattet von einem weit erfolgreicheren Roman der Autorin, «Das siebte Kreuz», der ebenfalls in der Emigration entstand. Anna Seghers gehört zu den herausragenden Autoren der deutschen Exilliteratur. Ihre Ausnahmestellung wird aber besonders deutlich, wenn man «Transit» mit anderen Exil-Romanen vergleicht, die das Thema von Flucht und Verbannung aufnehmen. Klaus Manns «Der Vulkan», Walter Hasenclevers «Die Rechtlosen» oder Lion Feuchtwangers «Exil» (um nur die markantesten Beispiele zu nennen) schildern realistisch, teilweise bewegend und höchst informativ das Leben der Ausgestossenen, das nicht nur Dante als die Hölle schlechthin erschien. Verglichen mit «Transit» bleiben diese Bücher jedoch «nur» sympathische, aber konventionelle Dokumente einer düsteren Epoche.
LEBEN IM EXIL
Einer «realistischen» Erzählweise ist auch dieser Roman verpflichtet, auch Anna Seghers erzählt von den vielen selbst erfahrenen Einzelheiten des Lebens im Exil, der verzweifelten Jagd nach gültigen Papieren, Schiffspassagen und Fluchtwegen. Doch sie belässt es nicht bei einer Milieuschilderung mit spannender Handlung. Sie bewahrt eine eigentümliche Distanz und erhebt das Exil durch eine beunruhigende Vieldeutigkeit zur Chiffre für den modernen Menschen. Sie erzeugt jenseits aller empirischen Genauigkeit mit ihrer ebenso lakonischen wie lyrischen Erzählweise eine beklemmende, transzendierende Atmosphäre von Verlorenheit und Sinnleere.
Ihre Figuren und Bilder prägen sich unvergesslich ein, erscheinen auch heute noch (oder gerade wieder) beunruhigend aktuell. Das liegt auch an der raffinierten Erzähl- und Montagetechnik, die an grosse Filme erinnert (knappe Dialoge, kurze «Schnitte», suggestive Stimmungen). Man denkt bei der Lektüre unwillkürlich an einzelne Szenen in «Casablanca» von Michael Curtiz oder den «Dritten Mann» von Orson Welles. Nicht nur als literarisches Erbe der Emigration ragt «Transit» unter seinesgleichen weit hervor, der Roman ist ein Meisterwerk moderner Prosa, das sich über viele Passagen mit den besten Werken eines John Dos Passos oder eines Ernest Hemingway messen kann, wie es auch oft hat man darauf hingewiesen an Franz Kafka erinnert.
Anna Seghers ist, wenn auch nicht immer freiwillig, viel und weit gereist. Ihrem Schreiben hat das nur genützt. Ihre Erzähl-Schauplätze reichen von Mainz bis Mexiko, von Marseille bis Haiti, ihr Blick schweifte stets über nationale, insbesondere auch über politische Grenzen hinweg, was ihr in den eigenen Reihen Kritik eingebracht hat. Ihre Helden sind einfache Menschen, die zu Spielbällen der Geschichte werden, aber ihre Würde behalten, weil sie sich auf der richtigen Seite wissen. Dass die Autorin zeitweilig in der «freien Welt» umstritten war, liegt weniger an ihren besten als an ihren schwächsten Büchern. Diese erschienen während des Kalten Krieges in Ostberlin und boten westlichen Kritikern den Beweis dafür, dass sie sich nach ihren grandiosen Erfolgen als Autorin am Ende verraten, ja ihren literarischen Offenbarungseid geleistet habe.
In der Tat gelang ihr, obgleich sie weiterhin viel publizierte, kein Alterswerk mehr, das an die Glanzstücke ihrer Exilzeit heranreichte. Konzessionen an die nach der Rückkehr aus dem Exil gewählte DDR-Umgebung oder deren literarische Scharfrichter hatten sich zuletzt über ihr Werk gelegt. Doch haben es sich manche ihrer Kritiker auch leicht gemacht. Anna Seghers träumte trotzig von einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz, aber ihre künstlerische und ethische Aufrichtigkeit, ihr gelegentlich spröder Stoizismus erhoben sie auch dann noch über das Heer der beflissenen Ideologen, als sich ihre Kraft als genialische Prosaautorin längst erschöpft hatte.
Der Vorwurf der Unterwerfung unter den Ulbricht-Staat greift zu kurz. Anna Seghers war eine loyale Kommunistin aus Anteilnahme, nicht eine Hüterin der reinen Lehre. Von ihren frühesten, aufsehenerregenden Anfängen bis in ihre letzten Texte zieht sich ein unbeirrbares, fast religiös anmutendes Vertrauen auf die Kraft der Überwindung von Unrecht und Gewalt durch Zivilcourage. Ihre Prosa verrät nie die Selbstgenügsamkeit derer, die sich auf dem richtigen Weg glauben, umso mehr verraten ihre Bücher das Wort drängt sich hier auf «mütterliches» Mitgefühl. Das mag ein fragwürdiges literarisches Kriterium sein durch den Reichtum der psychologischen und formalen Schattierungen jedoch, mit denen sie ihre Figuren gegen Klischees absicherte, und durch ihre hintergründige Sprachmelodie erreichte sie eine geradezu magische Intensität. Sie war eine zutiefst moralische Schriftstellerin, und wenn sie sich auch später von den Machthabern der DDR hofieren und sich zu deren Aushängeschild machen liess, blieb sie dennoch unabhängiger als andere Grössen der DDR-Literatur. Sie konnte es sich auf Grund ihrer Lebensgeschichte vielleicht leisten, aber die Jahre als Flüchtling und ihre jüdische Herkunft hatten sie gelehrt, mit Gefahren besonnen umzugehen.
Am 19. November 1900 wurde Anna Seghers als Kind deutsch-jüdischer Eltern in Mainz geboren. Frühe Abbildungen zeigen bereits ein auffällig schönes, flächig-kantenloses Gesicht, aus dem grosse und ernste Augen blicken. Bis in die letzten Tage ihres Lebens bewahrte sich der von innen beseelte Adel dieses Gesichts. Wenn es auch eine dunkle Melancholie verriet, so konnte sie auf anmutige Weise lachen und den Photographen schon mal übermütig die Zunge herausstrecken. Ihren Geburtsnamen Netty Reiling vertauschte sie später gegen ein Pseudonym, das aus ihrer Beschäftigung mit der Kunstgeschichte und dem Maler Hercules Seghers entsprungen sein mag sie hat es im Dunkeln gelassen.
Bereits im Alter von 24 Jahren promovierte sie in Heidelberg mit einer kunsthistorischen Arbeit über «Jude und Judentum im Werke Rembrandts». Ein Jahr später heiratete sie den ungarischen Philosophen Laszlo Radvanyi, mit dem sie die Exiljahre teilte und bis zu seinem Tod im Jahr 1978 verheiratet blieb. Radvanyi war als KPD-Mitglied aktiv in der kommunistischen Bildungsarbeit tätig. 1928, nach der Geburt ihrer beiden Kinder und am Beginn ihrer schriftstellerischen Karriere, trat auch Anna Seghers der Partei bei. Im gleichen Jahr sandte sie an Fritz Landshoff, den Cheflektor des Berliner Kiepenheuer-Verlages, eine Erzählung von hundert Schreibmaschinenseiten mit dem Titel «Aufstand der Fischer von St. Barbara». Landshoff entschloss sich sofort zum Druck, und dank Hanns Henny Jahnn erhielt sie noch im selben Jahr den angesehenen Kleist-Preis. Jahnn sprach von der «grossen Klarheit und Einfachheit der Satz- und Wortprägung», vom «mitschwingenden Unterton sinnlicher Vieldeutigkeit» und «einer leuchtenden Flamme der Menschlichkeit» die Argumente seiner Bewunderung verbinden sich mit dem Werk der Anna Seghers bis heute.
Schon «Aufstand der Fischer von St. Barbara» schildert auf packende, damals der «neuen Sachlichkeit» zugerechnete Weise die Konfession der Anna Seghers: den Glauben an den Sinn der Revolte auch dann, wenn sie erst einmal scheitern muss. Ort und Zeit der Erzählung sind so unbestimmt wie fiktiv, alles Plakative ist vermieden, und die Deutung des erzählten Geschehens wird dem Leser nur vorsichtig nahegelegt. In ihrem letzten vor dem «Dritten Reich» veröffentlichten Roman, «Die Gefährten» (1932), wird der ideologische Zeigefinger zwar etwas deutlicher erhoben die Autorin hatte eben an einem Antikriegskongress in Amsterdam teilgenommen , aber auch hier geht es um die reinigende Kraft der Niederlage und den kategorischen Imperativ, dann, wenn Solidarität und Menschlichkeit bedroht sind, standzuhalten.
Anna Seghers hat dieses Ziel nicht nur in vielen Facetten beschrieben, sondern nach dieser Devise auch unter den widrigsten Umständen gelebt. Als Hitler Reichskanzler wurde, floh sie zuerst in die Schweiz, dann nach Frankreich. Sie wurde eine Wortführerin unter den Emigranten, sprach auf deren Kongressen und forderte Solidarität ein. Aber der Freiraum der Kunst war ihr unteilbar. Ihr Schriftwechsel aus den Jahren 1938 und 1939 mit Georg Lukacs über Fragen des Realismus, bei dem sie die Freiheit der künstlerischen Gestaltung gegen die politische Inanspruchnahme und die Abwehr von formalen Experimenten verteidigte, hat Literaturgeschichte geschrieben.
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges erschien in der Moskauer Zeitschrift «Internationale Literatur» ihr weltweit Aufsehen erregender Roman «Das siebte Kreuz», der Hitler-Stalin-Pakt führt jedoch zum sofortigen Abbruch des Vorabdrucks. Nach ihrer Flucht aus Frankreich gelang es ihr und ihrem Mann nach langer Irrfahrt schliesslich (zehn Länder, auch die USA, hatten ihre Aufnahme abgelehnt), in Mexiko Asyl zu finden. 1942 erschien «Das siebte Kreuz» in englischer Sprache in New York, zwei Jahre später wurde der Roman von Fred Zinnemann verfilmt und ihr Ruhm um die Welt getragen.
Die Geschichte von der Flucht des von den Nazis gesuchten und verfolgten Widerstandskämpfers Georg Heisler, auf den eines von sieben Kreuzen im Konzentrationslager wartet, führt in die Umgebung von Mainz. Kein anderer Roman der Emigration hat mit so viel Einfühlungskraft und Dichte die Atmosphäre im «braunen» Deutschland eingefangen, die sie doch nur vom Hörensagen kannte. Ein den Lagern Entronnener hatte Anna Seghers die Grundzüge der Geschichte erzählt, aber sie wies später darauf hin, dass sich die Handlung des Buches auch dem Konstruktionsmuster von Alessandro Manzonis «Die Verlobten» verdankt. Anna Seghers' Blick auf die Weltliteratur war bei allem beharrlichen Bekenntnis zum Kommunismus neugierig und unvoreingenommen.
KALEIDOSKOP DER SCHULD
Auch die 1943 in Mexiko entstandene Novelle «Der Ausflug der toten Mädchen», eine Art Vorstudie des (schwächeren) Nachkriegsromans «Die Toten bleiben jung», kehrt noch einmal an Stätten in Deutschland zurück, es ist von allen Seghers-Texten der mit dem grössten Anteil an eigenen Erlebnissen. Die träumerische Erinnerung an Schulfreundinnen von einst, die teils ohne, teils mit ihrer aktiven Teilnahme in ein mörderisches Rad der Geschichte geraten sind, wird von zwei Ebenen aus beschrieben, die sich ineinander verweben: ihrer deutschen Kindheit und der Gegenwart des mexikanischen Exils. An den disparaten Lebensgeschichten einer Schulklasse entwickelt sich ein bedrückendes Kaleidoskop von Schuld und Verführung.
Erst nach ihrer Rückkehr aus der Emigration erfuhr Anna Seghers die näheren Umstände über den Tod ihrer Mutter in einem Konzentrationslager. Es schien ihr nur folgerichtig, sich für die sozialistische Republik auf deutschem Boden zu entscheiden. Der Traum vom Glück der Solidarität hier versprach er der lange Zeit Verbannten, Wirklichkeit zu werden. Von den westlichen Alliierten hatte sie als Flüchtling nur Ablehnung erfahren. Der FBI hatte sie auch in Mexiko nicht aus den Augen gelassen. Sie wurde nun zu einer Ikone der DDR-Literatur und geriet bald in den Zwiespalt zwischen den erträumten und den real existierenden Verhältnissen.
Der Verlagsleiter Walter Janka hat ihr nach dem Mauerfall vorgehalten, zu seiner Verhaftung im Jahre 1957 geschwiegen zu haben. In einer ausgewogenen und informativen Bildbiographie veröffentlicht der Aufbau-Verlag auch andere Dokumente und wer mag heute noch darüber richten? Ein Verlassen der DDR war für Anna Seghers ebenso undenkbar wie lautstarke Opposition gegen «ihren» Staat. Wenn sie in der Bundesrepublik zu Lesungen und Diskussionen erschien, liess sie sich nichts von inneren Spannungen anmerken. Es konnte für sie keine Alternative mehr für ein geduldiges Warten auf bessere Zeiten geben. Sie liess sich ihren grossen Traum nicht mehr nehmen. Statt noch einmal zu fliehen, wollte sie lieber wie Seidler in «Transit» «auf einem vertrauten Boden verbluten». Im Roman entscheidet sich der Seidler, «jetzt Gutes und Böses hier mit meinen Leuten (zu) teilen» und sich nicht den Fliehenden anzuschliessen.
Im Alter von 83 Jahren ist Anna Seghers in Ostberlin gestorben.
«Ich bezweifle, ob unsere Literatur nach 1933 viele Romane aufzuweisen hat, die, mit solch somnambuler Sicherheit geschrieben, fast makellos sind», meinte Heinrich Böll über «Transit». «Somnambule Sicherheit» bezeichnet sehr prägnant den unverwechselbaren Stil dieser Klassikerin des Erzählens aber auch den Grund ihres Überlebens in unwirtlichen Zeiten.
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