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Anna O. - Bertha Pappenheim. Biographie
 
 
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Anna O. - Bertha Pappenheim. Biographie [Gebundene Ausgabe]

Marianne Brentzel


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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Das historische Buch «Anna O.» und Bertha P.
Eine Biographie Bertha Pappenheims
Bertha Pappenheim ist die berühmteste und umstrittenste, die «Urpatientin» der Psychoanalyse. Als die Geschichte der «Anna O.» ist ihre Krankengeschichte in die «Studien über Hysterie» eingegangen, das 1895 erschienene Gemeinschaftswerk Josef Breuers und Sigmund Freuds, das hundert Jahre später noch vor Freuds epochemachender «Traumdeutung» als eigentliches «Urbuch der Psychoanalyse» gefeiert wurde. Mit einigem Recht. Den «Studien» gemäss konnte «Anna O.» als die eigentliche Entdeckerin der «kathartischen Methode» gelten. Die schweren hysterischen Symptome, unter denen sie litt – Lähmungen, Empfindungs-, Seh- und Sprachstörungen, Phobien, Neuralgien –, konnte sie gleichsam «wegerzählen», wegsprechen, wenn es ihr mit der hypnotischen Hilfe ihres behandelnden Arztes Josef Breuer gelang, im Erzählen zu den traumatisierenden Szenen und Affekten zurückzufinden, die am Beginn der Symptombildung standen. Mit der «Anna O.» eigenen sprachlichen Begabung nannte sie selber das ihre «talking cure», ihre Sprechkur, oder, noch plastischer, ihr «chimney-sweeping», ihr verbales Schornsteinfegen. Ein psycho-homöopathischer Prozess, ein buchstäblich beredtes Psycho-Drama lief hier ab, in dem die Sprache, an die sonst im Fin de Siècle weder die Dichter noch die Philosophen mehr glaubten, als Königsweg der Therapie wirkte. Eine Revolution Die Revolutionierung der psychiatrischen Beziehung, die Patientenzentriertheit der Therapie, die Selbstbescheidung des Arztes auf die Rolle eines hypnotischen Geburtshelfers und eines in «gleichschwebender Aufmerksamkeit» konzentrierten Zuhörers, eines Virtuosen der Rezeptivität, ging damit einher. Ausserdem hatte «Anna O.» ihrem Arzt allem Anschein nach den Gefallen getan, «sich vollständiger Gesundheit» seit dem Abschluss der Kur zu «erfreuen», wie er in den «Studien», dreizehn Jahre nach dem Ende seiner Behandlung, schrieb. Last, but not least hatte sie die sexuellen Implikationen ihrer Hysterie – die Fixierung auf den von ihr gepflegten, geliebten Vater und die Übertragungsliebe zum Therapeuten mit einer hysterischen Schwangerschaft – so deutlich erkennen lassen, dass der von seiner Patientin faszinierte Breuer sein ehetreues Heil in der Flucht suchen musste, Freud aber den Schlüssel zur sexuellen Ätiologie der Hysterie fand. Freilich war die Diskrepanz zwischen Breuers Falldarstellung in den «Studien» und dem Krankenbericht, den er dreizehn Jahre zuvor für das Sanatorium «Bellevue» in Kreuzlingen verfasst hatte, wo «Anna O.» nach dem Ende der Behandlung von neuem untergebracht werden musste, gravierend, die attestierte «vollständige Gesundheit» ein geradezu zynisches Märchen. Kritische Historiker der Psychoanalyse, von Henri F. Ellenberger und Albrecht Hirschmüller, der Breuers ersten Krankenbericht aufgefunden hat, über Peter Swales bis zu Mikkel Berch-Jacobsen, deren polemisches Temperament im vermeintlichen «Urbuch» gleich die Urlüge der Psychoanalyse entdeckt hat, haben denn auch die Fallgeschichte der «Anna O.» rigoros richtiggestellt. Aber was war denn vor und vor allem nach «Anna O.» mit Bertha Pappenheim – sozusagen ohne Anführungszeichen? Hatte sie kein Leben jenseits ihrer Krankengeschichte? Doch, sie hatte. Als Sozialpionierin, deren «organisierter Mütterlichkeit» der Wandel von der Wohltätigkeit zur Sozialarbeit zu danken war; als Reformerin des Heimwesens, Gründerin des jüdischen Frauenbundes, die Feminismus und Judentum zu verbinden suchte; als unermüdliche Kämpferin gegen den Mädchen- und Frauenhandel zumal mit Jüdinnen aus Osteuropa, als Autorin und Übersetzerin (mit dem «inversen» männlichen Pseudonym Paul Berthold) hat sie nicht erst seit der neueren Frauenbewegung Beachtung gefunden. Doch die jetzt erschienene Biographie von Marianne Brentzel macht schon im Doppeltitel und in der Gewichtsverteilung deutlich, wie es um das neue Verhältnis von «Anna O.» und Bertha Pappenheim steht: Nach gerade einem Fünftel des Buches tritt «Anna O.» hinter der Frau zurück, deren Schatten und Episode sie allein gewesen sein soll. Die neue Biographin hat umfassend recherchiert. Sie zeichnet das lange Leben Bertha Pappenheims von 1859 bis zu den ersten drei Jahren der NS-Diktatur detailliert nach. Die umfängliche, sehr kontroverse Literatur ist umsichtig einbezogen. Leider hat eine schludrige Schlusskorrektur etliche Fehler stehen lassen. Einiges an der Doppelbiographie bleibt freilich nach wie vor lücken- oder auch rätselhaft. Die Jahre zwischen 1883 und 1888, also nach dem Ende der Behandlung durch Breuer und der Übersiedlung nach Frankfurt am Main, sind trotz neueren Forschungen noch unerhellt. In Frankfurt erblickt offenbar eine neue, gesunde Bertha P. das zuvor verschattete Licht der Welt. Brentzels resümierender Satz über diese Phase liest sich wie ein modernes Märchen – und wie eine Parodie auf Breuers Freude an der «vollständigen Gesundheit» seiner Ex-Patientin: «Bertha Pappenheim wurde gesund und lebte seit 1888 in Frankfurt ( . . . ), als hätte es eine Patientin mit dem berühmten Pseudonym Anna O. nie gegeben.» Sublimationen Aber es hat sie gegeben. Und ob die teleologisch trivialisierte Sinngebung ihrer Krankheit – die Flucht in die Krankheit als Ausbruch aus den gesellschaftlich vorgegebenen Lebensmustern – plausibler als eine trivialisierte psychoanalytische Deutung ist, steht dahin. Heutigen Lesern kann die Psycho-Logik der Urszene von «Anna O.s» Erkrankung mit ihrer Verbindung von aggressiven, erotischen und buchstäblich lähmenden Abwehrimpulsen nach wie vor sehr schlüssig erscheinen. Und man tut der Bedeutung dieser eindrucksvollen Frau keinerlei Abbruch, wenn man in ihrer schriftstellerischen und rhetorischen Aktivität die Fortsetzung ihrer «talking cure», in der Strenge ihrer religiösen Orthodoxie die Kontinuität der Reinheitsgebote und in ihrem Kampf gegen den organisierten Mädchenhandel, ihrer stellvertretenden Mutterschaft für die Erniedrigten und Verschacherten, auch das symbolische Moment sieht. Dass Bertha Pappenheim für ihre Zöglinge von jeder Psychoanalyse nichts wissen wollte, kann man bei der Nachfahrin von «Anna O.» gut verstehen. Geglückte Sublimationen werden aber umso eindrücklicher, je mehr man das Sublimierte an ihnen sieht. Nicht zu vergessen auch, dass Bertha P. im letzten Jahrzehnt ihres Lebens in der Beziehung zu Hannah Karminski eine späte Liebe erlebte. Doch was sind alle Deutungen schon gegen die brutalen Realien. Noch kurz vor ihrem Tod am 28. Mai 1936 wird die Schwerkranke von der Gestapo terrorisiert. Nicht mehr erleben musste sie den Abend nach der Reichspogromnacht: Da zündeten die Vertreter der Rassereinheit das von ihr begründete Mädchenheim an. Ludger Lütkehaus

Pressestimmen

»Die vorliegende Biographie erzählt auf angenehm informierende Weise nicht nur das ganz spezielle Schicksal Bertha Pappenheims, die schließlich eine bedeutende Figur in der Geschichte der jüdischen Frauenbewegung und der Sozialarbeit wurde, sondern liefert auch Zeitgeschichte mit: das Leben einer reichen und reich begabten jüdischen Frau in einer Gesellschaft der Ambivalenz zwischen antisemitischen Vorurteilen und Liberalität, die zur Anpassung führt. (...) Was an dieser Biographie von Marianne Brentzel fasziniert, ist die präzise Unaufgeregtheit, mit der sie über dieses bemerkenswerte Leben, das bisher viel zu wenig kommentiert wurde, berichtet.« (Eva Jaeggi, Frankfurter Rundschau)

»Die neue Biographin hat umfassend recherchiert. Sie zeichnet das lange Leben Bertha Pappenheims von 1859 bis zu den ersten drei Jahren der NS-Diktatur detailliert nach. Die umfängliche, sehr kontroverse Literatur ist umsichtig einbezogen.« (Ludger Lütkehaus, Neue Zürcher Zeitung)

Marianna Brentzel, bekannt geworden durch ihr Buch »Nesthäkchen kommt ins KZ« über die Mädchenbuchautorin Else Ury, ist nicht die erste Biografin Bertha Pappenheims, wohl aber die Erste, die alle verstreuten Forschungen und Deutungen zu einer lesenswerten, überaus anregenden Gesamtdarstellung zusammengefügt hat.« (Katharina Rutschky, Die tageszeitung)

Kurzbeschreibung

Bertha Pappenheim (1859-1936), die bedeutende Sozialpionierin und Gründerin des Jüdischen Frauenbundes, bekannt geworden auch als Übersetzerin und Verfasserin zahlreicher bedeutender Schriften zur deutsch-jüdischen Kultur, bewahrte lebenslang ein Geheimnis: Sie war Anna O. - die Anna O., die Sigmund Freud zur Entwicklung der Psychoanalyse inspirierte. Ihre Krankheit wurde von ihrem Arzt Josef Breuer in den »Studien über Hysterie« dargestellt und von Freud als Impuls zur Begründung der Psychoanalyse verstanden, doch selbst hat sie nie über ihre Krankheit gesprochen.
Unter dem Pseudonym Fräulein Anna O. ist Bertha Pappenheim in die Medizingeschichte eingegangen, die überwiegende Zeit ihres Lebens aber kämpfte sie gegen Mädchenhandel und Mädchenhändler. Ihr Beitrag zur Emanzipationsgeschichte der Frauen spielt in der medizinischen Fachliteratur keine Rolle. Eine umfassende Darstellung von Bertha Pappenheims Werk gibt es bisher nicht.
Vor dem Hintergrund der bürgerlichen jüdischen Kultur, ihrer Herkunft und aus umfangreichen Quellen entwickelt Marianne Brentzel jetzt ein Gesamtbild des Lebens der feministischen Kämpferin Bertha Pappenheim.

Über den Autor

Marianne Brentzel, geb. 1943, studierte Politische Wissenschaften und Pädagogik in Berlin. Sie lebt und arbeitet als freie Autorin in Dortmund. Veröffentlichungen: u.a.
»Rudi und der Friedenspudding« (1986 / 2001);
»Nesthäkchen kommt ins KZ - eine Annäherung an Else Ury« (1992 / 1996);
»Die Machtfrau. Hilde Benjamin 1902 -1989« (1997).
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