Anna Netrebko macht gegenwärtig mehr mit gastronomischen Unternehmungen von sich reden als mit Koloraturprojekten. Da scheint es ganz hilfreich zu sein, sich mal wieder mit einem Opern-Rezital (bei möglichen Restaurantgästen) in Erinnerung zu rufen. Und das Repertoire dieser Aufnahme wirkt zunächst ganz reizvoll. Wenn auch, um dies vorweg zu nehmen, deutlich getrübt durch die hier allzu sehr in den Vordergrund tretenden negativen Aspekte von Live-Aufnahmen: Wie überall auf der Welt wurden auch die hier in Auszügen dargebotenen Opern von Menschen mit chronischer Bronchitis und nicht auskurierter Hyperaktivität besucht. So macht "live" keinen Spaß!
Die an der Metropolitan Opera (NY) entstandene Kompilation bietet weniger die Gassenhauer des Sopranrepertoires als vielmehr solche Arien, denen ein besonderes Maß an Innigkeit, Ausdruck und Bedeutung eignet. Und da versteht es Netrebko durchaus zu punkten: Sie wirkt konzentriert, glaubwürdig, sehr vertraut mit den einzelnen Rollen. Und auch die ansonsten von der russischen Sopranistin schon mal arg vernachlässigte Artikulation ist insbesondere in der zweiten Hälfte des Albums kaum zu tadeln. Anna Netrebko hat ganz offensichtlich an ihren "Lernfeldern" gearbeitet. Insbesondere in den Partien, die in der jüngeren Vergangenheit zur Aufführung gebracht wurden.
Aber, ach, zu spät!!
Der in den letzten Jahren von ihr betriebene Schindluder an der physischen Konstitution hinterlässt mehr und mehr Spuren, deutliche und keineswegs nur äußerliche Spuren. (Ist das der Grund für den allenthalben kolportierten Wechsel in die Gastronomie?) Gerade die neueren Aufnahmen zeigen, dass die fröhliche Russin schon sehr bald im Belcanto-Fach nicht mehr wird glänzen können. Zusehends wirkt ihr Sopran teigig, diffus und verhangen. Ein Gesang, der sich mit erschreckendem Tempo der unsäglichen Tonlage von Opern-Matronen annähert, die unbeweglich am Bühnenrand stehen und Töne pressen. Arien, die mehr und mehr gestresst, angestrengt, konvulsiv klingen; Arien denen es an Leichtigkeit, Raum und Offenheit gebricht und die vom ebenso baldigen wie traurigen Ende eines vielumjubelten Soprans künden.
Während es der jungen Anna Netrebko noch an technischer Souveränität, an sicherer Intonation und Artikulation fehlt, mangelt es ihrer Stimme jetzt und zusehends an Klangschönheit, jugendlichem Timbre, Offenheit und Gestaltungsmöglichkeiten. So zeigt dieses gleichsam biographische Dokument, wie schnell die temperamentvolle und überaus sympathische Russin auf ihren Zenith zugesteuert ist und wie rasch sie diesen hinter sich gelassen hat. (Diskographisch könnte man diesen Zenith mit ihrem "russischen" Album eingrenzen. Damit korrespondiert, dass die stimmlich und emotional überzeugendsten Partien auf dieser Ausnahme aus dem Jahr 2007 stammen.)
Die zahlreichen prominenten Gesangspartner, Alagna, Domingo usw., sehr unterschiedlich gut bei Stimme, dominieren die Netrebko bisweilen, so dass auch hier ein recht diffuses Bild entsteht. Und das zur orchestralen Unterstützung engagierte hauseigene Ensemble vermag den traurigen Gesamteindruck nicht aufzuhellen - als hätten die Musiker dieses durchaus renommierten Klangkörpers sich der Trostlosigkeit des musikalischen Abstiegs gleich mit ergeben. Das Orchester klingt überwiegend trötig, muffig, fahrig und inhomogen; musikalisch wird hier durchgehend nur Mitteklasse-Atmosphäre verströmt, die mit dem Live-Charakter der Einspielung weder erklärt noch entschuldigt werden kann.
Gleichwohl: Auch dieses Album wird ohne Frage wieder zahllose Käufer finden; und in den nächsten Jahren werden weitere Best-of-Kompilationen und "Raritäten" der früh entschwundenen Schönheit huldigen - das gebieten schon allein Marketingstrategien und Verkaufszahlen. Alles in allem aber ein schleichender, absehbarer und vor allem sehr trauriger Abschied aus der Welt der Oper.
Das Beiheft immerhin ist ganz hübsch ...