Anna Karenina ist nicht nur ein "vollkommenes Kunstwerk" (Karasek) oder ein akribisches Porträt des zaristischen Russland, wie es die Kritik ihm zuschreibt. Die Bedeutung dieses Romans als eines der wuchtigsten und gewaltigsten Werke der Weltliteratur liegt an ganz anderer Stelle, nämlich in der einzigartigen Präzision, mit der Tolstoj noch der feinfühligsten Nuance der menschlichen Psyche nachzuspüren vermag.
Wenn man es schafft, eine Geschichte zweier Familien, die durch eine weitere Familie verknüpft ist, auf mehr als 1200 Seiten zu erzählen, braucht man schon einen langen Atem, wie ihn heute keiner mehr aufbringt. Tolstoj zeichnet nicht nur zwei chronologische Familiengeschichten auf, sondern demonstriert an seinen Figuren eine psychologische Beobachtungsgabe, die in der Weltliteratur nicht ihresgleichen hat und heute noch genauso aktuell ist wie damals. Daneben werden auch soziale Entwicklungen auf dem Lande diskutiert, Szenen aus der adeligen Gesellschaft mischen sich mit bäuerlichem Landleben und Jagdszenen und auch mal Peinlichkeiten, wenn plötzlich die Hunde anfangen, zu denken.
Aber wie gesagt: die Bedeutung dieses Werks besteht in seiner einzigartigen Einfühlsamkeit in die Seelen der Protagonisten. Wie kein zweiter Schriftsteller hat es Tolstoj verstanden, die Grundlagen der Psychologie menschlichen Handelns offenzulegen: ob Verliebtheit, langwährende Liebe, Eheleben, Eifersucht, Auswirkungen gesellschaftlicher Zwänge auf den Einzelnen, Sterben und Tod - Tolstoj ist keine Nuance fremd und er präzisiert psychische Abläufe in einer Weise, in der man permanent das eigene Leben wiedererkennt und aus der man ohne weiteres die Grundlage einer psychologischen Abhandlung über das menschliche Miteinander destillieren könnte.
In diesem Punkt ist Tolstoj einzigartig aktuell und wird dies unabhängig von aller gesellschaftlichen Veränderung auch in fünfhundert Jahren noch sein.