Aus der Amazon.de-Redaktion
Doch bald schon arbeitete er am zweiten großen Roman seines Lebens, Anna Karenina. Zu vielschichtig und psychologisch feinst verwoben ist dieses riesige, 1878 erschienene Werk, um es hier auch nur ansatzweise zu erfassen. Erzählt wird die Geschichte der adligen Familie Karenin, einer dekadenten, in gesellschaftlichen Normen erstarrten Sippe. Die Kälte ihres Gatten treibt die sensible Anna dem wesentlich jüngeren Grafen Wronskij in die Arme. Diese stark sexuell orientierte Beziehung endet im Fiasko. Schließlich richtet Anna sich selbst, aber auch ihren Mann und den Geliebten zugrunde.
In der anderen großen Figur des Romans, dem Gutsbesitzer Lewin, hatte sich Tolstoi selbst verewigt. Dessen Rückzug aus der Moskauer Gesellschaft und seine Selbstbescheidung auf ein bäuerlich schlichtes Leben verkörperten auch Tolstois Ideale.Das Selbstmordmotiv legte den Vergleich mit Flauberts Madame Bovary nahe. Jedoch erreicht Flaubert bei weitem nicht Tolstois Realismus und dessen tiefe psychologische Aufarbeitung von Schuld, Verstrickung, Haltlosigkeit und Verantwortung im Umgang mit seinen Figuren. --Ravi Unger -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Buch der 1000 Bücher
Anna Karenina
OT Anna Karenina OA 187577 DE 1885Form Roman Epoche Realismus
Der zwischen 1873 und 1877 entstandene Roman Anna Karenina war nach Krieg und Frieden das zweite Werk, mit dem Lew N. Tolstoi seinen Weltruhm als Schriftsteller begründete. Der psychologische Feinsinn, mit dem Tolstoi die inneren Konflikte seiner Protagonisten schilderte, gehört zu den literarischen Glanzleistungen eines Autors, dessen eigenes Leben von der Suche nach einer moralisch vertretbaren Denk- und Handlungsweise bestimmt war.
Inhalt: Die Chronik dreier Familien bildet den Handlungsrahmen des Romans, in dessen Mittelpunkt die tragische Liebesbeziehung der Titelheldin Anna Karenina steht.
Annas Bruder Stepan (Stiwa) Oblonskij, charmant und äußerst sinnenfroh, gibt sich in seiner kinderreichen Ehe mit Darja (Dolly) wiederholt Liebesaffären hin, kehrt jedoch stets reumütig zu seiner leidgeprüften Frau zurück. Sein Freund Konstantin Lewin, der sich von der Künstlichkeit des städtischen Lebens auf sein Landgut zurückgezogen hat, liebt Dollys jüngere Schwester Katerina (Kitty). Während eines Besuchs in Moskau muss Lewin erfahren, dass er in seinem Werben um Kitty einen Rivalen hat den jungen Petersburger Offizier Graf Wronskij, dessen Mittelmäßigkeit zunächst hinter seinem glanzvollen und weltgewandten Auftreten verborgen bleibt.
Beeinflusst durch ihre Mutter, die für die naturverbundene Lebensweise Lewins kein Verständnis aufbringt, entscheidet sich die geblendete Kitty trotz ihrer Zuneigung zu Lewin für Wronskij. Wenig später kommt es zu einer ersten Begegnung zwischen Wronskij und Kittys Tante Anna, die sich augenblicklich zu ihm hingezogen fühlt. Fasziniert von ihrer Schönheit und ihrem warmherzigen Wesen beginnt Wronskij, ihr den Hof zu machen.
Anna kehrt überstürzt nach Petersburg zurück, wo sie in dem alltäglichen Leben an der Seite ihres Mannes Alexej zur Ruhe zu kommen hofft. Wronskij, der weiterhin in ihren Kreisen verkehrt, erkennt jedoch, dass sie in ihrer Ehe unglücklich ist und unter der Gefühlskälte ihres vornehm-distanzierten Mannes leidet. So entwickelt sich zwischen Anna und Wronskij eine leidenschaftliche Liebesbeziehung, die Anna weder vor ihrem Mann noch vor der Gesellschaft zu verheimlichen sucht.
Die Lage spitzt sich dramatisch zu, als Alexej, der stets um die Wahrung des äußeren Scheins bemüht ist, ihr nach dem Ehebruch die Scheidung verweigert. Während Wronskij sich mit der Aussichtslosigkeit ihrer Beziehung abzufinden beginnt, kämpft Anna immer verzweifelter um seine Zuneigung. Von der Gesellschaft geächtet und in der Integrität und Unbedingtheit ihrer Liebe von Wronskij allein gelassen, begeht sie schließlich Selbstmord.
Parallel zur Geschichte Annas erzählt Tolstoi jene Konstantin Lewins, der nach Kittys Abweisung wieder aufs Land zurückkehrt und sich dort als überaus tüchtiger Gutsherr um das Wohl seiner Bauern verdient macht. Er erfährt, dass Wronskij sich von Kitty getrennt hat, unternimmt jedoch in seinem enttäuschten Stolz nichts, um sie für sich zu gewinnen. Erst als er ihr nach langer Zeit erneut begegnet, erkennt er, dass sie seine Liebe erwidert. Anders als Stepan und Darja Oblonskij oder Anna und Alexej Karenin finden Konstantin und Kitty in ihrer Ehe zu gemeinsamem Glück. Wie Pierre Besuchow in Krieg und Frieden, so erscheint auch Konstantin Lewin als ein Alter Ego Tolstois. Und wie Besuchow, so erhält auch Lewin die entscheidenden Antworten auf seiner Suche nach Lebenssinn von einem Mann aus dem einfachen Volk.
Wirkung: Anna Karenina wurde neben Madame Bovary (1856) von Gustave R Flaubert und Effi Briest (1895) von Theodor R Fontane zu einer der berühmtesten Ehebrecherinnen der Weltliteratur. Fjodor R Dostojewski schrieb in seinem Tagebuch eines Schriftstellers (1877) eine enthusiastische Würdigung des Romans und schloss mit der Aussage, dass »nichts in der europäischen Literatur damit verglichen werden könne.« -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
"Sie lesen Tolstoi, weil Sie nicht mehr aufhören können." Vladimir Nabokov "Anna Karenina ist ein vollkommenes Kunstwerk. Dieser Roman enthält eine menschliche Botschaft, die in Europa noch nie vernommen wurde und die die Menschen der westlichen Welt brauchen." Fjodor Dostojewskij "Was ich ungescheut den größten Gesellschaftsroman der Weltliteratur nannte, ist ein Roman gegen die Gesellschaft." Thomas Mann "Eine wunderbar elegante Neuübersetzung, 1200 Seiten, die sich lesen wie Butter, doch der Leser sei gewarnt: Neben diesem Roman verblassen alle anderen, denn mit "Anna Karenina" hat Tolstoi eigentlich alles gesagt." Johanna Adorján, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.11.09 "In künstlerischer Hellsicht entwarf Tolstoi ein Gemälde dieser Übergangsepoche voller privater Zweifel und heraufziehender politischer Unruhen." Hannelore Schlaffer, Süddeutsche Zeitung, 27.10.09 "Tolstois Sprache vermag sich an jede Zeit anzupassen und bleibt doch immer die wundervolle, lakonische und reiche Sprache Tolstois. Selten waren zwölfhundert Seiten eine so kurzweilige Lektüre." Sabine Berking, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.11.09 "'Anna Karenina' ist eines der himmlischsten Bücher der Weltliteratur. Jetzt ist es neu übersetzt worden: besser denn je. Im Vergleich zu allen auf dem Markt erhältlichen Übersetzungen genauer, farbiger in den Einzelheiten, überzeugender. Der Roman lässt uns all seinen Figuren so nahe kommen, wie es nur wenigen Büchern der Weltliteratur gelingt, lässt ihnen aber in aller Nähe ihr Rätsel." Andreas Isenschmid, Neue Zürcher Zeitung, 13.12.09 "Rosemarie Tietze glättet zum ersten Mal nicht an Tolstoi herum. Sie gibt ihm mehr Spielraum. Die aufgefrischte Übertragung ist nur die eine besondere Leistung dieses Bandes. Die andere ist die editorische. Besser geht`s kaum." Die Welt, 19.12.09
Kurzbeschreibung
Klappentext
Über den Autor
2010 wurde sie mit dem Paul-Celan-Preis für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet.
Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.
Drunter und drüber ging es bei den Oblonskis. Die Frau des Hauses hatte erfahren, dass ihr Mann eine Liaison hatte mit einer Französin, die als Gouvernante im Haus gewesen war, und hatte ihrem Mann verkündet, dass sie nicht mehr im selben Haus mit ihm leben könne. Diese Situation dauerte schon den dritten Tag und wurde sowohl von den Eheleuten wie von allen Familienmitgliedern und Hausgenossen als qualvoll empfunden. Alle Familienmitglieder und Hausgenossen hatten das Gefühl, dass ihr Zusammenleben keinen Sinn habe und dass in jedem Absteigequartier die zusammengewürfelten Gäste mehr miteinander verbinde als sie, die Familienmitglieder und Hausgenossen der Oblonskis. Die Frau des Hauses kam nicht aus ihren Räumen, ihr Mann war den dritten Tag nie daheim. Die Kinder rannten wie verloren im Haus herum; die Engländerin hatte sich mit der Wirtschafterin zerstritten und schrieb einer Freundin ein Billett, sie möge sich nach einer neuen Stelle für sie umtun; der Koch hatte gestern das Weite gesucht, noch während des Diners; Küchenmagd und Kutscher baten um Auszahlung.
Am dritten Tag nach dem Streit erwachte Fürst Stepan Arkadjitsch Oblonski – Stiwa, wie er in der vornehmen Welt genannt wurde – zur gewohnten Stunde, also um acht Uhr morgens, nicht im Schlafzimmer seiner Frau, sondern im Kabinett auf dem Saffiansofa. Er drehte seinen fülligen, wohlgepflegten Leib auf den Sprungfedern des Sofas zur anderen Seite, als wollte er noch einmal richtig einschlafen, umfing das Kissen fest mit den Armen und drückte die Wange hinein; doch plötzlich fuhr er hoch, setzte sich auf und öffnete die Augen.
›Ja, ja, wie war das noch mal?‹ Er suchte sich eines Traums zu entsinnen. ›Ja, wie war das? Ah ja! Alabin gab ein Diner in Darmstadt; nein, nicht in Darmstadt, es war etwas Amerikanisches. Doch, nur war Darmstadt dort in Amerika. Ja, Alabin gab ein Diner auf Glastischen, ja, und die Tische sangen Il mio tesoro, oder nicht Il mio tesoro, sondern etwas Besseres, und solche kleinen Karaffinen, die waren zugleich Frauen‹, entsann er sich.
Stepan Arkadjitschs Augen begannen vergnügt zu funkeln, und er dachte lächelnd nach. ›Ja, gut war das, sehr gut. Noch vielerlei gab es da an Vorzüglichem, aber das lässt sich nicht in Worte fassen und nicht einmal im Wachen in Gedanken ausdrücken.‹ Und als er den Lichtstreifen bemerkte, der sich an einem der Tuchvorhänge vorbei hereindrängte, warf er vergnügt die Beine vom Sofa, seine Füße suchten nach den Pantoffeln, besetzt mit goldschimmerndem Saffian und bestickt von seiner Frau (ein Geburtstagsgeschenk im vorigen Jahr), und nach alter, neunjähriger Gewohnheit streckte er, ohne aufzustehen, die Hand nach der Stelle aus, wo im Schlafzimmer sein Morgenrock hing. Da fiel ihm plötzlich ein, wie und warum er nicht im Schlafzimmer seiner Frau schlief, sondern im Kabinett; das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht, er runzelte die Stirn.
›Ach, ach, ach! Aaah!‹ stöhnte er, da ihm in den Sinn kam, was geschehen war. Und vor seinem geistigen Auge sah er noch einmal in allen Einzelheiten den Streit mit seiner Frau, die ganze Ausweglosigkeit seiner Lage und, was am qualvollsten war, seine eigene Schuld.
›Ja! das wird sie nicht verzeihen, kann sie nicht verzeihen. Und am entsetzlichsten ist, dass es meine Schuld ist, meine Schuld, dabei bin ich gar nicht schuldig. Das ist ja die Tragödie‹, dachte er. ›Ach, ach, ach!‹ murmelte er verzweifelt, da ihm die bedrückendsten Momente aus dem Streit in den Sinn kamen.
Am unangenehmsten war jener erste Augenblick gewesen, als er aus dem Theater zurückkehrte, vergnügt und zufrieden, eine riesige Birne für seine Frau in der Hand, und seine Frau nicht im Salon fand; zu seiner Verwunderung fand er sie auch nicht im Kabinett, und schließlich erblickte er sie im Schlafzimmer, in der Hand das Unglücksbillett, das alles entdeckt hatte.
Sie, diese ewig besorgte, rührige und, wie er sie einschätzte, ein wenig beschränkte Dolly, saß unbeweglich, in der Hand das Billett, und mit Entsetzen, Verzweiflung und Zorn im Gesicht sah sie ihn an.
»Was ist das? das da?« fragte sie und deutete auf das Billett.
Und bei dieser Erinnerung peinigte Stepan Arkadjitsch, wie das häufig so ist, weniger das Ereignis selbst als vielmehr, wie er auf die Worte seiner Frau geantwortet hatte.
Ihm erging es in diesem Augenblick, wie es Menschen ergeht, wenn sie urplötzlich bei etwas allzu Schmachvollem ertappt werden. Er schaffte es nicht, sein Gesicht der Situation anzupassen, in die er nach Entdeckung seiner Schuld vor seiner Frau geraten war. Statt verletzt zu sein, alles abzustreiten, sich zu rechtfertigen, um Verzeihung zu bitten oder gar gleichgültig zu bleiben – alles wäre besser gewesen als das, was er tat! –, hatte sich sein Gesicht ganz unwillkürlich (›Reflexe des Gehirns‹, dachte Stepan Arkadjitsch, der viel für Physiologie übrig hatte) – ganz unwillkürlich hatte es sich mit einemmal zu seinem üblichen, gutmütigen und deshalb dummen Lächeln verzogen.
Dieses dumme Lächeln konnte er sich nicht verzeihen. Als Dolly dieses Lächeln erblickte, zuckte sie zusammen wie vor körperlichem Schmerz, brach mit der ihr eigenen Hitzigkeit in einen Schwall harter Worte aus und rannte aus dem Zimmer. Seither wollte sie ihren Mann nicht sehen.
›Schuld an allem ist dieses dumme Lächeln‹, dachte Stepan Arkadjitsch.
›Aber was tun? was nur tun?‹ fragte er sich verzweifelt und fand keine Antwort.
II
Stepan Arkadjitsch war ein Mensch, der aufrichtig war zu sich selbst. Er konnte sich nichts vormachen und sich einreden, dass er seine Tat bereute. Er konnte jetzt nicht bereuen, was er vor sechs Jahren einst bereut hatte, als er die erste Untreue an seiner Frau beging. Er konnte nicht bereuen, dass er, ein vierunddreißigjähriger, schöner, sich leicht verliebender Mann, nicht mehr verliebt war in seine Frau, die Mutter von fünf lebenden und zwei gestorbenen Kindern, die nur ein Jahr jünger war als er. Er bereute lediglich, dass er es vor seiner Frau nicht besser zu verbergen gewusst hatte. Aber er empfand sehr wohl das Bedrückende seiner Lage und bedauerte seine Frau, die Kinder und sich selbst. Vielleicht hätte er seine Sünden vor seiner Frau besser zu verbergen gewusst, wenn er erwartet hätte, dass diese Nachricht derart auf sie wirken würde. Klar durchdacht hatte er das Problem nie, aber vage sich vorgestellt, seine Frau ahnte längst, dass er ihr nicht treu war, würde jedoch ein Auge zudrücken. Ihm war sogar, als müsste sie, eine abgezehrte, gealterte, nicht mehr schöne Frau, gänzlich unauffällig und schlicht, nur gute Mutter und Hausfrau, aus einem Gefühl der Gerechtigkeit heraus nachsichtig sein. Das Gegenteil war der Fall.
›Oh, entsetzlich! o weh, o weh! entsetzlich!‹ sagte sich Stepan Arkadjitsch ein ums andre Mal und hatte doch keine einzige Idee. ›Und wie gut alles war bisher, wie gut wir gelebt haben! Sie war zufrieden, glücklich mit den Kindern, ich stand ihr nicht im Weg, habe es ihr überlassen, sich mit Kindern und Haushalt abzugeben, wie sie das wollte. Freilich gehört es sich nicht, dass sie in unserem Haus Gouvernante war. Gehört sich nicht! Es hat etwas Triviales, Abgeschmacktes, der eigenen Gouvernante den Hof zu machen. Aber was für eine Gouvernante! (Er erinnerte sich lebhaft an die schelmischen schwarzen Augen von Mlle Roland und an ihr Lächeln.) Aber solange sie bei uns im Haus war, habe ich mir ja nichts herausgenommen. Und am schlimmsten ist, dass sie schon bald... So was aber auch, wie mit Fleiß! O weh, o weh! Oooh! Aber was tun, was denn nur tun?‹
Eine Antwort gab es nicht, außer der allgemeinen, die das Leben auf die kompliziertesten und unlösbarsten Fragen immer bereithält. Diese Antwort war: den Erfordernissen...