Florian Illies' Buch »Generation Golf« (Band 15065) erschien 2001 im Fischer Taschenbuch Verlag.
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So sind wir von der Generation Golf: Aufrichtig hin- und hergerissen zwischen moralischen Ansprüchen und praktischen Notwendigkeiten, entscheiden wir uns beinahe immer für die pragmatische Lösung -- die gar nicht unbedingt immer die bequemere sein muss, wie Florian Illies in seinem Übungsbuch für ein schlechtes Gewissen auf zum Teil perfide Art herausarbeitet.
Denn so ein schlechtes Gewissen hält nur auf -- und schädigt darüber hinaus die Volkswirtschaft am Standort Deutschland, wo allein, wenn man es hochrechnet (und von drei Minuten pro Tag und Müllverursacher ausgeht) "täglich insgesamt vier Jahre lang" über die Mülltrennung nachgedacht wird. Gewissenhaft? Nie wieder! Hau weg den Scheiß!
23 Übungssituationen, die von "Heute trenne ich den Müll nicht" über "Heute lasse ich einen Tramper im Regen stehen" bis zu "Heute rede ich mit Bernd" reichen, müssen wir mit Instruktor Illies bestehen. Das Schema ist immer gleich: Zunächst erfolgt auf wenigen Seiten die Anamnese des Problems ("Das Bedürfnis der Taxinutzer, mit den Taxifahrern ein Gespräch darüber zu führen, warum es dem einen so gut geht, dass er sich ein Taxi leisten kann, und dem anderen so schlecht, dass er Taxi fahren muss, ist nicht sehr groß."), die dann jedesmal in einen Übungsvorschlag mündet ("Heute gehen wir zu einem selten frequentierten Taxistand ... beißen so in unseren mitgebrachten Hamburger, dass besonders viele ... Mayonnaisetropfen auf den Sitz gelangen ... fahren fünfhundert Meter und brüllen dann bei 3 Mark 90, der Fahrer möge uns hier endlich rauslassen. Dann geben wir ihm 3 Mark 90 und sagen "Stimmt so"").
Natürlich lässt sich zwischen bloßer Peinlichkeit (wie spricht man "amuse gueule" aus?), verletzten Konventionen (wann bringt man Geschenke mit?) und begründet schlechtem Gewissen (weil man wieder mal Käfigeier gekauft hat) nicht immer sauber unterscheiden. Manche von Illies Übungen sind auch nur mäßig lustig (erst bremsen -- und dann schnell wegfahren, wenn der Tramper sich dem Auto nähert -- harhar...) oder sogar ausgesprochen bedenklich ("Unser klassenfeindliches Klassensystem hat leider niemandem mehr beigebracht, soziale und finanzielle Unterschiede als ein Naturgesetz zu akzeptieren"), aber die Frage nach der Moral des Ganzen, die Illies durchaus nicht nur implizit stellt, ist -- neokonservativ hin, Schnösel her -- zweitrangig. Denn was jede Generation (X, Y oder Golf) schätzt: Der Mann weiß zu unterhalten. --Axel Henrici -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Florian Illies, seit seinem 2000 erschienen Bestseller "Generation Golf" in aller Munde, gelang mit dieser "Anleitung zum Unschuldigsein" eine amüsante, aber den Punkt treffende Darstellung unserer teils selbst gemachten, teils aufoktroyierten Gewissensbisse. Denen zu entkommen in der Tat eine überaus sinnvolle Maßnahme wäre. In dem Live-Mitschnitt einer Lesung in Köln wechselt Florian Illies leicht und ungezwungen zwischen der eigentlichen Lesung aus seinem Buch und aktuellen Kommentaren etwa zu den Grünen oder einem gleichzeitig stattfindenden Fußballspiel . Kapitel wie "Heute versuche ich mit meinem Partner zu sprechen" - in einem späteren Kapitel geht es um den Sex - oder "Heute fahre ich nach Italien und schäme mich dort 24 Stunden, ein Deutscher zu sein." sind Highlights dieser Lesung. Eine witzig gemachte Analyse unserer absurden Gewissensnöte, wie gemacht zum Immer-wieder-Anhören! Live-Lesung des Autors, Dauer: ca. 82 Minuten, 2 CD. Auch als MC erhältlich (3895849243).
-- culture.text -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Das nächste Problem ist, dass das Buch um einige Jahrzehnte zu spät kommt, weil im angehenden 21. Jahrhundert sowieso schon Zynismus und Ellenbogen samt ihrer infernalischen Heerschaaren regieren, und man "Betroffenheit" eh nur noch vom Hörensagen kennt. Das war beispielsweise in den Achtziger Jahren mit ihrem Jesuslatschen- und Jute-statt-Plastik-Kult noch ganz anders (Zitat Sigi Zimmerschied: "Ich war ja so was von betroffen ... also SOWAS von betroffen! Also, so gut hab' ich mich schon lang nimmer g'fühlt!"); seinerzeit hätte so ein Buch wohl noch eher wider den Stachel zu löcken vermocht.
Und noch was -- etwas das ich Illies echt übel nehme: das Ganze hat so eine schwer fassbare Allerwelts-Seichtigkeit. Da wird auf ganz hohem niveau gehadert, alles wirkt so flach, so Prozac-mässig. Alles ist darauf abgestellt dass es einem bloss nicht zu nahe geht. Das ist wie in einer amerikanischen sitcom, wo gutaussehende junge Menschen mit hochbezahltem job und gepflegter Freundin in ihrem loft in New York sitzen, und darüber Tränen vergiessen dass sie irgendwo vom Türsteher nicht reingelassen wurden. Alles ist dreht sich nur um den kleinsten gemeinsamen Nenner: ja, auch ich habe mal einen Schokoriegel zuviel gegessen; auch ich verliere allenthalben Socken; ich war auch schon mal auf einem langweiligen Klassentreffen; ich hatte auch schon mal Blähungen; etwas mehr Sport zu treiben oder für Afrika zu spenden könnte mir nicht schaden; auch andere Menschen haben Probleme, ich bin nicht alleine, wie schön.
Übung: heute machen wir das Buch eines hoffnungsvollen deutschen Jungautors nieder, obwohl unser eigenes literarisches Talent noch nicht mal für Urlaubspostkarten ausreicht. Dann setzen wir uns vor den Fernseher und schauen Fussball.
Wohl kein anderes Buch geht derart schonungslos mit unseren tiefsten Zweifeln an den normalsten Dingen der Welt, wie z.B. Urlaubstage, Rosenverkäufer und Frauenparkplätze, ins Gericht. Wer seinen 30. Geburtstag gerade hinter sich hat, die ersten Versuche einer festen und Dauerhaften Beziehung überlebt hat und dennoch nicht spontan schwul geworden ist, kann sich in diesem Buch seine ganz persönliche Packung abholen.
Florian Illies durchleuchtet in diesem Buch jeden noch so kleinen Winkel unseres durchschnittlichen Lebens und schafft es beinahe im Minutentakt, dem Leser ein lachendes "das kenne ich" abzuverlangen.
Wäre dieses Buch gnadenlos autobiografisch zu verstehen, müßte man Herrn Illies vermutlich aufmunternde Worte zukommen lassen. Da man sich in diesem Buch jedoch viel zu häufig selbst wiederfindet, hat man überhaupt keine Zeit, derartige Bekundungen zu formulieren.
Ich jedenfalls muß seit der Lektüre dieses Buches bei meinen zahlreichen Besuchen in Restaurants und Kneipen immer wieder laut loslachen, wenn ich den Rosenverkäufer zur Tür hineinkommen sehe, oder mir ein kleiner Diddl-Anhänger kommentarlos neben die Pasta Gorgonzola gelegt wird.
Dieses Buch ist der absolute Spaß für alle, die sich selbst und das Leben nur in bedrohlichen Situationen ernst nehmen!
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