Der im Jahre 1961 erschienene Kurzroman "Ankunft im Alltag" der Schriftstellerin Brigitte Reimann erzählt von der Integration der Jugendlichen Recha, Curt und Nikolaus in die Arbeitswelt der ehemaligen DDR. Dabei erleben die drei Abiturienten die sozialistischen Begebenheiten und werden in dem Kombinat "Schwarze Pumpe" mit bisher noch nie dagewesenen Schwierigkeiten und ungewohnten Aufgaben konfrontiert. Im Laufe der Handlung wird deutlich, dass die Charaktere der Protagonisten nicht unterschiedlicher angelegt sein könnten: Recha, 17- jähriges Mädchen zeichnet sich durch den starken Willen aus, eigenständig zu werden, allerdings ist sie aufgrund ihres familiären Hintergrundes vorbelastet, besonders durch die ermordete jüdische Mutter. Curt ist hingegen ein draufgängerischer und in gewisser Weise auch narzisstischer Junge, der ständig mit seinem Vater prahlt und sich auf dessen Erflog auszuruhen scheint. Jedoch stellt sich schnell heraus, dass es sich lediglich um eine scheinbare Überlegenheit seinerseits handelt, fühlt er sich insgeheim doch einsam und unsicher. Nikolaus ist schüchtern, verhält sich meist unbeholfen und kehrt seine moralischen Ansichten sowie seine Charakterstärke, welche er beide in sich vereint, erst im Laufe der Erzählung nach außen.
Infolge dieser von Grund auf unterschiedlich konzipierten Figuren, kann sich der Leser entweder mit ihnen identifizieren oder sich von ihnen distanzieren. Allerdings teilen die drei Jugendlichen durchaus auch Gemeinsamkeiten wie zum Beispiel ihre Unsicherheit in Bezug auf das eigene Verhalten gegenüber ihrer Umwelt. Weiterhin führen die lediglich mit einem Buchstaben abgekürzten Ortsnamen bei der Leserschaft zu einer verstärkten Identifikation mit dem Geschehen.
Zunächst fällt es den Dreien schwer sich nach der Schulzeit in das ungewohnte Brigadeleben einzufügen und sich mit der neuen Lebenssituation zurechtzufinden. So prägen Meinungsverschiedenheiten und Unverständnis die Atmosphäre. Schließlich gelingt es Recha und Nikolaus sich in die sozialistische Gesellschaft einzufügen und sich als Teil dieser zu verstehen. Dem eigensinnigen Curt gelingt dies erst am Ende der Handlung, also beinahe alles zu spät erscheint.
Erwähnenswert ist weiterhin die Tatsache, dass sich die Jungen in Recha verlieben, wobei es zu einem Konkurrenzkampf der beiden um die Gunst des Mädchens kommt, welches sich selbst jedoch nicht zwischen Curt und Nikolaus zu entscheiden vermag und sich in der Dreiecksbeziehung sichtlich wohl zu fühlen scheint.
Interessant ist auch die Nähe der Autorin Brigitte Reimann zur Handlang, hat sie doch selbst im Kombinat Schwarze Pumpe gearbeitet. Dementsprechend flossen ihre persönlichen Erfahrungen und Impressionen in den Roman mit ein. Reimann stellte eine Vertreterin des "Bitterfelder Weges" dar, nachdem Autoren es sich zum Ziel machen sollten, durch Arbeit in Betrieben einen engeren Kontakt zum Volk herzustellen. Es wird gleich deutlich, dass "Ankunft im Alltag" die typischen Merkmale der Ankunftsliteratur verkörpert: so stehen Probleme bei der Erziehung zu einer sozialistischen Persönlichkeit, die Entwicklung einer sozialistischen Produktionsweise, aber auch die Konflikte zwischen Individuum und Gesellschaft im Vordergrund. Auf diese Weise wird auch die Notwendigkeit der Mitwirkung und des Einsatzes des Einzelnen für eine Ankunft im Sozialismus, das zentrale Motiv des Kurzromans, verständlich.
Schlussendlich ist zu sagen, dass "Ankunft im Alltag" eine charakteristische Erzählung der Ankunftsliteratur darstellt, zumal es das sozialistische Arbeitsleben und Alltagsgeschehen deutlich in den Mittelpunkt stellt. Dennoch kommt die Unterhaltung des Lesers, einerseits wegen der Dreiecksbeziehung der Protagonisten, aber auch der sich entwickelnden persönlichen Reife der Figuren, nicht zu kurz.