Die Ratten verlassen das sinkende Schiff.
Aufgrund eines ausgeprägten Sinnes für Gefahren sind die Nagetiere in der Lage, bereits frühzeitig auf Bedrohungen zu reagieren. In einer nicht allzu fernen Zukunft macht sich die Wissenschaft diesen Umstand zunutze und bildet Frauen durch Hormonbehandlungen zum menschlichen Äquivalent aus. Ihre Aufgabe ist es, den Präsidenten der Vereingten Staaten zu beschützen. Doch was, wenn alles darauf hindeutet, daß dieser nicht das erste Opfer eines bevorstehenden Krieges ist, sondern dessen Verursacher?
Mit ihrem aktuellen Thriller beweist die Autorin Marina Heib stilistische Kreativität, indem jedes der zahlreichen Kapitel aus der Perspektive einer anderen Figur jeweils in der ersten Person erzählt wird. Diese Technik wirkt zunächst ob der Fülle an handelnden Personen verwirrend, gewinnt jedoch zunehmend an Klarheit und erfüllt zweierlei Funktion: Einerseits erleichtert die erste Person die Identifikation mit den Charakteren, andererseits findet sich der Leser ortsunabhängig stets innerhalb des aktuellen Geschehens. Zudem verzichtet die Autorin im ersten der vier Teile bewußt auf die Entwicklung einer konkreten Handlung, um Vertrautheit mit der Ausgangssituation zu schaffen.
Der kontinuierliche Wechsel der Perspektiven ermöglicht es auch, jede der agierenden Personen mit einer eigenen Stimme sprechen zu lassen. Marina Heib legt Wert auf Differenzierung im Idiom, was sich gerade in den inneren Monologen bemerkbar macht, wenn einzelne Situationen abhängig von der Perspektive unterschiedlich eingeschätzt und kommentiert werden. Daß sich dadurch keine der Figuren dezidiert als Haupthandlungsträger etabliert, bildet die Komplexität des Geschehens ab.
Ein Präsident, der durch Präkognition als möglicher Auslöser einer Katastrophe entlarvt wird, erinnert an Stephen Kings "Dead Zone" und verleiht dem Plot durch die Zwangsrekrutierung verurteilter Straftäterinnen zusätzlich an Kontroverse. Ist die Zukunft festgeschrieben, oder sind wir in der Lage, sie zu beeinflussen, wenn wir um sie wissen? Mit dieser Fragestellung lächelt dem Leser auch Philip K. Dick entgegen, dessen Romanverfilmungen "Minority Report" und "Paycheck" ebenfalls laut diese Gedanken wälzen.
"... die Sätze wurden vom Knattern eines Maschinengewehrs in Fetzen gerissen."
"Katya war der Meinung, daß das B der wundervollste, anschmiegsamste Buchstabe überhaupt sei ..."
Mit Zitaten wie diesen beweist die Autorin Sinn für poetisch anmutende Metaphern, die für das Thrillergenre beinahe wie ein Stilbruch wirken. Im konkreten Fall schaffen sie jedoch sprachliche Inseln im reißenden Strom der Spannung, die den Roman in besonderer Weise aufwerten.
Kurzum, mit "Animus" läßt sich der Leser auf ein feinsinnig erzähltes spannungsgeladenes Abenteuer ein, das leise das Spiel von Ursache und Wirkung hinterfragt.