| ||||||||||||||||||
Produktinformation
|
Thomas Hettches glänzender Venedig-Essay «Animationen»
Von Stephan Krass
In Berlin war Nacht. Nox. Als der Erzähler erwachte, sah er, wie die «reglosen Glieder» der Stadt, die «innersten Organe» ihres Körpers sich langsam zu regen begannen, um «taumelnd Worte und Bilder durch den Organismus zu pumpen». Mit dem «Gedächtnis ihrer Leitungen und Kameras» konnte der Stadtkörper wahrnehmen, wie das «Unvorgesehene» immer tiefer in ihn eindrang. Die Stadt ist ein anatomischer Kosmos aus Organen, Gewebe, Nerven, Wunden und Narben. In ihren Gefässen zirkulieren Worte und Bilder. In ihre Haut graben sich die Spuren von Geschichte. Wer von der Stadt erzählen will, muss sie mit den Augen des Vivisekteurs betrachten. Thomas Hettches zweiter Roman, «Nox», schlug das «Theater der Anatomie» in Berlin auf. Jetzt ist er nach Venedig gezogen. «Animationen» heisst sein erzählender Essay aus der Lagunenstadt.
Der Autor findet die «fremde Schönheit» wie den «Leib eines Schiffbrüchigen auf dem Wasser». Venedig erscheint ihm als «vollkommen horizontale Stadt», eine «Stadt ohne Unterwelt». Der ganze urbane Raum schwimmt. So taucht er ein in den Kosmos dieses Ortes auf der Grenze von Wasser und Land, von flüssig und fest, von fern und nah, und stösst an die Grenze von Wort und Bild, Ereignis und Fiktion, Sehen und Erzählen. Der Stadtkörper ist Textkörper geworden.
Es ist die «bewundernswerte Fremdheit, die Venedig ausmacht», sagt der Erzähler. Bei seinen Stadterkundungen erschliesst sich ihm, dass in Venedig die Fremdheit weiblich ist. War Rom das Haupt der Welt (caput mundi), so figurierte Venedig als «dessen reich geschmückter Leib: die maiden city». Doch nicht nur die Stadt, auch das Meer ist eine Frau. Nach einer Legende bestieg am Himmelfahrtstag der Doge mit dem versammelten Magistrat die grosse Staatsgaleere, um an jenem Punkt, wo sich der Lido zum Meer öffnet, eine grosse Ampulle Weihwasser in die Fluten zu giessen. Zur Besiegelung des Rituals warf er einen goldenen Ring hinterher. Die Vermählung mit dem Meer war vollzogen. Von da an konnten die Pilger- und Handelsgaleeren in See stechen. Indem er das Meer rituell auf die Rolle der Frau festlegte, konnte der Doge seine Herrschaft auch über das Wasser errichten. Im Italienischen ist das Meer männlich. Im venezianischen Dialekt ist es weiblich: la mer.
Heisser Kern
In 30 Betrachtungen, die alle im Assoziationsraum der «fremden Schönheit» angesiedelt sind und in klugen Erkundungsgängen, die die Haupt- und Nebenstrassen der Stadt durchstreifen, kreist der Erzähler den heissen Kern seines Essays langsam ein. Was geschieht mit dem «Gebäude der Sprachwelt», in dem Literaten über die Flure flanieren, Theoretiker die Wände beschriften, Wortartisten ihr Seil spannen und die Leser gebannt auf den Treppen hocken, wenn Sprache nicht mehr der «universelle Code» ist, der die «Welt aufschliesst»; wenn das Gebäude, das jetzt noch bewohnt ist, «unter dem Sand der Bilder» begraben sein wird? Die «sprachlose Bilderwelt» der Datennetze ist schon das Medium, in dem das «Selbstgespräch des Planeten» stattfindet. Dann ist das «sprechende Tier» kein Name mehr für den Menschen, der über den Globus zieht.
Also stellt der Erzähler sich vor, «wie die Literatur noch einmal mit derselben Geste, mit der sie einst immun gegen das Verstummen der tönenden Bilderwelt der Natur entgegentrat, für jedes Hologramm und jeden simulierten Raum ein Wort finden wir, das deren Geheimnis bannt». Diese Imagination der Wiedereinsetzung des Wortes in die Lesbarkeit der Welt führt ihn auf die Spur einer Entdeckung, in der Venedig als Ursprungsort jenes Medienwechsels fungiert, in dem das Verhältnis von Wort und Bild sich neu bestimmte.
Die Schnittstelle verortet der Erzähler in dem Hauptwerk des in Venedig praktizierenden Chirurgen und Anatomen Andres Vesal, das 1543 unter dem lateinischen Titel «De humani corporis fabrica libri septem» erschien. Das Titelblatt des in Basel gedruckten Buches zeigt einen prächtigen Anatomiesaal, in dem der Professor vor zahlreich erschienenem Publikum einen Frauenkörper seziert. Während die Barbiere unter dem Sektionstisch die Messer schärfen, präsentiert der Anatom den neugierigen Blicken der Zuschauer die freiliegenden Organe im Leib der Frau. Die Illustrationen der «Fabrica» so der Erzähler «sind bahnbrechend in medizinischer wie künstlerischer Hinsicht».
In der Darstellung anatomischer Praktiken enthüllt er uns jenen «modernen Primat des Bildes», in dem die Abbildung nicht mehr als Ornament des Textes erscheint, sondern ihrerseits den einstmals autonomen Text in die Rolle des Kommentators zwingt. Der Blick in das Innere des Körpers eröffnet eine neue Dimension des Sehens, deren Komplexität nur in einer Umkehrung der semantischen Ordnung begegnen kann. Der Text wird zur Bildlegende. So emanzipiert sich das Bild von seiner dienenden Funktion als Illustration und etabliert sich als eigenständiges visuelles Medium.
Eine Parallelentwicklung zeigt der Erzähler an jenem «Urtext der modernen Pornographie» Aretinos «I Modi» , der 1525 mit Stichen von Marcantonio Raimondi gedruckt, die «illustrierende Verdopplung» von Bild und Text in ein dialogisches Verfahren überführt, bei dem der Blick des Lesers die Korrespondenz zwischen Bild und Text herstellt. So treffen sich am Anfang dessen, «was man Moderne nennt», die Entwicklungsstränge einer Körperbetrachtung, die Literatur und Medizin als Pornographie und Anatomie entfalteten. Und Venedig ist der Ort. Hier machten «Anatomie und Kunst, Bilder und Pornographie den Körper zu jenem Raum, in dem wir uns seitdem bewegen als unserem lebendigen Territorium, das die Medien nicht aufhören zu transformieren nach der Massgabe unserer Sehnsucht».
Dass die Lagunenstadt zudem der Ort war, wo im 16. Jahrhundert die Spiegelindustrie eine frühe Hochkonjunktur erlebte, ist als Pointe auf die mediale Inszenierung des modernen Blicks fast zu schön, um wahr zu sein. Der Erzähler lässt es bei einer Anspielung bewenden.
Wie die Faszination des (nackten) weiblichen Körpers die Spannung zwischen Betrachtung und Fiktionalisierung, zwischen Sehen und Erzählen auf die Spitze getrieben hat, das rekonstruiert Hettches Erzähler anhand von Flauberts Begegnung mit der legendären Kurtisane Ruschiuk Hanem in Ägypten. «Wenige Schilderungen in seinem Werk sind von einer vergleichbaren Elastizität und Schönheit.» Und doch weiss er auch um den Preis für die Melancholie jener Bilder, die sich dem Versagen, dem Widerstehen verdanken. Es ist die «Dialektik von Selbstauslöschung und Selbstkonstruktion des Schriftstellers», die sich «über dem weiblichen Körper» herstellt. Hier tritt die Literatur mit den Bildern in die «entscheidende Konkurrenz».
So ist es kein Zufall, dass in den Kontext dieser Reise eine wenige Jahre zuvor entwickelte Apparatur gehörte, die dem Verhältnis von Sehen und Erzählen jenen revolutionären Schub verleihen sollte, der zum endgültigen Primat der Bilder führte. Flauberts Kindheitsfreund, der Journalist und Schriftsteller Maxime du Camp, hatte den Auftrag, das junge Medium der Photographie zur Dokumentation der Reise einzusetzen. Damit war die Inszenierung des Blicks auch technisch vollzogen. Es war der letzte Akt in einem Stück, dessen Gegenstand die neuzeitliche Ikonographie ist.
Bild ohne Vor-Bild
«Photographie war der letzte Beleg der Wahrheit natürlicher Körper. Die neuen elektronischen Medien begründen eine Bildwirklichkeit, in der die Frage, was ein Bild belegt, gegenstandslos geworden ist. Damit endet die Geschichte der modernen Körper, wie sie in Venedig begann.» Computergenerierte Bildverfahren brauchen keine realen Körper mehr. Das Bild entsteht ohne Vor-Bild.
Den Befund des Verschwindens einer epochalen Kulturtechnik ohne zivilisationskritisches Lamento, sondern mit der Gelassenheit eines abgeklärten Theorie-Flaneurs zu konstatieren, gehört zu den grossen Vorzügen dieses Erzähl-Essays; «bei aller Melancholie des Blicks zurück hat er die Parameter für das Kommende schon abgesteckt». Thomas Hettche hat mit diesem Werk Massstäbe für ein Genre formuliert, das in der deutschen Gegenwartsliteratur seinesgleichen sucht. Philologische Gelehrsamkeit, intellektueller Scharfblick und souveräner Sprachgestus gehen in dieser Essay-Erzählung eine glückliche Liaison ein.
In den Gassen der Stadt sind uns noch Goethe und Adorno, Georg Simmel und Casanova, ein Mann mit Zigarillo, vor allem aber jene Contessa begegnet, die dem Erzähler von einer merkwürdigen Begegnung in einer unheimlichen Liebesnacht berichtet. Auf der Bühne der «Stadt ohne Unterwelt» versammelt der Erzähler ein Arsenal jener Figuren und Kräfte, die an der Karriere der modernen Visualisierungstechniken mitgearbeitet haben, in seiner poetischen Sprachwelt öffnen sie den Raum für eine Geschichte der Inszenierung des Blicks.
Was mit einem venezianischen Bilderreigen, einer Prozession entlang der Opferstöcke der Schaulust, begonnen hat, endet mit dem Abheben der Pioneer-10-Rakete in fremden Galaxien. Auf einer Aluminiumplakette an der Aussenhaut des Raketenkörpers ist die Abbildung eines nackten Paares zu sehen. Sie lächeln, aber sie schauen sich nicht an. Der Mann hebt den Arm zum Gruss. Sind sie die Vorboten eines neuen Bilderreichs?
Tags(Was ist das?)Bei einem Tag handelt es sich um ein Schlagwort, das zum Produkt passt.
Tags erleichtern allen Kunden die Suche und die Sortierung ihrer Lieblingsprodukte. |
|
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel:
|
||||||||||||||||||||||
|
Die hilfreichsten Kundenrezensionen
2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein schwieriges aber lohnendes Buch,
Von
Rezension bezieht sich auf: Animationen (Gebundene Ausgabe)
Hettche schreibt in Venedig über Venedig und seine seltsame Grenzkonstruktion zwischen Wasser und Land, geht über zu anderen Grenzen - denen von Literatur und Kunst. Er spannt einen weiten Bogen zwischen der künstlerischen Betrachtung von Körpern über Arretinos pornographische Gedichte bis zur anatomischen Sicht auf den Menschen. Hettche findet Gemeinsamkeiten und Entwicklungen, umkreist sein Thema und kehrt immer wieder nach Venedig zurück.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Klicken durch die Kultur des Abendlandes,
Rezension bezieht sich auf: Animationen (Gebundene Ausgabe)
Das Essay hat seit Montaigne nichts an seiner Anziehungskraft, seinem leichten erzählend- informierenden Stil verloren. Thomas Hettche begibt sich auf die Suche nach der Herkunft seiner Wörter und Medien. Der Leser begleitet seine essayistische Reise mit Goethe in die Schweiz und Flaubert in den Orient. Alles strebt auf die alte Serenissima Venedig zu, dort treffen sich die Spuren. Dort, so seine These, entstanden unsere kulturellen Bilder der Liebe. In Venedig trafen sich erstmals die anatomischen Betrachtungen des Körpers mit denen der Kunst und Literatur. Dort liegt der Ursprung der anatomischen und pornografischen Körperschau der Träume, Kunst und Literatur. Das Buch beschränkt sich aber nicht auf ein Thema. Hettche spannt den Bogen von der Unbeschreiblichkeit der Fresken Tizians bis zur Raumkapsel Pioneer 10. Er verbindet auf wundersame Weise das Einwahlgeräusch eines Modems mit den Ratten und dunklen Gestalten Venedigs. In dem Buch finden sich einige Illustrationen und immer wieder Fußnoten, die auf Erklärungen oder Internetseiten am Ende des Buches hinweisen. An dieser Stelle liegt auch das Hauptmanko des Buches: stets muss man blättern, um zu den Anmerkungen zu gelangen. Wieder und wieder den PC bemühen, der ja meist nicht gerade in der bevorzugten Leseecke steht. Hat man aber erst einmal die "geografischen" Voraussetzungen geschaffen; den Kopf frei von der Außenwelt, der PC summt leise und der Tee ist noch heiß, begibt man sich auf eine wundersame Reise in die Welt eines wunderbar "animierten" Wissens in das alte Venedig, die ewig alte Stadt und deren Künste. Ein ideales Herbstbuch. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
5.0 von 5 Sternen
grandios,
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Animationen (Gebundene Ausgabe)
Thomas Hettche ist ein großer Essay gelungen, dessen brillanter Stil in jedem Winkel der Serenissima, ob auf der vergilbten Seite eines alten Folianten oder der abgelösten Tapete eines Stundenhotels, beschriebene Haut findet und mit souveräner Neugier kosmische Tiefen auslotet: Spannend, elegant,wortmächtig. Was Greenaways "Prosperos Books" für das Kino war, sind die Animationen für die Literatur. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel: Eigene Rezension erstellen
|
Die neuesten Kundenrezensionen |
|
Das Forum zu diesem Produkt
Fragen stellen, Meinungen austauschen, Einblicke gewinnen Aktive Diskussionen in ähnlichen Foren
Kundendiskussionen durchsuchen
|
Ähnliche Foren
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||