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"Gegenwart kann nur naiv betrachtet werden, deren Inhalt wird gewürdigt, wenn sie zur Vergangenheit geworden ist." (Sigmund Freud, Die Zukunft einer Illusion)
Die Ich-Erzählerin dieses bestechenden Romans im Jahr 1 nach der Vereinigung beider bis dahin getrennter deutscher Staaten berichtet aus ihren Erinnerungen, ihren Erinnerungen aus den Zeiten der Mauer, aus den Zeiten der Diktatur und aus der Zeit einer großen Liebe. So wie diese Liebe heute zum Zeitpunkt der Erzählung ebenso eine nicht mehr präsente im Sinne des Zusammenseins ist, so dient sie der Stabilisierung ihres Lebens durch die Imagination. So wie ihre Tätigkeit im Berliner Museum einen dauernden Wunsch gebar, die Fußstapfen großer Vögel aus der Frühzeit im freien Amerika besichtigen zu können, so bleibt nach ihrer großen Liebe, die sie nun in der Erinnerung mit Franz benennt, der eines Tages nicht mehr kam, die Verklärung dieser Liebe zur Illusion eines weiteren, aber von nun an zeitlosen Lebens, gewidmet dieser absoluten Liebe.
Ihre Erzählung berichtet von der Mauerzeit, von Freunden, Geliebten, Bekannten, deren Änderung und Veränderung von Ansichten, Absichten in der Neuzeit, als ihr Volk durch die Wand ging. Sie erzählt, wie die Erinnerung strömt, getrieben, ohne Zusammenhang und damit authentisch, gleichzeitig in Fragmenten. Der Verlust ihrer Liebe ist das zentrale Thema, es ist überall, egal wovon sie gerade spricht. Sie ist ehrlich ihren Gefühlen gegenüber, damit ehrlich und direkt gegenüber dem Leser.
Was ihr bleibt, ist die Erinnerung an eine Ordnung, eine fatale Staatsordnung, die in der Enge des Systems Sicherheit gab, die in eine Unordnung der Vereinigung auch privater Art mutierte und sie, wie alle anderen, eine eigene neue Ordnung ihres Lebens finden musste. Diese neue Ordnung muss eine unumstößliche sein, eine, die Bestand haben soll, eine, die archaisch oder nach Kleist modernem Rat, digital ist. Entweder oder: Tod oder Liebe, die Alternativen, "Dich zu gewinnen oder umzukommen", die Penthesilea als ihre ausschließliche Zukunft betrachtet, als gäbe es ohne Liebe kein Leben.
Und dieser Art ist trotz allem ihre Liebe zu Franz. Ihre Illusion geht soweit, dass sie glaubt, die Mauer habe fallen müssen, damit sich zwei zueinander bestimmte Herzen finden, dass das von Zeus getrennte Kugelwesen des Aristophanes seine zweite Hälfte findet, sie und er sich so vervollkommnen. Und doch erinnert sie seine streichelnden Fingerrücken auf ihrer Wange als "flüchtig, wie ein zurückgenommenes Versprechen." So wie der Fall der Mauer diese Beziehung ermöglichte, so wird die Beziehung an einer neuen Mauer scheitern, ihre vorgestellten Bilder einer Reise zur Hadrians-Wall. "Macht es einen Unterschied, ob einen die Flüchtigkeit eines Traumes enttäuscht oder die Wirklichkeit des Lebens?", so fragt sie sich selbst. Und so lässt sie sich lieber in New York festhalten, als in den in der politischen Gefangenschaft illusionsgeschwängerten Pliny Moodys Garden zu reisen. Die Illusion stirbt mit der Möglichkeit.
Als er nicht wiederkommt, verschwindet nicht ihre Liebe, sie wechselt auf eine höhere Stufe, auf die der Liebe an sich, einer Liebe, die objektfrei ist und damit absolut. Diese Liebe in ihrer höchsten Form ist Bestandteil jedes Menschen, von Geburt an. Damit wird nie Liebe herangetragen, sondern Liebe ist und bricht heraus, gleich einer vulkanischen Eruption. Sie ist ohne Wunsch, frei jeder Abhängigkeit, sie bleibt, wenn das Objekt entschwindet, sie ist, weil sie ist. Und die "Gründe der Liebe" sind genau die, die Harry Frankfurt im gleichnamigen Buch zusammenfasst: Nichts anderes als Liebe ist möglich, der Sinn des Möglichen ist kanalisiert und definiert den Kurs zur festen Selbstbestimmung. Die Illusion stirbt mit der tragischen Wirklichkeit. Die Erinnerung wird zum stabilen Anker.
Zur Findung der eigenen Identität ist der gesamte Mensch von Bedeutung, sein Denken wie sein Empfinden, diese Welt des Hingezogenseins ist erwacht in jungen Jahren, wie Musils Törleß berichtet, durch Konvention in den Kerker der brennenden Herzens verbannt und da wo wir das letzte Kratzen an den rauen Wänden dieses Kerkers hören, da findet die Protagonisten dieses Romans Zustimmung: "Denn man kann im Leben nichts versäumen als die Liebe."