Wie aus dem Nichts bricht die Welte des Dr. Alexander Hoffmann auseinander. Die Welt, die da auseinanderbricht, hat mit der Lebensrealität eines durchschnittlichen Menschen nichts gemein. Hoffmann ist ein genialer Physiker, der es nach brotlosen Jahren beim CERN in Genf mit einem revolutionären Algorithmus im Investmentgeschäft in kurzer Zeit zu einem Milliardenvermögen gebracht hat. Da kann er sich dann ohne nachzudenken eine mehrere Millionen teure Villa in Genf leisten und sich unter anderem der Sammlung von wertvollen Bücher-Erstausgaben widmen, wobei er pro Sammlerstück schon mal 50'000 Franken ausgibt. Hoffman ist verheiratet, ungewollt kinderlos, und seine Frau beginnt sich in der sterilen Gefühlskälte der Finanz- und Dplomatiemetropole Genf ihr eigenes wärmendes Universum zu erschaffen, indem sie sich als Künstlerin zu betätigen beginnt. Hoffmanns Partner in seinem Hedge Fonds, Hugo Quarry, ist ein eingebildeter südenglischer Kotzbrocken, der die wissenschaftliche Energie des von Natur aus bescheidenen Hoffmann intrigant zu kanalisieren weiss und bereit ist, auf dem Weg zum finanziellen Erfolg so ziemlich alles auf der Strecke zu lassen, Moral inbegriffen, nicht aber sein über die Massen exaltiertes Ego.
Der Untergang der Welt des Alexander Hoffmann beginnt harmlos, und doch wird dem Leser schnell klar, dass hier für den sympathischen Amerikaner mit der Introvertiertheit des genialen Naturwissenschafters der Weg in den Abgrund vorgezeichnet wird. Hoffmann geht diesen Weg wacker, denn die Zerstörung seines Lebens und seines Lebenswerks scheint perfid geplant und so versteht auch der geniale Physiker, durchaus vertraut mit allen erdenklichen komplexen Denkmodellen vorerst nicht die Formel, die hier für seinen Untergang entwickelt wurde. Verstört wie ein verletzter und blutender Stier nimmt er den Kampf auf und verteidigt seine Existenz. Doch genau so, wie Hoffmann irgendwo in den Weiten des Internets nicht wirklich nachvollziehbar sein Geld verdient, so ist auch sein imaginärer Gegner zunächst unsichtbar und irreal. Freund und Feind sind gleichermassen überall und nirgends - eine schöne Metapher auf die Verlorenheit des modernen Menschen.
Robert Harris hat einen unerwarteten Roman geschrieben. Derweil seine Leser ungeduldig auf den letzten Teil der Trilogie über das Leben des Cicero warten, überfällt er den Buchmarkt mit einer unheimlichen Parabel auf das sinnentleerte, entfremdete und ungebremste Gewinnstreben unsichtbarer Hedge Fonds-Mogule, die irgendwo in einer der Finanzkapitalen des globalen Dorfs kaltblütig und emotionslos im Minutentakt Millionen generieren. Wo alles in Geld aufgewogen wird und Gefühle ausschliesslich artifiziell sind und einzig der Durchsetzung von gewinnbringenden Strategien dienen, da gleicht der Mensch nur noch einem biologischen Organismus, der sich auf der Suche nach Geld durch ein feindliches Universum tastet und alles aus dem Weg räumt, was sich ihm entgegenstellt.
Harris zeigt uns ein apokalyptisches Bild des Innenlebens heutiger Menschen. Hoffmann und seine Frau scheinen eigentlich zu den "Guten" zu gehören. Trotzdem sind sie längst korrumpiert durch das schnelle Geld, das sich ohne Schweisstropfen am Bildschirm machen lässt. Und wir, die Leser sind, so lässt der Roman vermuten, längst selbst unterweg mit Dr. Alexander Hoffmann, blind für unser Schicksal, und lassen uns naiv vom Bösen schubsen, immer schön auf den geplanten Untergang zu. Nun sind das nicht unbedingt neue Einsichten, die Harris mit seinem Buch mitliefert. Insgesamt wirkt seine zivilisatorische Botschaft irgendwie altbekannt und dafür mache ich auch einen Punkt Abzug.
Trotz der Botschaft und der Stimmung, die der Roman mit sich trägt: hier handelt es sich um einen spannenden und äusserst unterhaltenden Roman mit glaubhaften Charakteren. Modern und kompromisslos sowie bildhaft in der Sprache ist "Angst" eine fesselnde Lektüre.