Kurzbeschreibung
Ein Mord geschieht, der Täter reist in ein Dorf an der Grenze, seine Entdeckung durch die Polizei steht bevor. Es ist der Fall des ehemaligen Tormanns Josef Bloch.
Über den Autor
Peter Handke, geb. 1942 in Griffen/Kärnten. Nach seiner Kindheit, die er im Berliner Ostsektor und in Griffen verlebte, studierte er in Graz Jura. 1965 brach er nach der Veröffentlichung seines ersten Romans sein Studium ab und arbeitet seither als freiberuflicher Schriftsteller. Er lebte zunächst in Graz, dann in Düsseldorf und Berlin, Paris, Kronberg im Taunus, in den USA und ab 1979 längere Zeit in Salzburg. Zur Zeit wohnt er in Chaville in Frankreich. 1973 wurde Peter Handke mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet und 2007 erhielt er den Berliner Heinrich-Heine-Preis, 2008 den Thomas-Mann-Literaturpreis, 2009 wurde er mit dem Franz-Kafka-Literaturpreis ausgezeichnet.
Auszug aus Die Angst des Tormanns beim Elfmeter. SZ-Bibliothek Band 13 von Peter Handke. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Dem Monteur Josef Bloch, der früher ein bekannter
Tormann gewesen war, wurde, als er sich am Vormittag
zur Arbeit meldete, mitgeteilt, daß er entlassen sei. Jedenfalls
legte Bloch die Tatsache, daß bei seinem Erscheinen
in der Tür der Bauhütte, wo sich die Arbeiter gerade
aufhielten, nur der Polier von der Jause aufschaute, als eine
solche Mitteilung aus und verließ das Baugelände. Auf
der Straße hob er den Arm, aber das Auto, das an ihm vorbeifuhr,
war - wenn Bloch den Arm auch gar nicht um ein
Taxi gehoben hatte - kein Taxi gewesen. Schließlich hörte
er vor sich ein Bremsgeräusch; Bloch drehte sich um: hinter
ihm stand ein Taxi, der Taxifahrer schimpfte; Bloch
drehte sich wieder um, stieg ein und ließ sich zum Naschmarkt
fahren.
Es war ein schöner Oktobertag. Bloch aß an einem
Stand eine heiße Wurst und ging dann zwischen den Ständen
durch zu einem Kino. Alles, was er sah, störte ihn; er
versuchte, möglichst wenig wahrzunehmen. Im Kino drinnen
atmete er auf.
Im nachhinein wunderte er sich, daß die Kassiererin
die Geste, mit der er das Geld, ohne etwas zu sagen, auf
den drehbaren Teller gelegt hatte, mit einer anderen Geste
wie selbstverständlich beantwortet hatte. Neben der Leinwand
bemerkte er eine elektrische Uhr mit beleuchtetem
Zifferblatt. Mitten im Film hörte er eine Glocke läuten;
er war lange unschlüssig, ob sie in dem Film läutete oder
draußen in dem Kirchturm neben dem Naschmarkt.
Wieder auf der Straße, kaufte er sich Weintrauben, die
zu dieser Jahreszeit besonders billig waren. Er ging weiter,
aß dabei die Trauben und spuckte die Hülsen weg. Das
erste Hotel, in dem er um ein Zimmer fragte, wies ihn ab,
weil er nur eine Aktentasche bei sich hatte; der Portier des
zweiten Hotels, das in einer Nebengasse lag, führte ihn
selber hinauf in das Zimmer. Während der Portier noch
am Hinausgehen war, legte sich Bloch auf das Bett und
schlief bald ein.
Am Abend verließ er das Hotel und betrank sich. Später
wurde er wieder nüchtern und versuchte, Freunde anzurufen;
da diese Freunde oft nicht im Stadtgebiet wohnten
und der Fernsprecher die Münzen nicht herausgab, ging
Bloch bald das Kleingeld aus. Ein Polizist, den er grüßte,
in der Meinung, ihn zum Stehenbleiben bewegen zu können,
grüßte nicht zurück. Bloch fragte sich, ob der Polizist
die Worte, die er ihm über die Straße zugerufen hatte,
vielleicht nicht richtig ausgelegt hatte, und dachte an die
Selbstverständlichkeit, mit der dagegen die Kinokassiererin
den Teller mit der Eintrittskarte ihm zugedreht hatte.
Er war über die Schnelligkeit der Bewegung so erstaunt gewesen,
daß er fast versäumt hatte, die Karte aus dem Teller
zu nehmen. Er beschloß, die Kassiererin aufzusuchen.
Als er zu dem Kino kam, wurden die Schaukästen gerade
dunkel. Bloch erblickte einen Mann, der, auf einer Leiter
stehend, die Lettern für den Film mit den Lettern für
den morgigen Film vertauschte. Er wartete ab, bis er den
Titel des anderen Filmes lesen konnte; dann ging er ins
Hotel zurück.
Der nächste Tag war ein Samstag. Bloch entschloß sich,
einen weiteren Tag in dem Hotel zu bleiben. Außer einem
amerikanischen Ehepaar war er allein im Frühstücksraum;
eine Zeitlang hörte er dem Gespräch zu, das er, weil er
früher einige Male mit seiner Mannschaft zu einem Turnier
in New York gewesen war, leidlich verstehen konnte;
dann ging er schnell hinaus, um ein paar Zeitungen zu
kaufen. Die Zeitungen, weil es sich um Wochenendausgaben
handelte, waren an diesem Tag besonders schwer; er
faltete sie nicht, sondern trug sie unter dem Arm zum Ho-
tel zurück. Er setzte sich wieder an den Frühstückstisch,
den man schon abgeräumt hatte, und entfernte die Anzeigenbeilagen;
das bedrückte ihn. Draußen sah er zwei Leute
mit dicken Zeitungen gehen. Er hielt den Atem an, bis
sie vorbei waren. Jetzt erst bemerkte er, daß es sich um die
beiden Amerikaner gehandelt hatte; im Freien hatte er sie,
die er vorher nur im Frühstückszimmer, an einem Tisch,
gesehen hatte, nicht wiedererkannt.
In einem Kaffeehaus trank er dann lange an dem Leitungswasser,
das man in einem Glas zu dem Kaffee servierte.
Ab und zu stand er auf und holte sich eine Illustrierte
von den Stapeln, die auf den eigens dazu bestimmten
Stühlen und Tischen lagen; die Serviererin, als sie einmal
die neben ihm gehäuften Illustrierten abholte, gebrauchte
im Weggehen das Wort Zeitungstisch. Bloch,
der einerseits das Durchblättern der Zeitschriften schwer
ertrug, andrerseits kein Heft, bevor er es ganz durchgeblättert
hatte, zur Seite legen konnte, versuchte, zwischendurch
ein wenig auf die Straße zu schauen; der Gegensatz
zwischen dem Illustriertenblatt und den wechselnden Bildern
draußen erleichterte ihn. Beim Hinausgehen legte er
selber die Illustrierte auf den Tisch zurück.
Die Stände auf dem Naschmarkt waren schon geschlossen.
Bloch schob eine Zeitlang weggeworfenes Gemüse
und Obst, das ihm vor die Füße kam, beiläufig vor sich
hin. Irgendwo zwischen den Ständen verrichtete er die
Notdurft. Dabei sah er, daß überall die Wände der Holzbaracken
schwarz von Urin waren.
Tormann gewesen war, wurde, als er sich am Vormittag
zur Arbeit meldete, mitgeteilt, daß er entlassen sei. Jedenfalls
legte Bloch die Tatsache, daß bei seinem Erscheinen
in der Tür der Bauhütte, wo sich die Arbeiter gerade
aufhielten, nur der Polier von der Jause aufschaute, als eine
solche Mitteilung aus und verließ das Baugelände. Auf
der Straße hob er den Arm, aber das Auto, das an ihm vorbeifuhr,
war - wenn Bloch den Arm auch gar nicht um ein
Taxi gehoben hatte - kein Taxi gewesen. Schließlich hörte
er vor sich ein Bremsgeräusch; Bloch drehte sich um: hinter
ihm stand ein Taxi, der Taxifahrer schimpfte; Bloch
drehte sich wieder um, stieg ein und ließ sich zum Naschmarkt
fahren.
Es war ein schöner Oktobertag. Bloch aß an einem
Stand eine heiße Wurst und ging dann zwischen den Ständen
durch zu einem Kino. Alles, was er sah, störte ihn; er
versuchte, möglichst wenig wahrzunehmen. Im Kino drinnen
atmete er auf.
Im nachhinein wunderte er sich, daß die Kassiererin
die Geste, mit der er das Geld, ohne etwas zu sagen, auf
den drehbaren Teller gelegt hatte, mit einer anderen Geste
wie selbstverständlich beantwortet hatte. Neben der Leinwand
bemerkte er eine elektrische Uhr mit beleuchtetem
Zifferblatt. Mitten im Film hörte er eine Glocke läuten;
er war lange unschlüssig, ob sie in dem Film läutete oder
draußen in dem Kirchturm neben dem Naschmarkt.
Wieder auf der Straße, kaufte er sich Weintrauben, die
zu dieser Jahreszeit besonders billig waren. Er ging weiter,
aß dabei die Trauben und spuckte die Hülsen weg. Das
erste Hotel, in dem er um ein Zimmer fragte, wies ihn ab,
weil er nur eine Aktentasche bei sich hatte; der Portier des
zweiten Hotels, das in einer Nebengasse lag, führte ihn
selber hinauf in das Zimmer. Während der Portier noch
am Hinausgehen war, legte sich Bloch auf das Bett und
schlief bald ein.
Am Abend verließ er das Hotel und betrank sich. Später
wurde er wieder nüchtern und versuchte, Freunde anzurufen;
da diese Freunde oft nicht im Stadtgebiet wohnten
und der Fernsprecher die Münzen nicht herausgab, ging
Bloch bald das Kleingeld aus. Ein Polizist, den er grüßte,
in der Meinung, ihn zum Stehenbleiben bewegen zu können,
grüßte nicht zurück. Bloch fragte sich, ob der Polizist
die Worte, die er ihm über die Straße zugerufen hatte,
vielleicht nicht richtig ausgelegt hatte, und dachte an die
Selbstverständlichkeit, mit der dagegen die Kinokassiererin
den Teller mit der Eintrittskarte ihm zugedreht hatte.
Er war über die Schnelligkeit der Bewegung so erstaunt gewesen,
daß er fast versäumt hatte, die Karte aus dem Teller
zu nehmen. Er beschloß, die Kassiererin aufzusuchen.
Als er zu dem Kino kam, wurden die Schaukästen gerade
dunkel. Bloch erblickte einen Mann, der, auf einer Leiter
stehend, die Lettern für den Film mit den Lettern für
den morgigen Film vertauschte. Er wartete ab, bis er den
Titel des anderen Filmes lesen konnte; dann ging er ins
Hotel zurück.
Der nächste Tag war ein Samstag. Bloch entschloß sich,
einen weiteren Tag in dem Hotel zu bleiben. Außer einem
amerikanischen Ehepaar war er allein im Frühstücksraum;
eine Zeitlang hörte er dem Gespräch zu, das er, weil er
früher einige Male mit seiner Mannschaft zu einem Turnier
in New York gewesen war, leidlich verstehen konnte;
dann ging er schnell hinaus, um ein paar Zeitungen zu
kaufen. Die Zeitungen, weil es sich um Wochenendausgaben
handelte, waren an diesem Tag besonders schwer; er
faltete sie nicht, sondern trug sie unter dem Arm zum Ho-
tel zurück. Er setzte sich wieder an den Frühstückstisch,
den man schon abgeräumt hatte, und entfernte die Anzeigenbeilagen;
das bedrückte ihn. Draußen sah er zwei Leute
mit dicken Zeitungen gehen. Er hielt den Atem an, bis
sie vorbei waren. Jetzt erst bemerkte er, daß es sich um die
beiden Amerikaner gehandelt hatte; im Freien hatte er sie,
die er vorher nur im Frühstückszimmer, an einem Tisch,
gesehen hatte, nicht wiedererkannt.
In einem Kaffeehaus trank er dann lange an dem Leitungswasser,
das man in einem Glas zu dem Kaffee servierte.
Ab und zu stand er auf und holte sich eine Illustrierte
von den Stapeln, die auf den eigens dazu bestimmten
Stühlen und Tischen lagen; die Serviererin, als sie einmal
die neben ihm gehäuften Illustrierten abholte, gebrauchte
im Weggehen das Wort Zeitungstisch. Bloch,
der einerseits das Durchblättern der Zeitschriften schwer
ertrug, andrerseits kein Heft, bevor er es ganz durchgeblättert
hatte, zur Seite legen konnte, versuchte, zwischendurch
ein wenig auf die Straße zu schauen; der Gegensatz
zwischen dem Illustriertenblatt und den wechselnden Bildern
draußen erleichterte ihn. Beim Hinausgehen legte er
selber die Illustrierte auf den Tisch zurück.
Die Stände auf dem Naschmarkt waren schon geschlossen.
Bloch schob eine Zeitlang weggeworfenes Gemüse
und Obst, das ihm vor die Füße kam, beiläufig vor sich
hin. Irgendwo zwischen den Ständen verrichtete er die
Notdurft. Dabei sah er, daß überall die Wände der Holzbaracken
schwarz von Urin waren.