Nicht ein „Best Of" musikalischer „Archivklassik" à la Wagner, Mahler, Bruckner oder Strauss, deren Kompositionen in zahlreichen Thomas-Mann-Verfilmungen Verwendung fanden, soll hier geliefert werden. Statt dessen, so wird in dem von Claudius Reinke verfassten, sehr informativen Begleittext betont, konzentriert sich die Werkauswahl ausschließlich auf Originalkompositionen, die „exklusiv für den Film geschrieben wurden" und „dort ihre individuelle Handschrift entfaltet haben".
Während diese programmatische Abkehr von einem reinen Zitieren der altbewährten Klassiker den Leser zunächst skeptisch stimmen mag, überrascht die CD mit einer Fülle unterschiedlichster Melodien, die vielfach auch demjenigen seltsam vertraut anmuten werden, der nicht alle hier vertretenen Werkverfilmungen gesehen hat. Ursache dafür ist das kreativ-experimentelle Spiel mit musikalischen Zitaten, durch welches vertraute Klänge neuartige und zum Teil sehr unkonventionelle Variationen erfahren, die sich dennoch leicht einprägen.
Die Sammlung besticht vor allem durch ihre atmosphärische Dichte. Beim Hören werden nicht nur die Bilder des jeweiligen Films wieder präsent. Auch ganz unabhängig von den filmischen Szenen kann man sich des Gefühls nicht erwehren, den Werken des Autors gleichsam in musikalischer Form wieder zu begegnen. Ebenso wie Manns Erzählungen einen Bogen spannen zwischen prunkvollen Milieuschilderungen und menschlichen Tragödien, so umfasst auch die hier dargebotene Musikauswahl ein breites atmosphärisches Spektrum, welches von heiteren, leicht-beschwingten Walzermelodien, wie etwa in Form der Titelmusik zu „Felix Krull" (1957) und in dem Stück „Chrysanthemen-Ball" aus der Buddenbrook-Verfilmung (1959), bis zu schwerer, getragener Dramatik, z.B. in der „Doktor Faustus"-Adaption (1982), reicht. Besonders hervorzuheben sind die von Rolf Wilhelm komponierte Musik zu „Tonio Kröger" (1964) sowie Jürgen Kniepers Stücke aus „Der Zauberberg" (1981), da sie in der hier getroffenen Auswahl die verschiedenen Stimmungslagen der jeweiligen literarischen Vorbilder gekonnt einfangen und dem Hörer direkt erlebbar machen.
Ergänzt wird das Ganze durch Informationen über Thomas Manns Beziehung zum Medium Musik, insbesondere zum Oeuvre des „Zentralgestirns Wagner", über die (musik-)historischen Zusammenhänge Mann'scher Filmadaptionen sowie zu den einzelnen Komponisten und ihren Werken.
Mag manchem auch bei erstmaligem Hören das ein oder andere Stück ein wenig eintönig erscheinen, so liefert diese CD doch nicht nur wertvolles Material für ein vornehmlich musik- und filmhistorisch interessiertes Publikum. Darüber hinaus hält sie allergrößten und über weite Strecken fesselnden Hörgenuss bereit, und zwar keineswegs nur für eingefleischte Thomas Mann-Fans, sondern in ebensolchem Maße ganz allgemein für Liebhaber anspruchsvoller Filmmusik.