Der Markt für Kommunikationstrainer, Coaches und Berater boomt. Seit einigen Jahren sind fundierte Kenntnisse und Techniken im Umgang mit Gruppen und Begleitung von sozialen Lernprozessen nicht nur gewünscht, sondern auch notwendig. Der Autor Dr. Wolfgang Rechtien Gesprächspsychotherapeut und Geschäftsführer des Kurt Lewin Institutes der Fern-Universität Hagen hat sich mit seinem Werk zu Aufgabe gemacht diesen Bedarf an Kenntnissen zu bedienen. Sein Buch ist nunmehr in der dritten, korrigierten und didaktisch aufbereiteten Auflage erschienen. Es gliedert sich in drei Kapitel:
1. Entwicklung und Geschichte der angewandten Gruppendynamik 2. ihre Formen und Anwendungsbereiche sowie 3. ihre Arbeitsprinzipien, Interventionen und Techniken
Damit bietet Rechtien nicht nur einen wünschenswerten theoretisch-strukturierenden Überblick über nunmehr mehr als 50 Jahre Gruppendynamik an, sondern stellt neuere Ansätze und Anwendungsgebiete vor und beschreibt wichtige Arbeitstechniken und Methoden.
Zu Beginn des Buches steht eine hilfreiche Auflistung von im Bereich der angewandten Gruppendynamik wesentlichen Begriffen, die kurz bestimmt und voneinander abgrenzt werden. Die Bearbeitung der Kapitel wird durch Lernzieldefinitionen zu Kapitelbeginn erleichtert und Übungsaufgaben nach Themenabschluß regen zur aktiven Mitarbeit an.
Im Rahmen der historischen Darstellung der Entwicklung der angewandten Gruppendynamik und ihrer Wurzeln aus der Gestalt- und humanistischen Psychologie stellt Rechtien die Verbindungen des Faches zu Arbeiten von u.a. Jacov Moreno und Kurt Lewin her ohne die wesentlichen wissenschaftlichen Ursprünge dieser Entwicklungen zu vergessen.
Im zweiten Kapitel, in dem es um Formen und Anwendungsbereiche geht, stellt Rechtien diverse Gruppensettings und anwendungsbezogene Veränderungen vor, die sich während der gruppendynamischen Arbeit im Laufe der Jahrzehnte ergeben haben. Stichworte sind hier Sensitivity Training, Themenzentrierte Interaktion, Johari-Fenster, Marathon-Training und diverse Kommunikations-, Interaktions- und Organisationstrainings. Damit stellt der Autor eine große Bandbreite an gruppendynamischen Anwendungsfeldern dar, die allerdings mit zu wenig Alltagsbeispielen und Sitzungsprotokollen angereichert werden und dadurch teilweise leider zu theoretisch und abstrakt bleiben.
Das dritte Kapitel beschreibt Arbeitsprinzipien, Interventionen und Techniken der angewandten Gruppendynamik. Hier werden verschiedene Arbeitsweisen einander gegenübergestellt und miteinander verglichen. Die verschiedenen Szenarien werden erklärt und deren Idee verdeutlicht. Im ausführlichen und wichtigen, aber leider sehr abstrakten Unterkapitel der Grundlagen der Interventionsmethoden beschränkt sich der Autor auf eine Aneinanderreihung graphischer Schaubilder, die er beschreibt, ohne hilfreiche praktische Gruppensituationen für die Verdeutlichung der Grundlagen von Interventionsmethoden heranzuziehen. Hier wären praktische und konkrete Hinweise, wann welche Interventionsformen nützlich und wichtig sind von großer Bedeutung gewesen. Da dieses nicht geleistet wird, scheint ein Transfer vom Buch zum Rezipienten nur halb gelungen.
Unklar bleibt Rechtien auch bei der Beantwortung der Frage, weshalb er sich für die vorgestellten Interventionsmethoden entschieden und andere Möglichkeiten der gruppendynamischen Einflußnahme ausgeklammert hat.
Im vorliegenden Buch ist Rechtien dennoch ein Werk gelungen, welches sich durch seinen fundierten Anspruch mit vielen theoretischen und auch historischen Hintergrundsinformationen abgrenzt von Übungssammlungen. Da sich das vorliegende Werk vorwiegend an Studierende und Praktiker richtet, bleibt dennoch die Frage offen, weshalb Rechtien so selten Praxisbeispiele und Beschreibungen von Gruppensituationen miteinfließen ließ, welche durchaus didaktisch hilfreich und transferfördernd gewirkt hätten. So wäre es ohne weiteres möglich gewesen innerhalb der Kapitel zwei und drei - ohne den vom Autor formulierten Anspruch keine Übungssammlung anzubieten - genauer verschiedene Gruppensituationen darzustellen, in denen bestimmte Methoden wie und warum angewendet werden können. Dies hätte gerade für die Zielgruppe der Studierenden und Praktiker durchaus auch noch abgerundet werden können durch eine Sammlung von Hinweisen zur Vermeidung von Fehlern oder Fallen, unterstützt durch mehr strukturierende und richtungsweisende Kommentare und Tips.
Ohne diese Information bietet das Buch zwar hilfreiche und interessante Einblicke in die angewandte Gruppendynamik, die Stärke liegt dadurch aber eindeutig den ersten beiden Kapiteln. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)